Die Verfilmung der »Red Riding Trilogy« von David Peace

Gruppenbild mit Frauenmörder

Die »Red Riding Trilogy« des britischen Autors David Peace schildert, wie Gesellschaft und Polizei auf die Verbrechen des sogenannten Yorkshire Ripper reagierten. Die Verfilmung der Bücher ist jetzt auf DVD erschienen.

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Der Norden Englands in den siebziger Jahren. Fünf Jahre lang hält der »Yorkshire Ripper« einen ganzen Landstrich in Atem, Kinder verdächtigen ihre Eltern, nachts sind die Straßen wie leergefegt, die Chöre in den Fußballstadien ziehen Bilanz: »Ripper 12. Police 0«. Rund 11 000 Verhöre werden durchgeführt, auch Peter Sutcliffe wird in dieser Zeit befragt, insgesamt neun Mal, doch die Polizei schließt ihn immer wieder aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Irgendwann gesteht Sutcliffe die Taten. Mindestens 13 Frauen, darunter viele Prostituierte, wurden von ihm getötet, sieben weitere Opfer lebensgefährlich verletzt.
Der Schriftsteller David Peace wuchs in Yorkshire auf und blieb von den Verbrechen und der Verbrecherjagd, die sich in seiner Nachbarschaft ereigneten, nicht unbeeindruckt. 1999 veröffentlichte er dann sein literarisches Debüt. »1974« war der erste Teil des »Red Riding Quartet«, einer Tetralogie, zu der noch die Romane »1977«, »1980« und »1983« gehören. Peace nimmt den Fall des Yorkshire Ripper zum Anlass, in knappen, atemlosen Sätzen das Porträt einer paranoiden und korrupten Gesellschaft zu zeichnen. »Ich will Literatur lesen, die aus Fakten herausgerissen wurde und die Fiktionen nutzt, um die Wahrheit zu zeigen«, schreibt er in einem autobiografischen Text. Das Leben im Nordengland der siebziger Jahre ist, glaubt man den Büchern, durch und durch grauenvoll. Die Polizei foltert Unschuldige, um ihnen Geständnisse abzupressen, Schulmädchen verschwinden, ein lokaler Baulöwe lässt ein Roma-Lager niederbrennen, dem Detective, der Licht in die Machenschaften der korrupten Kollegen bringen soll, wird kurzerhand das Haus angezündet. Die Sprache ist durchzogen von eingefleischtem Rassismus und einem unverhohlenen Hass auf alles Weibliche.
Es geht in den Kriminalromanen nicht um ein individuelles Täterprofil, sondern um eine Gesellschaftsdiagnose. Während der heute anachronistisch wirkende Alltagssexismus der Siebziger etwa in der BBC-Serie »Life on Mars« eher als komisch inszeniert wird und sich ohne Weiteres auf Distanz halten lässt, nimmt David Peace das Gemisch aus Angst, Wut und Obszönität ernst, das in seinen Protagonisten brodelt. Männerbünde und Gewaltexzesse stehen in einem Kausalzusammenhang. Der Yorkshire Ripper agiert, so scheint es, aus, was durch die Träume und Alpträume der Durchschnittsmänner geistert. Erzählt wird aus der subjektiven Perspektive, in der Form eines zwischen den Figuren alternierenden inneren Monologs, der nicht immer deutlich werden lässt, was Wahn und was Wirklichkeit ist. »I woke in a rapist sweat from dreams I prayed were not my own.« Ein typischer Peace-Satz.
Es ist erstaunlich, dass ein Fernsehsender es gewagt hat, die äußerst drastischen und formal radikalen Bücher zu verfilmen. Channel Four produzierte drei Fernsehfilme, die so ziemlich das Beste sind, was im Serial-Killer-Genre in den vergangenen Jahren zustande gebracht wurde. Jeder Teil der Trilogie wurde von einem anderen Regisseur inszeniert, trotzdem wirken die insgesamt gut 300 Filmminuten wie aus einem Guss. Soundtrack und Kameraführung evozieren eine trostlose, geradezu meditative Atmosphäre, insbesondere im abschließenden Film »1983« (Regie: Anand Tucker). In »1980« (Regie: Joe Marsh) werden Anleihen beim Dokudrama genommen. »1974« (Regie: Julian Jarrold) kommt dem Noir am nächsten. Allen drei Fernsehfilmen ist gemeinsam, dass sie sich von den Limitierungen des kleinformatigen Fernsehbildschirms nicht beschränken lassen und souverän zwischen Nah- und Fernperspektive und innovativen Schnittfolgen wechseln. Die »Red Riding«-Trilogie funktioniert auch ohne Weiteres auf der großen Leinwand. Die sorgfältig komponierten Bilder des verregneten Yorkshire stellen die stilisierte Tristesse von Genreklassikern wie »Sieben« in den Schatten.
Das Drehbuch von Tony Grisoni (»Fear and Loathing in Las Vegas«) vermeidet allen genretypischen Blödsinn. Der Yorkshire Ripper ist kein Faszinosum à la Hannibal Lecter, sondern eine banale Erscheinung und wird von der Polizei, nachdem mehr oder weniger jeder mögliche Ermittlungsfehler gemacht wurde, nur zufällig gefasst. Der Fokus der drei Filme liegt auf den Verstrickungen der ermittelnden Polizisten. Was genau passiert ist, bleibt oft in der Schwebe. Mit wem man es zu tun bekommt, sobald man sich mit der wild gewordenen Staatsmacht einlässt, wird allerdings unmissverständlich klar: »Who are you going to call if someone breaks down your door, kills your dog, and rapes your wife?« fragt ein Polizist eher rhetorisch. Die Antwort: »Certainly not the Yorkshire police. They’d already be there.«
David Peace hat sich nicht gescheut, seine gewalttätigen Beamten realen Personen nachzubilden. Während man der Literatur die Vermischung der Fakten mit Spekulativem noch zugesteht, wird die Semifiktionalität eines Fernsehfilms, dessen Plot immer wieder an ein reales Geschehen anknüpft, kontrovers wahrgenommen. Die Erstausstrahlung der Filme im Frühjahr 2009 löste dann auch eine kleine Debatte in der britischen Presse aus. Ganz so korrupt, so die Kritiker, sei der Polizeiapparat nun doch nicht, auch seien keine Journalisten gefoltert worden. Zudem schieße die Serie mit ihrer polizeikritischen Haltung weit über das Ziel hinaus, wenn sie einen Mord, den Sutcliffe bis heute abstreitet, einem der ermittelnden Polizisten zuschreibt. Die Fans der Romane und der Verfilmungen würden Negativität mit Authentizität verwechseln.
Man könnte einwenden, dass man der Wirklichkeit in der Kunst eher mittels Übertreibung nahe kommt als durch die sachliche, abgewogene Reinszenierung dessen, was man für die Realität hält. Dann könnte man in David Peace so eine Art nordenglischen, humorfreien Thomas Bernhard sehen. Ein Verteidigungsversuch, von dem der Autor selbst wahrscheinlich nicht allzu begeistert wäre. »Lesen Sie nach, wie die des IRA-Terrorismus verdächtigten Birmingham Six gefoltert wurden. Dann stellen Sie fest, dass ich nicht übertreibe.« In der Welt von »Red Riding« tauchen immer wieder Verweise auf die britische Kriminalgeschichte auf, die an Polizeigewalt nicht arm ist.
Auch die in den Verfilmungen erstaunlich drastischen Folterszenen lassen sich mit dem Begriff der Übertreibung nur schwer fassen. Die Erzählhaltung ist alles andere als hard boiled, sondern wird bestimmt von Entsetzen und Fassungslosigkeit. David Peace schreibt, darin James Ellroy ähnlich, keine mystifizierenden Serial-Killer-Erzählungen, sondern eine Art delirierenden Gegenentwurf zur offiziellen Geschichtsschreibung. Die Romane und die Filme machen spürbar, womit in einer Gesellschaft zu rechnen ist, der es, wenn überhaupt, nur oberflächlich gelungen ist, die Gewalt in den Griff zu bekommen.

»Red Riding Trilogy« (3 DVDs), Kinowelt, 24, 99 EuroDie Romane sind als Taschenbuch bei Heyne erschienen.