»Wir gegen uns«. Eine Ausstellung zur deutsch-deutschen Sportgeschichte

Die binationale Kampfzone

Die Leipziger Ausstellung »Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland« arbeitet die deutsch-deutsche Sportgeschichte auf.

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Das erste, was einem auffällt, ist ein großes Plakat, das eine Trainingsjacke zeigt. Der Reißverschluss ist nicht ganz hochgezogen, die linke Häfte der Jacke ist blau, in weißen Großbuchstaben ist der Schriftzug »DDR« aufgestickt. Darunter ist das Wappen dieses untergegangenen Staates zu sehen: Hammer, Zirkel und der Ährenkranz auf schwarz-rot-goldenem Grund.
Rechts ist die Jacke in weiß gehalten und mit dem Bundesadler versehen. »Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland«, steht unten auf dem Plakat geschrieben, das am Eingang des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig hängt. Das sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch gut gemacht. Eine Sportausstellung also ist hier im Ableger des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.
Worum geht es da in den mehr als 1 100 Exponaten, die in mühevoller Sammelarbeit in über zwei Jahren zusammengetragen wurden? Um das legendäre Sparwasser-Tor bei der Fußball-WM 1974 in Hamburg vielleicht oder um den Ziel­einlauf von Heide Rosendahl und Renate Stecher zwei Jahre zuvor bei den Olympischen Sommerspielen in München? Zwei von vielen Sportereignissen, die sinnbildlich für die deutsch-deutsche Sportgeschichte stehen. Es geht, das vorab, aber um viel mehr. Um mehr als nur um die Anhäufung und Darstellung solcher Sportfossilien und in der historischen Nachbetrachtung fast schon sportlicher Kuriositäten.
Die Ausstellung beschreibt den Sport und seine Entwicklung in Gänze und mit all seinen Facetten. Als eine Art binationale Kampfzone, als emotionale wie ideologische Kraftquelle beider deutscher Staaten, von denen einer nur mehr Vergangenheit ist. Und das Spannendste daran sind seine Anfänge im geteilten Deutschland bis zum Mauerbau 1961. Die Zeit des Wiederaufbaus des Sports in Zeiten des Kalten Kriegs, seine Etablierung, die ersten Erfolge, die gemeinsamen Wettkämpfe, die Rückschläge, der »große und kleine Sportverkehr«, wie es offiziell hieß und vertraglich manifestiert wurde. Merkwürdigerweise ist über diese Phase der deutsch-deutschen Sportbeziehung bis heute nur wenig bekannt. Dabei ist sie die lebhafteste und spannendste zugleich, auch wenn ein gemeinsamer historischer Fixpunkt wie beispielsweise das Sparwasser-Tor fehlt.
Über 1 000 deutsch-deutsche Sportbeziehungen pro Jahr gab es bis zum Mauerbau 1961. Oft spielten sie sich unspektakulär dies- und jenseits der staatlichen Sportideologie und Staatsgrenzen ab. In Sporthallen in Kleinstädten beim Freundschaftsvergleich zwischen Turnern und Handballern oder in großen Fußballarenen wie dem Leipziger Zentralstadion. Hier trafen sich am 6. Oktober 1956 der amtierende DDR-Meister Wismut Karl-Marx Stadt und der nicht weniger als fünf Weltmeister von 1954 in seiner Mannschaft zählende 1. FC Kaiserslautern zu einem Freundschaftsspiel. Mehr als 100 000 Zuschauer strömten in das Stadion, ein bis heute gültiger Nachkriegsrekord in Deutschland für ein Fußballspiel. Fritz Walter gelang ein legendäres Hackentricktor, und das Match endete 5:3 für das Spitzenteam aus dem Westen, was gar nicht so wichtig war. Bei solchen Aufeinandertreffen von Sportlern aus dem geteilten Deutschland war oberflächlich betrachtet kaum etwas zu spüren von der höchst unterschiedlichen Ausrichtung des Sports in Ost und West.
»Mit Sport ist gut Politik machen«, das hatte der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, in den fünfziger Jahren schnell erkannt. Er, der sich selbst gerne zum Sportler stilisierte, gab die Instrumentalisierung des Sports als Ziel aus und propagierte es, wo immer es massenwirksam ging. »Der Sport sollte beim Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft helfen, ihr dienen, sie etablieren und die Menschen für diesen neuen Gesellschaftsentwurf begeistern«, sagt Michael Barsuhn, der als Historiker diese Leipziger Ausstellung mitgestaltet hat.
»Sportler sein, ist gut. Sportler und fortschrittlicher Mensch sein, ist besser«, so lautete die Losung der SED, die ihre erst 1957 gegründete Sportorganisation, den Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB), fest im ideologischen Griff hatte. Im Westteil wollte man den Sport politikfrei und unabhängig halten, was aber nur leidlich gelang. So unterstützte der bereits 1950 gegründete Deutsche Sportbund (DSB) die Bundesregierung unter Kanzler Adenauer in ihrem Anspruch, die alleinige Vertretung Deutschlands zu sein.
Trotzdem förderten beide Seiten den deutsch-deutschen Sportaustausch ausdrücklich. Und gerade deshalb war die von der BRD betriebene Isolierung der DDR in ihren frühen Jahren vielleicht nirgendwo sonst so aufgebrochen wie im Sport. Zwar nahmen DDR-Sportlerinnen und Sportler weder an den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo noch an den Sommerspielen im selben Jahr in Helsinki teil oder an der Fußball-WM in der Schweiz zwei Jahre später.
Doch schon seit 1950 kooperierten die Sportfachverbände eifrig. Es gab erste gesamtdeutsche Meisterschaften oder seit 1951 sogar eine erste gesamtdeutsche Mannschaft der Tischtennisspieler. Das war durchaus im Sinne der offiziellen DDR-Doktrin, der die gemeinsamen Teams bis Mitte der fünfziger Jahre prima in die rhetorische Wiedervereinigungsoffensive passten. Erst dann änderte sie ihren Kurs, auch weil die Sportkontakte kaum mehr politisierbar und kontrollierbar waren. Schlimmer noch, die DDR fürchtete die »Infiltration« ihrer sozialistischen Botschafter im Trainingsanzug durch den Klassenfeind. Auch dem Deutschen Sportbund missfielen die gesamtdeutschen Mannschaften immer mehr. Willi Daume, der DSB-Präsident, ­plädierte ab 1954 dafür, die DDR-Sportverbände international anzuerkennen.
Denn in den Sportarten der Leicht- und Schwerathletik wie dem Radsport waren die gesamtdeutschen Teams bei internationalen Wettkämpfen überaus populär und beliebt. Die Fans in Ost und West sahen sogar im gemeinsamen Mannschaftssport das verbindende Element und erhofften von ihm eine politische Signalwirkung für eine zukünftige Wiedervereinigung.
Die SED instrumentalisierte zunächst diese Botschaft: Die ostdeutschen Sportler waren angehalten, im persönlichen Gespräch mit ihren westdeutschen Sportkameraden SED-Losungen (»Deutsche an einen Tisch«) von sich zu geben. Der Westen jedoch wollte sich dieses Politisierungsgebaren nicht mehr gefallen lassen. Der gesamte deutsch-deutsche Sportverkehr wurde im Herbst 1952 von der BRD aufgekündigt. Erst als die DDR zwei Monate später im »Berliner Abkommen« auf den politischen Missbrauch des Sportverkehrs verzichtete, kamen die Freundschaftsspiele wieder ordentlich in Gang.
Jedoch hielt auch diese Entwicklung nicht lange vor. Mitte der fünfziger Jahre schwenkte die SED auf einen eigenen Kurs um. Ein propagandistisches »Spielen um die Einheit« hatte nun für die SED seinen Zweck verloren. Trotzdem zog die DDR-Sportführung ihre Mannschaften aus dem deutsch-deutschen Spielverkehr nicht zurück. »Die fünfziger Jahre waren geprägt durch ständige Kurswechsel auf sportpolitischer Ebene beider Seiten«, sagt der Sporthistoriker Michael Barsuhn. Und genau auch das macht die Ausstellung so sehenswert. Zu sehen ist sie noch bis zum 5. April im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig.