»Mein Blut will fließen« von James Ellroy

Die ganze verdammte Welt

Mit »Blut will fließen« hat James Ellroy nun seine Trilogie »Underworld USA« abgeschlossen. Darin werden Hauptsätze von Hauptsätzen gejagt wie Kommunisten von Agenten, und Nebensätze werden schneller gelöscht als Demonstranten verprügelt.

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Vielen deutschen Linken gelten die USA als das Böse schlechthin. Hemmungsloser Kapitalismus, wenig Sozialstaat, aggressive und zum Teil militärisch unterstützte Vertretung der eigenen Interessen nach außen, Rassismus im Inneren, überwiegend chauvinistische Regierungen, die eine konservative und egoistische Bevölkerung repräsentieren und mittels geheimdienstlicher Schurkereien bzw. Verschwörungen permanent das Völkerrecht missachten. Nicht wenige US-Linke teilen diese Projektion.
Vielen deutschen Rechten gelten die USA als das Böse schlechthin. Hemmungsloser Kapitalismus, wenig Volksstaat, aggressive und zum Teil militärisch unterstützte Vertretung fremdbestimmter Interessen nach außen, Melting Pot statt White Supremacy im Inneren, überwiegend kosmopolitische Regierungen, die eine durchrasste und abgestumpfte Bevölkerung repräsentieren und mittels geheimdienstlicher Schurkereien bzw. Verschwörungen permanent das Selbstbestimmungsrecht der Völker missachten. Nicht wenige US-Rechte teilen diese Projektion.
So manche politische Projektion erweist sich als albern, wenn man sie an der politischen Realität misst. Mit Barack Obama haben die USA einen schwarzen Präsidenten bekommen, der weniger hemmungslosen Kapitalismus, mehr Sozialstaat, weniger Kriege und mehr Diplomatie will. Und doch wirken Projektionen in der Realität fort. Weil er Ziele formuliert, ist Obama Friedensnobelpreisträger geworden, und nicht, weil er sie erreicht hat. Anders gesagt: Das Stockholmer Komitee hat ihm den Preis verliehen »for not being George W. Bush« – auch diese Projektion kann man albern nennen. Man kann sich auch einfach an ihr erfreuen. Insbesondere dann, wenn man sie mit Zielen von US-Präsidenten aus anderen Zeiten vergleicht: »Wenn die Leute mich fragen, was ich unter einer stabilen Regierung verstehe, antworte ich ihnen: ›Geld zu sechs Prozent Zinsen‹« (William McKinley um 1900, zit. n. Stephen Kinzer, »Overthrow: America’s Century of Regime Change from Hawaii to Iraq«).
Diese Wechselwirkungen von linken und rechten Projektionen und Realitäten führen in den literarischen USA geradewegs in die Romane James Ellroys. Als stupider Westküsten-Nazi, Verteiler rassistischer Hasstraktate und antise­mitischer Agitator hat er in Los Angeles angefangen, heute unterstützt er die Politik Obamas, verurteilt die Todesstrafe und fordert ein effektives Schusswaffenkontrollgesetz. Die Rechte will in ihm dennoch mindestens genauso sehr einen der ihren erkennen wie die Linke, und weil er zur Politik meistens schweigt, entstehen neue Projektionen.
Mit »Blut will fließen« (»Blood’s a Rover«) liegt nun nach »Ein amerikanischer Thriller« (»American Tabloid«) und »Ein amerikanischer Albtraum« (»Cold Six Thousand«) Ellroys dritter Teil der Trilogie »Underworld USA« auf Deutsch vor, gut übersetzt von Stephen Tree. Auch Nicht-Anglisten können, wenn sie wollen, Ellroy im Original lesen. Seine ganz eigene Romansprache ist die des globalen Boulevard, vermischt mit literarischem Pulp und dem Hard-boiled-Stil Raymond Chandlers. Hauptsätze jagen Hauptsätze wie Agenten Kommunisten, Nebensätze werden schneller gelöscht als Demons­tranten verprügelt, sogenannte Dokumenteneinschübe suggerieren so viel Authentizität in der Fiktion wie ein Interview Obamas in der Bild-Zeitung.
Die gesamte Trilogie »Underworld USA« liefert reichlich Stoff für bestehende und neue politische Projektionen. Verschwörungstheoretiker lieben Ellroys Romane schon länger, weil sie seine Fiktion (zumindest teilweise) für Realität halten wollen, und der Schriftsteller nimmt diese Liebe dankbar an, indem er so gut wie jeden politischen Kriminalfall der jüngeren US-Geschichte literarisiert. In »Blut will fließen« steht nicht mehr die Ermordung John F. Kennedys im Vordergrund wie in den anderen beiden Teilen der Trilogie. Die Handlung beginnt diesmal wenige Tage nach dem Attentat auf Robert F. Kennedy und zwei Monate nach der Ermordung Martin Luther Kings.
Ellroy hat mit den vier Jahren von 1968 bis 1972 eine Ära gewählt, die zu noch vielfältigeren Projektionen und Verschwörungstheorien einlädt. Richard Nixon wird US-Präsident, außenpolitisch eskaliert der Krieg in Vietnam, innenpolitisch häufen sich die Proteste von linken Weißen und liberalen wie radikalen Schwarzen, das Imperium des Rüstungsunternehmers und Filmproduzenten Howard Hughes hat Bestand und J. Edgar Hoover hält sich seit nunmehr über vier Jahrzehnten im Amt des FBI-Direktors, obwohl er, wie Ellroys Protagonist Special Agent Dwight Holly ausführt, »den Verstand verliert. Er ist alt und krank. Niemand traut sich, ihn vor die Tür zu setzen, weil er Schmutzakten über die ganze verdammte Welt zusammengetragen hat.«
Man kann Dwight Holly rein formal einen Protagonisten nennen, dennoch sollte man es nicht tun. Jeder Marxist hätte Recht, täte er Ellroys Romanfiguren als Charaktermasken ab. Handlanger des FBI und der CIA, Büttel von Howard Hughes und der Mafia ­sowie rechtsextreme Söldner reisen durchs Land und manchmal auch über seine Grenzen hinaus. Sie planen Anschläge und begehen sie, sie infiltrieren linke Gruppen und Organisationen, kochen Heroin auf und vertreiben es, um damit das nächste große Ding zu finanzieren. Den personellen Charaktermasken entspricht Ellroys undurchsichtiger Plot: Alles kann mit allem zusammenhängen. Aber die Schmauchspuren, die am Tag der Ermordung John F. Kennedys an den Händen eines Exilkubaners in Dallas entdeckt worden sein könnten, weisen vielleicht auch nur darauf hin, dass er mit seinem Gewehr aus Übungszwecken auf Coladosen geschossen hat, um sich auf eine nächtliche Aktion vorzubereiten, an deren Ende fünf junge Kommunisten skalpiert und tot an der Küste Kubas aufgefunden werden. Statt von Protagonisten und Charaktermasken kann man auch von politischen Psychopathen sprechen.
»Die große Fahrt« nennt Ellroy die sechziger Jahre, die in »Ein amerkanischer Thriller« am 22. November 1958 mit etwas Vorlauf beginnen und in »Blut will fließen« am 3. Mai 1972 leicht verspätet enden. Das Tempo dieser Fahrt war schon in den ersten beiden Teilen der Trilogie hoch, und auch diesmal wird von den Bremsen kaum Gebrauch gemacht. Black Panther, United Slaves, Black Tribe Alliance und Mau-Mau Liberation Front heißen neue Fahrer, von denen einige die Regeln des Rennens ebenso wenig beachten wie ihre Gegner. Start und Ziel der Fahrt ist Los Angeles, und das Los Angeles Police Department ist ganz sicher nicht die Verkehrspolizei, sondern nimmt mit eigenen Fahrzeugen an einem Rennen teil, dessen ein­fachen Teilnehmern Einnahmen aus dem Glücksspiel, der Prostitution und dem Drogenhandel sicher sind.
Andere dagegen, die in Projektionen als personalisiertes Böses erscheinen oder denen in Verschwörungstheorien viel Macht zugeschrieben wird, erwartet am Ende nur die Schmach (Richard Nixon) oder der Tod (John F. und Robert Kennedy).

James Ellroy: Blut will fließen. Aus dem amerikanischen Englisch von Stephen Tree. Ullstein, Berlin 2010. 783 Seiten, 24,90 Euro