Der Obenbleiber

Ich-AG des Jahres

Von Ivo Bozic
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Bereits das Jahr 2010 hatte sich zu ­einem großen Teil in einer Gegend abgespielt, aus der normalerweise alle Menschen wegziehen: Stuttgart. Örtliche Proteste wegen eines Bahnhofs, die Entstehung des »Wutbürgers«, eine von Webcams live übertragene Schlichtung – das war großes Kino aus der Provinz. Hatte man Anfang 2011 gehofft, nun sei mal gut mit der Aufmerksamkeit für diese völlig überschätzte Ortschaft, die zuvor nur durch Stammheim und die Stuttgarter Kickers bekannt geworden war, wurde man bitter enttäuscht. Auch 2011 schrieb das penetrante Schwabennest Geschichte: Als Folge des Bahnhofskrieges wurde der ehemalige KBW-Genosse Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident und setzte ­sogleich einen ersten grünen Volksentscheid zum einzigen grünen Thema, Bahnhof (oben oder unten), durch. Die Gegner der Baumaßnahme waren sich sicher, 99 Prozent zu sein. Doch dummerweise zeigte sich, dass die befragte baden-württemberger Bevölkerung eigentlich viel lieber einen zeitgemäßen Durchgangsbahnhof unter der Erde haben möchte. Und nun soll also doch weitergebaut werden. Oder besser gesagt: sollte. Denn so, wie ein Tsunami in Japan das Ende der Atomkraft in Deutschland auslöste, hat nun ein kleiner unscheinbarer Käfer, der in irgendwelchen Bäumen in der Stuttgarter City seine Eier in durch Schimmelpilze entstandenen braunfaulen Mulm ablegen soll, das erreicht, woran eine ganze Generation von Demo- und Wutschwaben gescheitert ist: Die Baumaßnahmen wurden per Gerichtsbeschluss gestoppt, weil nicht geklärt ist, wohin der kleine Juchtenkäfer soll.
Eigentlich heißt er Osmoderma eremita, auf Deutsch: Eremit, und seine Familie nennt sich Rosenkäfer. Das klingt doch ganz gut und ist es auch. Denn der gemeine Juchtenkäfer ist definitiv weniger charakterlos als der gemeine Stuttgarter: Er wählt nicht aus Protest eine Partei, die dann – Überraschung! – das durchsetzt, was er angeblich verhindern wollte. Und mit ihm lässt sich auch keine Alibischlichtungsshow mit Geißler inszenieren. Nein, der Käfer hält weiter tapfer in eisiger Kälte Bäume besetzt, während die ehemaligen Wutbürger, jetzt ganz besinnlich, nebenan die letzten Weihnachtsgeschenke einkaufen. Im nächsten Jahr stürzt der Käfer dann den Bundespräsidenten und die Bundesregierung, sorgt dafür, dass die Präsidentschaftswahlen in Turkmenistan scheitern und die Olympischen Spiele in London nicht stattfinden können. Happy New Year!