Über die Berliner Nazi-Organisation »Frontbann 24«

Back to the boots

In Berlin macht der »Frontbann 24« von sich reden. Die Behörden erwägen bereits ein Verbot der Gruppe, die sich die SA zum Vorbild genommen hat und der auch ehemalige NPD-Mitglieder angehören.

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Mobbing, Austritte, Flügelkämpfe, Abspaltung ganzer Kreisverbände – der Berliner Landes­verband der NPD macht seit einiger Zeit nicht den besten Eindruck. Der Berliner Innensena­tor Ehrhart Körting (SPD) sprach kürzlich von ­einer »Schwächephase« und einem »Niedergang«. Seit der den Kameradschaften nahestehende Funktionär und »nationale Barde« Jörg Hähnel im Juni vorigen Jahres den Berliner Landesvorsitz übernahm, haben sich die Auseinandersetzungen in der Landespartei stetig verschärft. Mürrische Kameraden meckerten vor allem über die durch Ämterhäufung bedingte Überforderung Hähnels und seine mangelnde »Verwurzelung« in Berlin.
Bereits im Oktober 2008 traten die Konflikte offen zutage, als Hans-Joachim Henry, der damalige Vorsitzende des so genannten Kreisverbands 3, der die Bezirke Tempelhof, Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf umfasst, gemeinsam mit Gesine Hennrich, der damaligen Vorsitzenden des Kreisverbands Marzahn-Hellersdorf, eine Demonstration gegen »Kinderschänder« organisierte. Hähnel versagte ihnen die Unterstützung. Zur Eskalation kam es schließlich Anfang Feb­ruar 2009. Hähnel und das Bundesvorstandsmitglied Manfred Börm forderten Hennrich auf, ihre Ämter niederzulegen. Sie drohten mit der Verbreitung pornografischer Bilder, auf denen die Frau zu sehen war und die im Internet kursierten.
Hennrich trat daraufhin aus der NPD aus, ein Großteil des Kreisverbands folgte ihr, der Landesverband verlor so ungefähr 20 Prozent seiner Mitglieder. Wenig später wurde auf Weisung von Hähnel die Homepage des Kreisverbands 3 abgeschaltet. Daraufhin verließen auch Henry und seine Gefolgsleute die Partei. Als der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) unmittelbar nach Henrys Austritt verkündete, dass der Verfassungsschutz über keine Verbindungen mehr in die Berliner NPD verfüge, wurden zudem Spitzelvorwürfe gegen die Abtrünnigen erhoben.

Im Februar, auf dem jährlichen Nazi-Aufmarsch in Dresden, wurde die Spaltung offensichtlich: Es gab zwei getrennte Blöcke aus Berlin, einen um Hähnel und einen anderen um Henry und Hennrich. Im Block der Abtrünnigen wurde erstmals eine Fahne mit der Aufschrift »Frontbann 24« entrollt. Es handelte sich um den ersten Auftritt einer neuen Gruppierung, die seitdem Aufmerksamkeit erregt. Das hat sicher auch mit dem martialischen Auftreten ihrer Mitglieder zu tun: Diese zeigen sich uniformiert im Retro-Nazi-Look, mit schwarzen Hemden, auf denen Reichsadler mit den Kürzeln ihrer Ortsgruppen aufgenäht sind, und erinnern ansonsten eher an traditionelle Nazi-Skinheads. So nahmen Angehörige des Frontbanns 24 an verschiedenen Aufmärschen der vergangenen Monate teil. Der Name der Gruppe bezieht sich auf die 1924 gegründete Auffangorganisation für Mitglieder der damals zwischenzeitlich verbotenen SA und NSDAP, die ebenfalls »Frontbann« hieß.
Nachdem die Kameradschaft Tor und die Berliner Alternative Südost im Jahr 2005 verboten worden sind, stellt der Frontbann 24 nach Einschätzung des Verfassungsschutzes den Versuch dar, eine neue Kameradschaft in Berlin zu etablieren. Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) sieht aber Unterschiede zu klassischen Kameradschaften. »Deren Merkmal ist unter anderem eine sozialräumliche Orientierung«, sagt Bianca Klose von der MBR. »Der Frontbann 24 präsentiert sich zwar als Kameradschaftsverbund mit verschiedenen Ortsgruppen. Diese sind aber bisher kaum durch örtliche Aktivitäten, geschweige denn politische Aktionen, aufgefallen«, führt sie weiter aus.

Der Frontbann 24, dessen Mitglieder nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes 30 bis 45 Jahre alt sind, hält nichts von neumodischen Erscheinungen wie den »Autonomen Nationalisten« und setzt eher auf die alte Schule. Nach unterschiedlichen Schätzungen gehören mindestens zehn und höchstens 60 Personen zu der Gruppe. Zu den Mitgliedern zählen nach Angaben des Verfassungsschutzes unter anderem Gesine Hennrich und andere ehemalige NPD-Mitglieder, insbesondere solche aus Schöneweide, Treptow, Marzahn und Neukölln. Die Mitgliedschaft des Musikers Bodo Dreisch, der als Liedermacher »Midgards Stimme« bekannt ist, lässt demnach auch auf Verbindungen in die rechtsextreme Musikszene schließen. Enge Kontakte bestehen auch zum ehemaligen Kreisverband 3 um Henry, der auf der Internetseite »ex-k3-berlin.de« über den Frontbann 24 berichtet und diesen verlinkt. Verbündete hat die Gruppe auch beim dieses Jahr von zwei NPD-Kreistagsabgeordneten im Vogtland (Sachsen) gegründeten Freien Nationalen Bündnis (FNB). Das FNB versteht sich als Orga­nisation für alle »freien Kräfte«, die »keine Rücksicht auf den weichgespülten, konservativen Schmusekurs der NPD-Parteibonzen« nehmen wollen.
Das Verhältnis des Frontbanns 24 zur NPD ist jedoch ambivalent. Während die Feindschaft zu Jörg Hähnel unüberwindbar zu sein scheint – der NPD-Landesvorsitzende bezeichnete die Gruppe in der Berliner Morgenpost als einen »politischen Haufen, mit dem wir nichts gemein haben« –, gibt es weiterhin persönliche Verbindungen in die Partei. Auch an NPD-Aufmärschen nahmen Mitglieder teil. Beiträge in Foren legen nahe, dass weiterhin gute Beziehungen zum ehemaligen Berliner NPD-Landesvorsitzenden Eckart Bräuniger bestehen und dass die Gruppe auch die Wiederwahl Udo Voigts auf dem Bundesparteitag im April und die damit einhergehende Politik unterstützt. »Der Frontbann 24 füllt die Lücke zwischen den ›Autonomen Nationalisten‹ und der NPD«, sagt ein Vertreter des Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums (Apabiz). »Das ist aber ein nur auf Berlin beschränktes Phänomen und steht unter Umständen mit der großen Unzufriedenheit mit Hähnel in Zusammenhang.«

Dem Berliner Innensenator Körting zufolge wird die Organisation mittlerweile beobachtet, die Behörden ziehen auch ein Verbot in Erwägung. Was dieses angeht, zeigt sich Bianca Klose von der MBR eher skeptisch: »Zum einen ist der derzeitige inhaltliche Output dieser Gruppierung sehr gering. Zum anderen steht bisher vor allem ihre selbstdarstellerische SA-Folklore auf Aufmärschen im Vordergrund.« Zumindest was diese angeht, griff die Polizei auf einer Nazi-Demonstration in Storkow (Brandenburg) Anfang Juli erstmals ein: Drei Frontbann-Anhänger mussten ihre Embleme abkleben.