Dies ist keine Rock’n’Roll-Platte

Berlin Beatet Bestes. Folge 78. Danny Davis & the Twisters: »Happy New Year Twist« (1961).

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Es wäre Quatsch zu behaupten, die Nuller seien ereignis- und bedeutungslos gewesen. Ich war nur einfach nicht mehr jung. Während ich die Achtziger intensiv als Teenager und die Neunziger (schon weniger intensiv) in meinen Zwanzigern erlebt habe, vergingen die vergangenen zehn Jahre wie im Flug. Wer in den Nullern Teenager gewesen ist, wird die Zeit ganz anders erlebt haben, aber für mich war es das erste Jahrzehnt, das ich gar nicht verstanden habe. Zum Beispiel die Mode. Was hatte es mit den Bärten auf sich? Oder mit diesen viel zu engen Hipsterjeans? Und wieso gab es plötzlich alles in gedeckten Tönen und im Second-Hand-Look? Kann es sein, dass die Vollbärte, die bei jungen Männern heutzutage so beliebt sind, ein Zeichen von sozialer Abgrenzung sind? Einerseits signalisieren sie: Ich bin ein Siebziger-Jahre-Insterburg-&-Co-Typ und nicht so glattgebügelt. Andererseits sind es leicht zu beseitigende Zeichen, sie sind was für eine Übergangszeit und bedeuten: »Seht her, ich kann es mir leisten, in einer wirtschaftlich immer schwieriger werdenden Zeit rumzulaufen wie ein Penner.« Lehrlinge und junge Arbeiter tragen keine Vollbärte. Sie rasieren sich lieber und gehen zum Tätowierer. Vielleicht ist der Vollbart ja die Tätowierung des Studenten.
Die Mode der Nuller war genauso verwirrend. Immer wenn ich mit meiner Freundin in einen Klamottenladen ging, war ich irritiert. Vielleicht war das auch das Ziel: Wer nicht mindestens zur Mittelklasse gehört, versteht den Sinn von leicht schäbig und gebraucht wirkender, aber teurer Designerkleidung gar nicht. Arme wollen nicht arm aussehen. In Zeiten, in denen der soziale Druck zunimmt, ist es wichtig zu zeigen, zu welcher Gruppe man gehört. Ich vermute, wohlhabende Leute erkennen sich heutzutage am besten daran, dass sie sich so kleiden, als wären sie gar nicht wohlhabend.
Da fällt mir das Verständnis sehr viel länger zurückliegender Moden natürlich leichter. »Happy New Year Twist« ist eine Twist-Version des Liedes »Auld Lang Syne«, das in vielen englischsprachigen Ländern traditionell zum Jahreswechsel gesungen wird. Der Helvetica-Schriftzug auf dem Cover in der Extra-Bold-Variante war 1961 topmodern, schließlich hatte der Siegeszug eines des weltweit gebräuchlichsten Fonts erst wenige Jahre zuvor begonnen. Er signalisierte den als Käufern anvisierten Teenagern aber auch: Dies ist keine Rock’n’Roll-Platte.
Danny Davis und seine Twister sind für ein Orchester sogar recht fetzig. Die New Yorker Sessionmusiker unter der Leitung des Gitarristen Billy Mure nahmen als Danny Davis & the Titans im selben Jahr sogar eine ganze LP für MGM auf: »Let’s Do the Twist for Adults«. Das gesichtslose Cover dieser deutschen EP trug aber sicher mit dazu bei, dass die Gruppe unversehens in der Versenkung verschwand. Reine Typografie-Cover rocken selten. Oder rocken Computermagazine?