Die Geschichte Palästinas

Gottesstaat im Heiligen Land

Warum die Gründung eines palästinensischen Staates eine Gefahr für Israel bedeuten würde, erklärt sich aus einem Blick in die Geschichte Palästinas.

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So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht.« Als die damalige israelische Premierministerin Golda Meir im Juni 1969 in einem Interview mit der Sunday Times diese Worte aussprach, schien sie das klassische Feindbild für alle zu liefern, die Israel seither, wie etwa der Spiegel im September 1993, immer wieder eine »blindwütige Weigerung« attestieren, die Palästinenser als Volk anzuerkennen, um stattdessen weiterhin »starrsinnig die Realitäten« zu leugnen. Eines aber lässt das Nachrichtenmagazin wie die meisten anderen Kritiker der Politik des jüdischen Staates bei seinen publizistischen Attacken regelmäßig unerwähnt: Die Meinung der Ministerpräsidentin war keinesfalls eine spezifisch israelische. Sogar prominente Palästinenser äußerten immer wieder Ähnliches: »Ein palästinensisches Volk existiert nicht. Die Schaffung eines Palästinenserstaates ist nur ein Mittel, um unseren Kampf gegen den Staat Israel zugunsten unserer arabischen Einheit fortzusetzen«, sagte beispielsweise Zuheir Muhsin, seinerzeit immerhin Mitglied des Exekutivrates der PLO, gegenüber der holländischen Zeitung Trouw im Jahr 1977. Und selbst Vertreter der Hamas geben zu, dass ein Palästina als politische oder administrative Einheit ein absolutes historisches Novum wäre: »Niemals in der Geschichte waren wir ein unabhängiger Staat«, erklärte unter anderem ihr Sprecher Mahmoud Zahhar 2008 dem Economist. »Aber wir waren immer ein Teil eines arabischen und eines islamischen Staates.«

Wer ist Palästinenser?

Auf den ersten Blick mögen alle drei Zitate ähnlich klingende Aussagen enthalten. Doch zugleich enthalten sie unterschiedliche Antworten auf die Frage, was denn eine palästinensische Identität eigentlich sei und aus welchen unterschiedlichen Komponenten sie sich zusammensetze. Wenn beispielsweise Israels Premierministerin die Existenz eines palästinensischen Volkes bestreitet, dann geschieht dies nicht aufgrund eines latenten Rassismus oder purer Ignoranz. Vielmehr muss die Haltung von Golda Meir im Zusammenhang ihrer ganz spezifischen Wahrnehmung des Begriffs »palästinensisch« sowie ihrer eigenen Biographie verstanden werden. Denn streng genommen war auch sie einmal eine Palästinenserin. Schließlich firmierten die Bewohner der Region zwischen Mittelmeer und Jordan in den Jahren des britischen Mandats als »Bürger Palästinas«. Eine im Jahr 1925 in Kraft getretene Verordnung machte aus jedem, der vormals als türkischer Staatsangehöriger auf diesem Gebiet gelebt hatte, automatisch einen Palästinenser. Diese Regelung galt unabhängig von der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit der Person. Wer also als Jude bis 1948 aus Europa fliehen konnte und sich in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa niederließ, wurde so per Gesetz ebenfalls zum Palästinenser.
Es waren die Briten, die sowohl eine jüdische als auch eine arabische Selbstverwaltung förderten. Aus ganz pragmatischen Erwägungen heraus erhielten die Bewohner des Mandatsgebiets einen Pass und damit jene Form von Staatsbürgerschaft im westlichen Sinne, die zweifelsohne für sie eine identitätsstiftende Rolle spielte. Im Gegenzug für die leistungsfähige Infrastruktur, die die britische Verwaltung damals aufbaute, wurden Loyalität und die Befolgung der Gesetze eingefordert. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen bedeutete für die jüdischen Bewohner des britisch kontrollierten Territoriums die Etikettierung als »palästinensisch« das Normalste von der Welt: Ihre englischsprachige Zeitung hieß Palestine Post und die von Juden betriebene Brauerei »Palestine Brewery«.
Die Allgegenwart dieses Begriffs im jüdischen Leben vor 1948 ließ auf arabischer Seite damals sogar die Vermutung aufkommen, dass der Gebrauch des Wortes »Palästina« Teil einer zionistischen Verschwörung sei, weil er im Gegensatz zu den eigenen panarabischen Ambitionen stand und als Versuch verstanden wurde, die anvisierte »große arabische Nation« zu spalten. Aber mit der Ausrufung des Staates Israel und der jordanischen und ägyptischen Besetzung all jener Landstriche, auf denen laut UN-Teilungsplan von 1947 ein arabischer Staat hätte errichtet werden sollen, verschwand auch das britische Konstrukt der palästinensischen Staatsangehörigkeit wieder.
Für jemanden wie Golda Meir war es somit längst Geschichte, denn die Araber, die vormals auf diesem Gebiet gelebt hatten, waren entweder jordanische oder israelische Staatsbürger. Oder aber sie lebten als Flüchtlinge im Libanon, in Syrien und Ägypten, deren Regierungen den Angehörigen dieser Gruppe bis zum heutigen Tag die Bürgerrechte verweigern. Während das Haschemitische Königreich versuchte, auf der Westbank eine jordanische Identität zu implementieren, schuf der jüdische Staat die israelisch-arabische Identität, beides mit zweifelhaftem Erfolg.

Die Idee des Nationalstaats

Selbst die arabischen Bewohner der Region hätten auf die Frage »Was bist du eigentlich?« lange Zeit bestimmt nicht mit »Palästinenser« geantwortet. Denn ursprünglich standen mehrere Identitäten zur Auswahl. Bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein konkurrierten tradierte osmanische oder großsyrische Modelle miteinander, die darüber hinaus durch arabische, islamische oder auch christliche Elemente angereichert waren. Dazu kamen noch lokale Besonderheiten wie etwa die Zugehörigkeit zu einer der herrschenden Familien des Landes, etwa zu den Clans der Nashashibis, der Husseinis oder Khalidis und Hadis. Diese Aspekte waren für die arabischen Bewohner mindestens ebenso prägend wie der Herkunftsort Hebron, Nablus oder Jaffa. Aus all diesen Gründen ist es nahezu unmöglich, vor dem Jahr 1948 ein bestimmtes Ereignis als konstituierend für den palästinensischen Nationalismus anzugeben, der sich gleichzeitig mit anderen identitätsstiftenden Ideologien wie dem Panarabismus und dem Islamismus entwickelte.
Der amerikanisch-palästinensische Historiker Rashid Khalidi, selbst Sprössling einer der prominentesten Familien der Region, verortet die Anfänge einer spezifisch »palästinensischen Identität« in der Spätphase des Osmanischen Reichs sowie am Beginn der britischen Herrschaft. Damals gründeten Araber aus Palästina zahlreiche politische Clubs, die ersten in Damaskus und Paris, später dann auch im Land selbst. Gerade durch den Machtverlust Konstantinopels infolge der Niederlage im Ersten Weltkrieg sowie der Grenzziehung durch die Mandatsmächte verlor das osmanische Modell aber rasch an Bedeutung und Attraktivität. Es entstand ein politisches Vakuum, das sich mit Gruppierungen füllen sollte, die primär zunächst einmal in Opposition zu den von Frankreich und Großbritannien geschaffenen neuen Herrschaftsverhältnissen standen und neue nationale Ideologien vertraten.
Ein erster Höhepunkt dieser Entwicklung war die Ausrufung des syrisch-arabischen Staates unter Emir Faisal unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Damit war die Idee eines modernen arabischen Nationalstaats Realität geworden, wenn auch nur kurzfristig, weil Frankreich den Ambitionen Faisals und seiner Gefolgsleute rasch ein Ende bereitete. Doch die Resonanz auf die Proklamation eines arabischen Staates war gewaltig, insbesondere in Palästina. Zahlreiche gebildete Araber unterzeichneten Resolutionen an die europäischen Siegermächte, um ihrer Forderung Ausdruck zu verleihen, fortan als Bürger des neuen syrischen Staates anerkannt zu werden. »Wir betrachten Palästina als einen Teil des arabischen Syrien und nichts anderes«, hieß es beispielsweise auf dem ersten palästinensisch-arabischen Kongress in Jerusalem im Jahr 1919.
Zugleich zeigen die frühen organisatorischen Ansätze, dass die palästinensische Identität in ihren Ursprüngen vor allem ein Projekt der Eliten des Landes war, die sich in ihren Konzepten wiederum an den westlichen Nationalismus anlehnten. Aber auch die politische Orientierung an einem großsyrischen Staat verlor rasch an Attraktivität und wurde in späteren Jahren nur noch von palästinensischen Splittergruppen wieder aufgegriffen, die wie der eingangs erwähnte Zuheir Muhsin auf der Gehaltsliste des Assad-Regimes standen. Zugleich formierten sich erste rudimentäre Ansätze eines neuen nationalen Selbstverständnisses als Reaktion auf die jüdische Zuwanderung. »In dem Moment, in dem der Zionismus zu einer wichtigen politischen Kraft in Palästina wurde, hatte er auch in einem gewissen Maße Anteil an der Definition der palästinensischen Identität«, formuliert es Khalidi noch etwas verhalten. Deutlicher wird der dezidiert antizionistische Soziologe Baruch Kimmerling: »Die jüdische Nationalbewegung hatte beinahe soviel Anteil an der Erschaffung des palästinensischen Volkes wie beim Aufbau des Staates Israel.« Spätestens mit den kollektiven Erfahrungen von Niederlage und Flucht im Rahmen des Unabhängigkeitskrieges von 1948 sowie des Sechs-Tage-Krieges von 1967 war die palästinensische Identität aber zur Realität geworden.

Mutter Palästina

Angesichts dieser doch relativ kurzen Historie der Palästinenser als solche ist es bemerkenswert, dass ihre »Identität« bereits in der Palästinensischen Nationalcharta aus dem Jahre 1968 als »einzigartig« und »ewig« proklamiert wird. Per Geburt wird man automatisch zum Palästinenser, vorausgesetzt der Vater ist einer. Eine palästinensische Mutter alleine reicht nicht aus, um diesen Status zu erhalten. »Palästina ist das Heimatland des arabischen palästinensischen Volkes, es ist ein unteilbarer Bestandteil des arabischen Heimatlandes, und das palästinensische Volk ist ein integraler Bestandteil der arabischen Nation«, heißt es in der Charta weiter. Die Diktion von damals war eindeutig dem dominanten Panarabismus geschuldet, und wohl nur im Zusammenhang der arabischen Nation scheint die Formulierung »ewig« hier Geltungskraft zu besitzen. Auffällig ist nicht nur, dass Palästina wie in unzähligen anderen Resolutionen oder Statements wieder einmal als ein hybrides Gebilde beschrieben wird. Einerseits soll tatsächlich ein eigenständiger Staat diesen Namens entstehen, andererseits wird er zugleich als rechtlich nicht konkret definierter Teil einer viel umfassenderen und mächtigeren »arabischen Nation« bezeichnet, die darüber hinaus auch noch eine Fiktion darstellt.
Ebenfalls auffällig ist der Gebrauch einer stark biologistischen und femininen Metaphorik in den früheren Dokumenten der palästinensischen Nationalbewegung. Darin wird die zionistische Besiedlung als »Vergewaltigung« bezeichnet. Das Land selbst erscheint dadurch als »weiblich« und nimmt gegenüber seinem Volk gleichsam die Rolle einer Mutter ein: »Das palästinensische Volk wurde in Palästina geboren«, heißt es in der palästinensischen Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1988. Zudem mutieren Märtyrertod und Selbstopferung zu wichtigen Bestandteilen der palästinensischen Identität, und das schon lange, bevor der suizidale Terror als Waffe gegen Israel entdeckt und eingesetzt wurde. Ein hundertprozentiger Palästinenser kann nur sein, wer kämpft und sich dabei opfert. »Jede Niederlage der Palästinenser wird dabei als ein Triumph dargestellt, oder zumindest als heroischer Akt gegen alle Widrigkeiten. In ihrer Geschichte haben sie immer gegen eine Konstellation von Feinden kämpfen müssen, die schrecklich, übermächtig und unüberwindbar zugleich war«, schreibt Rashid Khalidi. »Aus dieser Perspektive ist es natürlich wenig überraschend, dass sie zwangsläufig besiegt wurden.« Der Historiker spricht deshalb von einem Narrativ des Triumphs in der Niederlage, auf dessen Grundlage ein gesellschaftlicher Konsens entstanden sei, der den ständigen Kampf und die Selbstopferung zu einer Frage der Ehre und des nationalen Stolzes erhob.
In den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Gemeinsamkeiten der Bewohner des Landes noch über Kultur und Sprache bestimmt. Das mag insbesondere der überdurchschnittlich starken Präsenz christlicher Araber in allen Unabhängigkeitsbewegungen der Region geschuldet sein, die im Konzept des Nationalstaates einen Weg zu genau der gesellschaftlichen Akzeptanz und Gleichstellung erkannten, die ihnen traditionell aufgrund ihres Dhimmi-Status verwehrt war. Auf den ersten »Palästinensischen Kongressen«, aus denen später das Arabische Exekutivkomitee hervorgehen sollte, welches die arabischen Interessen gegenüber der Mandatsmacht vertrat, wurde beispielsweise die Forderung laut, eine Art Nationalversammlung zu schaffen, die nur »von den Arabisch sprechenden Menschen, die Palästina bis zum Ausbruch des Krieges bewohnt haben«, gewählt werden dürfe. Die Partizipation von Juden an einer derartigen Vertretung war damit von Anbeginn der palästinensischen Unabhängigkeitsbestrebungen niemals vorgesehen. Doch bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren setzten eine Islamisierung und eine Panarabisierung des erst noch im Entstehen begriffenen palästinensischen Nationalismus ein, die sich auch für die Araber vor Ort als verhängnisvoll erweisen sollte. Verkörpert wurden diese Entwicklungen durch Hadj Amin al-Husseini, der von der Mandatsverwaltung zum Mufti von Jerusalem ernannt wurde. Der spätere Verbündete Hitlers und Mussolinis nahm bereits in den dreißiger Jahren gleichsam alles vorweg, was die palästinensische Nationalbewegung insbesondere nach 1967 negativ auszeichnen sollte: mangelnde demokratische Strukturen, Nepotismus und grassierende Korruption sowie ein beinahe untrügliches Gespür für die Wahl regelmäßig falscher Bündnispartner.

Das neue Reich der Gläubigen

So erließ der Mufti im Jahr 1935 eine Fatwa, die das Land Palästina als ein Territorium definierte, das von Allah und allen Rechtgläubigen den Muslimen vor Ort in Treuhänderschaft übergeben wurde. Damit verboten sich per se jegliche Konzession und jeder territorialer Kompromiss. Auf Basis dieses islamischen Rechtsgutachtens wurden sowohl die von den Vertretern der jüdischen Bevölkerung akzeptierten Teilungspläne der Peel-Kommission aus dem Jahre 1937 wie auch der UN-Teilungsplan von 1947 abgelehnt. Die Folgen sind bekannt. Das zugleich vom Mufti angeführte Arab Higher Committee, das gewissermaßen den Nukleus der palästinensischen Nationalbewegung darstellte, diente ihm dabei als Plattform zur Ausübung seines Machtstrebens. Religiöse Führung und säkularer Nationalismus gingen damals eine mörderische Symbiose ein, die mitunter bereits an Zustände in den palästinensischen Autonomiegebieten zu Lebzeiten Arafats oder dem von der Hamas beherrschten Gaza-Streifen der Gegenwart erinnern. »Nur diejenigen Araber, die dem Mufti treu ergeben waren, durften einflussreiche Posten bekleiden, und in den von Mufti-Banden kontrollierten Gebieten wurden Scharia-Gerichte eingeführt. Jeder Widerstand wurde im Keim erstickt, und Abweichler wurden liquidiert«, beschreibt der Historiker Klaus Gensicke das Terror-Regime des Gottesmannes, dem Palästina eigentlich ohnehin viel zu klein war. Vielmehr sah er sich bereits als Herrscher eines zukünftigen großarabischen Reiches, das er mit deutscher und italienischer Hilfe zu errichten hoffte. Zugleich begründete der Mufti die Tradition einer islamischen Agitation, deren Terminologie bis heute Bestand hat: Die jüdische Einwanderung wurde als gewaltsames Eindringen in die reine und tugendhafte islamische Gesellschaft dargestellt, wobei den »Ungläubigen« die Rolle zukam, wahlweise der Korruption, dem Imperialismus oder dem Kommunismus Vorschub zu leisten. Das Leben des einfachen Fellachen, des palästinensischen Bauern, den die Moderne in Gestalt des Zionismus bedrohe und seiner Lebensgrundlagen beraube, wird hier bereits geradezu zum Fetisch erhoben. In der späteren Propaganda der PLO avanciert dieser Typus dann vollends zur nationalen Ikone.
In den dreißiger Jahren wurde ebenfalls zum ersten bewaffneten Jihad gegen Briten und Juden aufgerufen. Scheich Izz al-Din al-Qassam, dessen Initiator, war bereits ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet. Denn schon während des osmanisch-italienischen Krieges um das heutige Libyen hatte der radikale Prediger Italien den Heiligen Krieg erklärt, was jedoch ohne größere Folgen geblieben war. Der Scheich war weit weg, und Konstantinopels Einfluss in Nordafrika war sowieso im Schwinden begriffen. Anders dagegen in Palästina. Die von Izz al-Din al-Qassam nicht nur spirituell angeleiteten terroristischen Zellen verübten zahlreiche Gewaltakte gegen die jüdische Zivilbevölkerung, gegen Vertreter der britischen Mandatsmacht sowie alle echten und vermeintlichen Kollaborateure. Nach dem Tod des Scheichs im Jahr 1935 wurde er zum Heros der palästinensischen Nationalbewegung und zum Namensgeber der Raketen, die heute immer wieder von Gaza auf israelisches Gebiet abgefeuert werden. Der Umstand, dass er eigentlich in Syrien geboren wurde, bestätigt die Bedeutung des Islam als einigendes Band und liefert ein Indiz dafür, dass der Kampf um Palästina fortan nicht länger allein Sache der Palästinenser war, sondern alle Muslime mit einbeziehen sollte. Der Islam durchbrach also nicht nur die traditionellen sozialen Grenzen zwischen Fellachen und Effendi oder Landbewohnern und Städtern in der arabischen Gesellschaft in Palästina, sondern er mobilisierte seine Anhänger auch über die Grenzen hinaus. Daraus sollte sich das Engagement der in Ägypten beheimateten Muslimbruderschaft ableiten, die in den vierziger Jahren in Gaza und anderen Orten im Mandatsgebiet aktiv zu werden begann.

Mythologien des Ursprungs

Genau diese Islamisierung der Nationalbewegung verursachte zahlreiche Brüche nicht nur im Kontext des palästinensischen Geschichtsverständnisses, sondern ebenfalls bei der Konstruktion einer »palästinensischen Identität«. Denn plötzlich galt es, die Universalität des Islam und den Partikularismus des Nationalstaatsgedankens unter einen Hut zu bringen. Wenn etwa die Palästinenser heute ihre Herkunft von den Kanaaniter und Jebusitern ableiten, dann ist dieser behauptete Zusammenhang reichlich problematisch. Schließlich handelt es sich bei den beiden Stämmen, die zu biblischen Zeiten das Land besiedelten, nicht um Araber und erst recht nicht um Muslime. Das Ganze entpuppt sich rasch als der Versuch, eine mythologische Kontinuität zu erfinden, deren Bezugspunkte älter seien als die israelitische Besiedlung, um auf diese Weise einfacher die jüdischen Ansprüche leugnen und abweisen zu können. Zwar müssten einer islamistischen Bewegung wie der Hamas, die alle Relikte aus vorislamischer Zeit im Regelfall als »Jahiliya« – also als aus einer »Epoche der Unwissenheit und Dunkelheit« stammend – verdammt, solche konstruierten Traditionen eigentlich ziemliche Schwierigkeiten bereiten. »Aber genauso wie der Prophet des Islam zu seiner Zeit behauptete, dass Abraham der erste Muslim gewesen sei, machen die Palästinenser heute die Kanaaniter zu ihren Vorfahren«, beschreibt der Islamwissenschaftler Raphael Israeli von der Hebräischen Universität in Jerusalem diesen Umdeutungsprozess. Selbst im panarabischen Zusammenhang sind Kanaaniter und Jebusiter kaum vereinbar. Doch in der arabischen Welt ist das Jonglieren mit Identitäten nichts Ungewöhnliches und gehört beinahe schon zum guten Ton. Völlig problemlos etwa schlugen Nasser und Sadat eine Brücke zwischen ihrer Präsidentschaft und den Glanzzeiten der Pharaonen, die natürlich ebenfalls weder Araber noch Muslime waren. Tunesiens Machthaber bemühten zu ihrer Selbstlegitimation die Phönizier, und auch Iraks Diktator Saddam Hussein wollte sein Schreckensregime veredeln, in dem er sich propagandistisch als Neuauflage von Mesopotamiens Herrscher Hammurabi in Szene setzte.
»Insbesondere im Kampf gegen den Kolonialismus wirkt der Islam identitätsstiftend«, erklärt der Anthropologe und Nationalismusforscher Ernest Gellner. Damit mag er Recht haben, gerade am Beispiel des Machtzuwachses der Hamas lässt sich jedenfalls beobachten, wie der Islam sich immer stärker zur dominanten Komponente einer palästinensischen Identität entwickelt hat. Doch wenn eine Nationalbewegung und der Islam fusionieren, stellt sich sehr schnell eine gewisse Ambivalenz ein. Diese Doppeldeutigkeit lässt sich nicht nur für die Jahre vor 1948 konstatieren, sondern ebenfalls in der Gegenwart. Denn die Islamisten können mit dem Konzept des Nationalstaates im Regelfall so gut wie gar nichts anfangen. Genauso ist auch die Äußerung des Sprechers der Hamas, Mahmoud Zahhar, gegenüber dem Economist zu verstehen: Das Projekt der Hamas sprengt die Dimensionen eines gewöhnlichen bürgerlichen Staates, der von Menschenhand geschaffen wird.
Man selbst definiert sich nur als Teil eines großen Ganzen, und das ist von Allah allein geschaffen und determiniert. Selbstverständlich ist daher auch für die Propagandisten der Hamas, die ein Ableger der Muslimbruderschaft ist, das Ziehen von nationalen Trennungslinien in der arabischen Welt nichts als westliches Teufelswerk, oder, wie es der ägyptische Ideologe des Islamismus, Sayyid Qutb, 1966 formulierte, »spirituelle Dekadenz«. Ganz ähnlich argumentierte übrigens bereits Zahhars Vorgänger Ibrahim Ghawsha: »Niemals gab es in unserer arabischen und islamischen Geschichte Grenzen.« Gleichzeitig beschuldigte er seine Rivalen von der PLO, die palästinensische Identität zu stark in den Vordergrund zu stellen und auf diese Weise nationalen Partikularinteressen Vorschub zu leisten. Gemäß der Ideologie der Hamas haben sich diese gefälligst den weit gewichtigeren arabischen und islamischen Bindungen unterzuordnen. Deshalb kommt dem Nationalstaat dieser Ideologie zufolge bestenfalls die Bedeutung einer Etappe auf dem Weg zu einem fiktiven supranationalen Gemeinwesen zu, in dem allein die Sharia die Rechtsnormen bestimmt. Allerdings möchte man auf den Nationalismus als mobilisierende Kraft trotzdem keinesfalls verzichten. Wie diese Quadratur des Kreises funktionieren kann, führte Hassan al-Banna bereits in den dreißiger Jahren in Ägypten vor. Schließlich konnte selbst der Gründer der Muslimbruderschaft den am Nil weit verbreiteten Nationalismus nicht einfach ignorieren. Also deutete er kurzerhand die Religion als Quelle einer wahren Liebe zur Heimat um, für die es sich auf jeden Fall zu kämpfen und zu sterben lohne.
Doch bei der Adaption solcher mythologischen Erklärungsversuche müssen die palästinensischen Islamisten innovativer als andere sein. Während die Apologeten eines Gottesstaates in Syrien und Ägypten mit dem Hinweis auf die großartige Rolle ihrer Heimatländer in der Vergangenheit neben allem Universalismus gleichfalls einen ausgeprägten Lokalpatriotismus an den Tag legen können, haben die Palästinenser Schwierigkeiten, mit einer derart glamourösen Historie aufzuwarten, da es sie als ethnische oder nationale Einheit schließlich nie gegeben hat. Da kann nur die religiöse Mythologisierung des Stammesgebietes Palästina Abhilfe schaffen. Das gesamte Territorium wird zum Heiligen Land erklärt, das innerhalb der islamischen Welt eine ganz besondere Rolle spiele, weil hier den religiösen Überlieferungen zufolge die erste Begegnung zwischen Gott und den Menschen stattgefunden habe. Auch das funktioniert nicht ohne Verrenkungen, weil im eigentlichen islamischen Sinne nur Jerusalem heilig sein kann. Die arabische Bezeichnung »al-Quds«, zu Deutsch »Die Heilige«, interpretiert die Bedeutung der Stadt in genau diesem Sinne. »Der Begriff ›Heiliges Land‹ wurde erstmals im Koran im Zusammenhang mit den Juden erwähnt (Sure al-Ma’ida: 21), und zwar als Moses zu den Kindern Israels über ihren Einzug dort sprach«, schreibt Meir Litvak, Islamwissenschaftler am Moshe Dayan Center for Middle Eastern and African Studies. Er weist auch darauf hin, dass die Hamas inhaltlich an die Fatwa des Muftis aus dem Jahr 1935 anknüpft, worin Palästina zum Eigentum der gesamten islamischen Nation deklariert wird. Gemäß dieser Formel haben selbst die Palästinenser kein Recht, über das Land zu verhandeln, weder in der Gegenwart noch in der Zukunft.

Die Grenzen des Heiligen Landes

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl die Führer der Hamas als auch die der PLO von einem Palästina sprechen, das vom Jordan bis zum Mittelmeer reichen soll und ihren ideologischen Vorstellungen entsprechend eine gleichsam naturwüchsige historische und politische Einheit darstellt. Dabei unterschlagen sie, dass genau diese Entität das Produkt der britischen Mandatspolitik aus den zwanziger Jahren gewesen ist. Plötzlich sollen die im Namen des als verbrecherisch verabscheuten Imperialismus gezogenen, vermeintlich willkürlichen Grenzen von damals die Grenzen des Vaterlandes von morgen abgeben, für dessen Errichtung gegebenenfalls der Märtyrertod gestorben werden muss. Und genau wie die PLO, die zuvor auf religiöse Motive wie die Bedeutung der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zurückgegriffen hatte, um ihren Anhängern ein Identitätsangebot bereitzustellen, in dessen Namen gegen den zionistischen Feind mobilisieren werden konnte, beginnen nun auch die islamistischen Gruppen, sich munter am Arsenal nationaler Symbole wie der Flagge oder kämpferischer Logos zu bedienen. Der Religion entlehnte Begriffe wie »Jihad« oder »Shahid« für die als »Märtyrer« zu Tode gekommenen Mitglieder der jeweiligen Gruppierungen benutzten mittlerweile sowieso längst beide Strömungen.
Kreativität ist ebenfalls gefragt, wenn es im Zusammenhang islamisierter Identitäten um die Rolle der nicht islamischen Bewohner des Landes geht. »Auch wenn sie einem anderen Glauben angehören, sind Christen aufgrund ihrer Zivilisation und ihrer Kultur Muslime«, lässt die Hamas hierzu verlauten. Gerechtigkeit und Frieden zwischen Muslimen, Christen und Juden kann es ihr zufolge nur dann geben, wenn der Islam die herrschende Kraft ist und die Gesellschaft dominiert. Was das konkret bedeutet, wissen die christlichen Palästinenser nur zu gut. In Scharen verlassen sie das Land, insbesondere, seit die Islamisten in Gaza, aber auch in der Westbank eine politische Konstellation geschaffen haben, in der eine palästinensische Identität faktisch nur noch als Teil einer islamischen zugelassen ist. Und genau dieser Ansatz, den reinen nationalen Bezugsrahmen zu erweitern und in einen universellen einzubinden, scheint sich als eines der größten Hindernisse für eine Einigung zwischen Israel und den Palästinensern zu erweisen. Denn schließlich läuft es dem Lösungsansatz von zwei Nationalstaaten auf dem Gebiet westlich des Jordans zuwider: Während die vordergründig säkulare PLO noch von einer Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Zionisten sprach und sich allenfalls als eine von vielen nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt verstanden hat, mit denen man gemeinsam gegen Imperialismus und Kolonialismus kämpfe, radikalisierte die Hamas diesen Kampf im Laufe der Jahre zu einem Krieg der Muslime gegen die Juden.
Das erklärt die offen antisemitische Diktion der Charta der Hamas, die unverhohlen nahelegt, dass Gewalt nicht allein gegen israelische Staatsbürger legitim sei. Und weil sie sich selbst als integralen Bestandteil der arabischen und islamischen Welt begreifen, sehen sie in den Israelis ebenfalls keine Nation, sondern lediglich eine religiös-ethnische Gruppierung oder nur die Angehörigen einer Konfession, die selbstverständlich keinerlei legitimen Anspruch auf das von ihnen reklamierte Heilige Land anmelden könnten. Sollten die Vereinten Nationen demnächst allen Ernstes beschließen, einen unabhängigen Staat Palästina anzuerkennen, wäre der Kampf der Palästinenser gegen die Juden also keineswegs beendet, nur weil es nun neben dem jüdischen eben auch noch einen palästinensischen Staat gäbe. Im Gegenteil erhielte dieser Kampf dadurch eine nationalstaatliche Basis. Viel Gutes wäre von einem solchen Beschluss also gewiss nicht zu erwarten. Bestenfalls schreibt Shlomo Sand ein neues Buch mit dem Titel »Die Erfindung des palästinensischen Volkes«.