»Der Umweg« von Gerbrand Bakker

Himmel oder Hölle

Gerbrand Bakker ist mit »Der Umweg« ein feiner Roman über die Unwägbarkeiten des Lebens gelungen.

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Wenn man etwas nicht sehen oder wahrhaben möchte, verschließt man die Augen davor, oder man läuft weg. Und was passiert dann? Natürlich, es holt einen wieder ein. So geht es auch Agnes, der Protagonistin in Gerbrand Bakkers jüngstem Roman »Der Umweg«. Eines Tages packt die Doktorandin kurzerhand ihre Koffer und lässt ihre alte Heimat Amsterdam hinter sich: ihren ahnungslosen Ehemann, ihre Doktorarbeit über die berühmte Lyrikerin Emily Dickinson, ihre Stelle an der Universität und auch ihre kurzzeitige Affäre mit einem ihrer Studenten. Sie reist nach Wales und quartiert sich in einem einsamen Landhaus ein.
Und eigentlich könnte dieses schicke Landhaus mit den Wiesen und Weiden, dem kleinen Schuppen und den Gänsen ringsum auch das perfekte Versteck sein. Hier könnte sie in Ruhe ein Rosenbeet anlegen, das alte Haus ausbessern, spazieren gehen und Ordnung in ihre Gedanken bringen. Doch es kommt ganz anders: Als sie einen Moment lang nackt ruhend auf dem nah gelegenen Steinkreis sitzt, wird sie von einem Dachs ins Bein gebissen. Im Dorf glaubt ihr niemand, kein Mensch hat einen Dachs bei Tag gesehen oder ist je von einem gebissen worden. Schon spricht man über die »Dachsfrau«. Auch verringert sich die Anzahl der Gänse vor ihrem Haus von Tag zu Tag auf merkwürdige Weise, ein grober Bauer sitzt morgens unangemeldet in ihrer Küche, und beim Friseur sieht sie sich mit ihrem eigenen Spiegelbild konfrontiert – genau das wollte sie gerade vermeiden.
Es kommt noch schlimmer, natürlich: Eines Morgens steht der junge Bradwen mit seinem Hund in der Tür. Eigentlich soll er nur die Route für einen neuen Fernwanderweg erkunden. Offenbar hat er für diesen Auftrag aber alle Zeit der Welt und außerdem auch nicht die geringste Absicht, seine Gastgeberin nach einer stärkenden Mahlzeit bald wieder zu verlassen. Im Gegensatz zu dem aufdringlichen Bauern zuvor ist Bradwen jedoch höflich und aufgeschlossen, und so muss auch Agnes sich – fürs Erste – eingestehen, dass der Junge ihr guttun könnte.
Behutsam und unaufdringlich entfaltet Gerbrand Bakker die Geschichte einer Frau, die vor sich selbst auf der Flucht ist, dabei aber immer wieder von ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Gedanken eingeholt wird. Ob es das unaufhörliche Schnattern der Gänse ist, das Agnes keine Ruhe lässt, oder der »Altweibergeruch«, den sie immer wieder an ihrem Körper wahrzunehmen glaubt und bestmöglich zu verdrängen sucht, den aber auch der junge Bradwen in seiner liebevollen Art nicht ganz zu vertreiben vermag. Erschließt sich die Geschichte des Romans dem Leser anfangs nur langsam, so entwickelt sie im Laufe der Zeit einen umso größeren Sog. Zuweilen mit Humor, zugleich aber auch mit einer großen Ernsthaftigkeit, schreibt der niederländische Autor über die schweren Tage im Leben einer Frau, die mit einer kurzen Affäre ihre Ehe und Karriere aufs Spiel gesetzt hat. Doch das ist nicht alles; Agnes ist zudem krank, wenn auch unklar ist, wie schwer. Trotz dieser Lasten gelingt es ihr aber – gemeinsam mit Bradwen – immer wieder, Momente der Unbeschwertheit und Freude zu erleben. Blöd nur, dass Agnes’ Ehemann sich inzwischen auf die Suche nach ihr gemacht hat, mit Hilfe eines befreundeten Polizisten.
Gerbrand Bakkers Roman porträtiert eine Frau, die auf den ersten Blick alles zu haben scheint, was man sich im Leben wünschen kann. Dies schränkt ihre Freiheit zugleich aber auch erheblich ein: Agnes sieht sich gezwungen, die immer gleichen Wege zu gehen, mit denselben Menschen zu verkehren, will sie sich nicht den Unmut der anderen zuziehen. Schnell wird jedoch klar, dass dieser Zustand für sie unbefriedigend ist.
Was passieren kann, wenn man das gespannte Netz einmal verlässt und einen Schritt zur Seite macht, zeigt der Roman eindrucksvoll. Durch die Affäre gerät Agnes’ Leben vollends aus den Fugen: Ihre Ehe, ihre berufliche Zukunft an der Universität, aber auch ihr Selbstbild geraten gehörig ins Wanken. Bakker spielt dieses Experiment in »Der Umweg« konsequent durch und wirft die Frage auf, wie es weitergehen kann, wenn die gewohnte Welt zusammenbricht. Er zeigt auf, wie fragil unsere Welt trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – ihrer Ordnung und Sicherheit ist, die wenig Platz für Veränderungen und neue Bedürfnisse lassen. Wie mit einem Male alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen kann, wenn man nur eine Karte aus diesem Haus herauszieht.
Dem stellt Bakker mit dem jungen Bradwen einen offenbar vogelfreien, unbeschwerten Burschen gegenüber, der zwar kaum über Hab und Gut verfügt, dafür jedoch umso fröhlicher und unabhängiger durch die Welt zu wandern scheint. Schon allein sein Job, das Erkunden und Festlegen der Fernwanderwegsroute, illustriert symbolisch seine Beweglichkeit und Freiheit – im Kontrast zu Agnes’ festen Ordnungen. Zudem hat Bradwen offenbar alle Zeit der Welt, um diesen Job zu erledigen. Erst später soll klar werden, dass auch Bradwens Leben nicht so frei und unkompliziert ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.
Die Geschichte lebt besonders von ihrer konstant aufrechterhaltenen Spannung, da die niederländische Gastgeberin, Agnes, stets nur einen Schritt davon entfernt ist, den kecken, unnachgiebigen Bradwen endgültig vor die Türe zu setzen und sich ihrem Unglück zu ergeben. Es ist ein äußerst schmaler Grad, ein steter Kampf zwischen den zwei Polen, den die Protagonistin mit sich selbst ausfechtet: zwischen der Möglichkeit einerseits, sich zu öffnen und das Leid zu teilen, und dem Impuls andererseits, niemanden mehr an sich heranzulassen. »Indem sie ihn festhielt, blieb auch sie auf den Beinen«, heißt es sinnbildlich an einer Stelle.
Mit »Der Umweg« ist Gerbrand Bakker ein lesenswerter, ernste Fragen aufwerfender Roman gelungen. Allein den Humor, der seinen früheren Roman »Oben ist es still« noch so wundervoll getragen hat, vermisst man hier ein wenig.

Gerbrand Bakker: Der Umweg. Suhrkamp, Berlin 2012, 228 Seiten, 19,95 Euro