Über Kirsten Heisigs Buch »Das Ende der Geduld«

Am längeren Ende der Sonnenallee

Eine Studie der inzwischen verstorbenen Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig warnt vor der Zunahme der Jugendgewalt. Ihre Vorschläge zur Prävention aber lassen sich nur in einem Sozialstaat verwirklichen, den es längst nicht mehr gibt.

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In rechten Internetforen blühten die Verschwörungstheorien: Dass die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig wirklich Selbstmord begangen hatte, wie die Öffentlichkeit am 3. Juli erfuhr, wollte man hier nicht glauben, sondern hielt einen türkischen oder arabischen Rachemord, der von der Regierung totgeschwiegen werde, für die einzige Erklärung. Ganz so, als wäre es nicht schon beunruhigend genug, dass ein intelligenter Mensch mit klugen Positionen irgendwann ausgebrannt aufgibt, weil er meint, keine Kraft mehr zu haben.
Kirsten Heisig, die Initiatorin des sogenannten Neuköllner Modells, hat in ihrer Funktion als Jugendrichterin durchzusetzen versucht, dass minderjährigen Straftätern schon kurze Zeit nach der Tat der Prozess gemacht wird, weil dies ihnen ermögliche, den Zusammenhang zwischen Strafe und begangener Tat zu begreifen. Nur wenn man ihnen zu Beginn ihrer drohenden kriminellen Laufbahn Grenzen setze und Konsequenzen aufzeige, so argumentierte sie, sei Schlimmeres unter Umständen noch zu verhindern. Dass es Kirsten Heisig dabei um Resozialisierung jugendlicher Straftäter ging und nicht um Rache der bürgerlichen Mittelschichtsgesellschaft an vornehmlich jungen Männern mit islamischem Hintergrund, ist spätestens mit dem Erscheinen ihres Buches »Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jungendliche Gewalttäter« offensichtlich, an dem sie in den Monaten vor ihrem Tod gearbeitet hat.
Heisig vertritt die These, dass Jugendkriminalität immer auch auf ein Versäumnis überforderter oder desinteressierter Eltern zurückgehe, mit denen sie als Jugendrichterin regelmäßig konfrontiert war. So arbeitete sie unmittelbar nach der Wende als Jugendrichterin im Ostberliner Bezirk Pankow, wo es immer wieder die kleinen Kevins und Kimberleys waren, die mit Striemen am Körper aus verwahrlosten Wohnungen gerettet werden mussten. »Dass Kimberley früh den Haushalt verlässt, ohne nennenswert beschult worden zu sein, Büstenhalter bei H & M sowie Kosmetika bei Schlecker klaut, mit 16 erstmals schwanger ist, trinkt oder Heroin drückt, auf den Strich geht und mit 20 Jahren drei Kinder hat, die seinerzeit in Pflegefamilien untergebracht werden konnten, weil es sich noch nicht um ein Massenphänomen handelte«, sei die traurige Konsequenz einer Kindheit in verwahrlosten Verhältnissen. »Dass Kevin Anerkennung und Halt in faschistischen Männerbünden suchte«, sei in vielen Fällen ebenso vorgezeichnet gewesen.
Nicht ihr Vorgehen gegen rechte Gewalttäter hat Kirsten Heisig jedoch Kritik und den Spottnamen »Richterin Gnadenlos« eingebracht, sondern ihre Tätigkeit im Berliner Bezirk Neukölln, in dem es einen hohen Anteil an jugendlichen Gewalttätern gibt; darunter sind viele Intensiv- bzw. Wiederholungstäter. Diesen Jugendlichen gilt ihr besonderes Augenmerk. Es handele sich, so Heisig, um Täter, »die häufig 30 und mehr erhebliche Taten aufweisen, (sie) haben zu etwa 90 Prozent einen Migrationshintergrund, 45 Prozent sind ›arabischer‹ Herkunft, 34 Prozent haben türkische Wurzeln. Diese Tatsachen sind insofern von Bedeutung, als etwa 10 000 ›Araber‹ in Neukölln leben, aber mehr als viermal so viele türkischstämmige Menschen. Die ›Araber‹ stellen also gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil mit weitem Abstand die Mehrheit der Intensivtäter.«
Es gibt Menschen, die wollen dies nicht hören. Aber indem man diese Fakten ignoriert, schafft man das Problem nicht aus der Welt, sucht nicht einmal nach den Ursachen, die Heisig zufolge auch in der Überhöhung des Männlichen in der islamischen Kultur zu suchen sind. So bemerkt sie über die Kindheit der straffälligen jungen Männer: »Sie werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung.«
Auch der Schulproblematik widmet Kirsten Heisig ein eigenes Kapitel, wenngleich – schließ­lich war sie Richterin und keine Pädagogin – mit weniger Sachkenntnis. Sicherlich hat sie Recht, wenn sie bemerkt, dass fast alle Mehrfachtäter auch sogenannte Schulverweigerer sind, aber mit der Abschaffung der Hauptschulen und der Einführung sogenannter Sekundarschulen parallel zum Gymnasium, wie sie sich eine populäre Forderung zu eigen macht, ist es eben auch nicht getan: Das Hamburger Reformmodell scheiterte unter anderem am Widerstand sogenannter bildungsnaher Eltern, die zu Recht befürchten, dass es ihre Kinder sein werden, die in den Sekundarschulen dann diejenigen Kinder auffangen und befrieden sollen, an denen deren Eltern ebenso wie die staatliche Institutionen bereits gescheitert sind.
Multikulti-Ideologie heißt eben auch: »Kommt halt irgendwie klar miteinander!« Und vor allem: »Seht zu, dass es nichts kostet!« Der Begriff »Integration« steht erst seit dem 1. Januar 2005 auf der Tagesordnung, der rot-grünen Regierung war es egal, mit welchen Deutschkenntnissen ein Kind eingeschult wurde, und die jetzige Regierung bzw. deren staatliche Organe, auch darüber berichtet Heisig, möchten über Kindesmisshandlungen in Einwandererfamilien lieber nicht so genau Bescheid wissen.
Die Ergebnisse dieser Wenig-Geld-aber-viel-Toleranz-Politik sind unter anderem in Neukölln zu besichtigen und lassen sich nicht nur für Kirsten Heisig – auch Neuköllner Pädagogen, allen voran die der berüchtigten Rütli-Schule, haben Ähnliches berichtet – folgendermaßen zusammenfassen: Frust, Wut, Schulversagen, Verachtung gegenüber dem Hampelmann oder der Muschi da vorne im Unterrichtsraum, die einen irgendwie belämmern wollen, Handys abziehen, Stifte, Hefte, Klamotten auch, Handy­schulden, Tilidin, Körperverletzung, Fahren ohne Führerschein, schwere Körperverletzung, Jugendarrest, Raub, Knasterfahrung sowie die nur schwer nachzuvollziehende Brutalität, mit der die Taten oft begangen werden, und immer wieder Antisemitismus. »So ist mir ein Fall bekannt«, schreibt Heisig, »in dem ein elfjähriges Kind gegenüber seiner Lehrerin äußerte, sie habe ihm gar nichts zu sagen. Sie – die Lehrerin – sei Deutsche. Und Deutsche seien Freunde der Juden, und die seien Feinde der Araber, und deshalb befolge es die Anweisungen der Lehrerin nicht.«
Dass »Du Jude!« neben »Du Opfer!« zu den beliebtesten Schimpfwörtern gehört, drückt eine Verächtlichmachung und Herabsetzung von Menschen aus, die sich in der Neuköllner Jugendkultur durchgesetzt hat. Ganz unten stehen neben Juden und Frauen (»Du Muschi!«) auch Behinderte (»Du Missgeburt!«) und Deutsche (die »Kartoffel«), vor allem aber Schwule. Was aber tun? Kirsten Heisig geht davon aus, dass es im Regelvollzug qualifizierte Hilfe für die Täter gebe, eine Annahme, die doch recht zweifelhaft ist. Schließlich kann man in einem deutschen Gefängnis zu Tode gefoltert werden, ohne dass das Personal es mitbekommt oder eingreift. Als Jugendrichterin konnte sie jedoch nicht nur Haftstrafen verhängen, sondern auch Erziehungsmaßregeln wie Antigewalttraining anordnen. Diese oftmals von privaten Trägern durchgeführten Kurse sind aber selten effektiv. Heisig berichtet begeistert von der vorbildlichen Arbeit einiger Träger, vergisst aber zu erwähnen, dass es oft die preiswerten ABM- und MAE-Kräfte sind, die in schlecht renovierten Ladenwohnungen therapeutisch arbeiten sollen. Und das ist letztlich das Problem dieses Buches: Kirsten Heisig argumentiert systemimmanent, sie glaubte an das System und ist daran gescheitert. Das System ist bereits kollabiert.

Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld. Herder, Freiburg 2010, 208 Seiten, 14,95 Euro