Über die Retter der Vorhaut und den Säkularismus

Kampf der Supermänner

Warum das Verbot harmloser religiöser Rituale nicht Teil einer säkularen, religionskritischen Position ist.

Wenn Menschen sich lautstark und mit aufgeregter humanitärer Rhetorik für die Rechte anderer einsetzen, ist es oft schwer zu entscheiden, ob sie dabei von echtem Interesse am Anderen oder doch nur von den eigenen projektiven und identitären Bedürfnissen getrieben werden. Fürs Erste hilft eine einfache Faustregel: Wenn die selbstberufenen Retter keinen nennenswerten Zuspruch aus der Gruppe erfahren, um deren Wohlergehen sie sich angeblich sorgen, liegt der Verdacht nahe, dass es um ganz andere Dinge geht. Suspekt ist daher jener Chor der moralisch Empörten, die sich nach dem jüngsten Urteil des Kölner Landgerichts für ein Verbot religiös begründeter Beschneidungen einsetzen. Während man ohne Mühe Hunderte Statements findet, in denen Zirkumzisionsgegner die Beschneidung als grausame Verstümmelung wehrloser Kinder darstellen, bleibt eine Suche nach Opferinitiativen jüdischer oder muslimischer Jungen und Männer, die sich selbst als verstümmelt begreifen und nachfolgenden Generationen das gleiche Schicksal durch ein staatliches Verbot ersparen wollen, ergebnislos. Ob sich diejenigen, die das Kölner Urteil als »wegweisend« und als Erfolg für die Freiheit muslimischer und jüdischer Jungen feiern, je die Frage gestell haben, warum sie so wenig Unterstützung von den Betroffenen erfahren?
Wahrscheinlich nicht. Denn die unermüdlichen Streiter sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich wechselseitig in moralischer Empörung zu überbieten, als dass Zeit für solche Reflexion bliebe. Dies gilt vor allem für die zahllosen anonymen Kommentatoren im Internet, die ihrer Phantasie freien Lauf lassen und sich die Beschneidung als besonders blutrünstige und grausame Form von Kindesmissbrauch ausmalen.
Aber auch das Lager des organisierten Säkularismus und Atheismus in Deutschland tut sich durch drastische Rhetorik hervor. So spricht der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten von Beschneidungen als »Verstümmelungen« und »religiösen Übergriffen«, die »wehrlosen und ihren Eltern ausgelieferten Jungen« Schaden zufügten. Die Laizisten in der SPD gehen noch etwas weiter, indem sie den jüdischen und islamischen Religionsgemeinschaften vorwerfen, mit der Beschneidung nicht nur wehrlose Kinder, sondern auch »fundamentale Grundrechtsvorschriften« zu verletzen und »ein eigenes – göttliches – Recht zu schaffen«. Mit jeder Zirkumzision wird demnach auch ein Stück Grundgesetz weggeschnitten.
Viele der neuen Atheisten missverstehen Säkularismus und Religionskritik als schlichten Gegensatz zur Religion und stellen sich eine moralische Entwicklung der Menschheit vor, bei der die menschenfeindliche religiöse Tradition nach und nach durch eine areligiöse menschenfreundliche Moral ersetzt wird.
Religionskritik und Säkularismus, die ihren Namen verdienen, sind jedoch etwas anderes als die bloße Gegnerschaft zu allem Religiösen. Vielmehr heißt Säkularismus, dass die allgemein verbindlichen Gesetze einer Gesellschaft nicht durch den Bezug auf offenbarte Wahrheiten einer bestimmten religiösen Tradition begründet sind, sondern durch universalistische Argumente, die sich auch in einer weltlichen Sprache nachvollziehen lassen. Ein so verstandener Säkularismus kann mit Religionen in Konflikt geraten. Dies gilt einerseits dann, wenn religiöse Gruppen selbst einen politischen Herrschaftsanspruch erheben und ihre religiösen Regeln zu allgemein verbindlichen Gesetzen machen wollen, andererseits dann, wenn Religionsgemeinschaften interne Praktiken pflegen, die universalistischen Normen widersprechen, etwa wenn sie die Menschenrechte verletzen.
Das Mindeste, was nötig wäre, um die religiös begründete Beschneidung der Vorhaut von Jungen als einen solchen Normbruch zu kennzeichnen und ein staatliches Verbot zu legitimieren, wäre ein weitgehender medizinischer und psychologischer Konsens darüber, dass es sich bei der Beschneidung tatsächlich um eine »schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit« handelt, wie es das Kölner Landgericht behauptet. Von einem solchen Konsens kann jedoch keine Rede sein. Die in Judentum und Islam vorgenommene Beschneidung ist nüchtern betrachtet eine Unannehmlichkeit, die man den Jungen ersparen könnte, sie zieht aber bei sachgemäßer Operationshygiene und Narkose weder gesundheitliche noch sexuelle Beeinträchtigungen nach sich. Sie kann getrost unter die zahlreichen Entscheidungen eingereiht werden, die Erziehungsberechtigte für ihre Kinder treffen müssen und die deren späteres Leben irreversibel beeinflussen: Das betrifft die Ernährung, die Wahl der Schule, den Medienkonsum, die kieferorthopädische Behandlung und so weiter. Irgendwo in diesen Katalog gehört die Frage der Beschneidung von Jungen – und nicht unbedingt an die vorderste Stelle.
Dennoch wäre es im Rahmen einer ernsthaften Religionskritik von Interesse, die Vorstellungen von Männlichkeit, Gemeinschaft, Väterlichkeit, Gesetzlichkeit, Autorität, Sexualität und Reinheit zu diskutieren und zu problematisieren, die mit der Beschneidung in Judentum und Islam verbunden sind. Zu einer solchen kritischen Reflexion eines zweifelsohne archaischen Rituals liefert die gegenwärtige Debatte jedoch keinen nennenswerten Beitrag. Vielmehr fragt man sich angesichts der überzogenen Kritik an der Beschneidung: Was treibt Menschen, in ihrer Mehrheit christlich oder atheistisch und unbeschnitten, dazu, so viel Zeit und Energie in die Rettung der Vorhäute zu investieren?
Bei den meisten Organisationen dürfte es vor allem das Selbstbild sein, demzufolge sie sich als Frauenrechtler oder Religionsgegner ohnehin in einem andauernden Kampf mit der Religion im Allgemeinen oder dem Islam im Besonderen befinden. Entsprechend freut man sich über jede Gelegenheit, einen Triumph über den Gegner zu feiern.
Betrachtet man aber die in Internetforen sprießenden Phantasien über Beschneidungen als schreckliche Gewalt, vor der Kinder durch den Staat gerettet werden müssen, ist davon auszugehen, dass noch andere Triebkräfte am Werk sind. Die Kinder von ohnehin als verdächtig geltenden religiösen Minderheiten werden als zu rettende Opfer, ihre Eltern als Täter imaginiert. Über beide Gruppen dürfen sich die selbsterkorenen Retter erhaben fühlen.
Während dieses Theorem davon ausgeht, dass die übertriebene Ablehnung der Beschneidung auf eine Abneigung gegen Islam oder Judentum zurückgeht, könnten auch umgekehrt die Phantasien über die Beschneidung ein Ursprung des Ressentiments gegen Juden und Muslime sein. Davon jedenfalls war Sigmund Freud überzeugt, der zu dem Schluss kam, dass der von ihm beschriebene Kastrationskomplex »die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus« sei. Durch die als Kastration fehlinterpretierte Beschneidung werde die von Jungen in der Kindheit entwickelte Angst, vom übermächtigen Vater zur Strafe für die Freude am eigenen Penis und die Begierde nach der Mutter kastriert zu werden, aktiviert und projektiv nach außen gewandt: als Verachtung, Hass und Angst gegenüber der die Beschneidung praktizierenden Religionsgemeinschaft.
Innerhalb des Intaktivismus, wie sich die insbesondere in den USA aktive Bewegung für intakte Vorhäute nennt, gibt es eindeutige Beispiele für solche Projektionen. Ein besonders eklatantes ist der Superhelden-Comic »Foreskin Man« des kalifornische Vorhaut-Aktivisten Matthew Hess, von dem mittlerweile drei Ausgaben vorliegen. Der Titelheld Miles Hastwick betreibt das »Museum for Genital Integrity« und schlüpft bei Bedarf in seine Superhelden-Identität. Als muskelbepackter, schlagkräftiger und flugfähiger Foreskin Man legt er in jeder Ausgabe einem Beschneider das Handwerk. Besonders vielsagend ist die Folge, in der es um die jüdische Beschneidung geht. Miles datet Miah, deren Schwester Sarah gerade Mutter geworden ist. Dank der Aufklärungsarbeit des Museums werden Sarah und ihr Mann Jethro überredet, auf eine Beschneidung des Neugeborenen zu verzichten. Doch dann stellt sich heraus, dass der hinterlistige Vater Jethro heimlich doch den nach allen Regeln antisemitischer Karikaturen gezeichneten Beschneider Monster Mohel bestellt hat, der die Zirkumzision geschützt von bewaffneten Helfern durchführen soll. Schnell schlüpft der blonde Hühne Miles in die Rolle des Foreskin Man und rettet das Baby vor seinem Schicksal.
Die ödipale Konstellation ist hier kaum verschlüsselt, sondern allenfalls neu verteilt, die Verschränkung von Intaktivismus, Kastrationsangst und Antisemitismus völlig offenkundig. Die Rolle des Sohnes übernehmen das ohnmächtige Kleinkind, das der väterlichen Gewalt ausgeliefert ist, und der allmächtige Superheld, der den Vater schließlich besiegt; die Rolle der Mutter übernehmen Miah, mit der Miles eine Beziehung eingeht, und ihre Schwester Sarah, die versucht, das Genital des Babys vor der Aggression des jüdischen Vaters zu beschützen; die Rolle des Vaters teilen sich Jethro (der Sohn und Mutter hinterhältig verrät) sowie Monster Mohel, der die als Kastration imaginierte Beschneidung vornehmen will. Indem der Held, der die wehrlosen Mitglieder der rückständigen jüdischen Gemeinschaft vor der Aggressivität ihrer Väter schützt, als »arisch« dargestellt wird, wird der Kastrationskomplex zusätzlich aufgeladen.
Die Verbindung zum Kölner Urteil besteht nicht nur darin, dass auf der offiziellen Facebook-Seite zu »Foreskin Man« über den Richterspruch frohlockt wird. In der durch das Urteil ausgelösten Empörungswelle über die Beschneidung bei Juden und Muslimen brechen sich auch Projektionen Bahn, die in diesem Comic offen zutage liegen.

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