Die Olympischen Spiele 1948 in London

Offiziere ja, Deutsche nein

1948 fanden die Olympischen Spiele schon einmal in London statt. Bereits damals war das ein Politikum.

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Leicht war es nicht, 1948, nur drei Jahre nach Kriegsende, in London ein großes Sportfest namens Olympische Spiele zu organisieren. Schon für 1944 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele an die britische Hauptstadt vergeben, aber der Weltkrieg verhinderte die Austragung.
Die Probleme fingen 1948 bereits mit dem Olym­pischen Feuer an, das vom griechischen Olym­pia nach England gebracht werden musste. Jugoslawien und Bulgarien erklärten schlicht, dass sie das nicht wünschten. Und auch Österreich, das, obzwar schon wieder ein unabhängiger Staat, größtenteils noch von der Sowjetunion besetzt war, verweigerte die Passage. Also mussten britische Kriegsschiffe die brennende Fackel in Griechenland abholen und nach Italien schippern, dann wurde sie von Läufern via Schweiz, Frankreich und einer Calais-Dover-Schiffspassage nach London gebracht.
Die Vorbehalte gegen den Flammentransport waren politischer Art: Die Sowjetunion nahm, wie schon vor dem Krieg, nicht an den Spielen teil. Noch verweigerte sie sich diesem Festival des bürgerlichen Sports. Andere Länder, in denen die Sowjetunion mit der jeweiligen KP sogenannte Volksdemokratien errichtete, waren zwar dabei: die Tschechoslowakei, Polen, Bulgarien, Rumänien, auch Jugoslawien. Ungarn holte sogar zehn Goldmedaillen und erreichte Platz vier der Medaillenwertung. Aber dennoch war ihrerseits Zurückhaltung angesagt.
Was dann kam, war ein Sportfest, das weder mit der Gigantomanie heutiger Olympischer Spiele noch mit dem Nazipomp von 1936 mithalten konnte. England war von den Angriffen der deutschen Luftwaffe zerstört, Lebensmittel waren rationiert, und der Mangel war überall sichtbar. Etwas mehr als 4 000 Sportler nahmen an den Spielen teil, davon 3 677 Männer und nur 385 Frauen, doch der große Star dieser Spiele wurde eine Frau: die niederländische Hürden- und Flachsprinterin Fanny Blankers-Koen. Sie gewann vier Goldmedaillen.
Carl Diem beeindruckte das nicht. Der Organisator der Berliner Spiele von 1936 hatte seinerzeit die Zeremonie des Fackellaufs und der Entzündung des Olympischen Feuers erfunden und das Programm dadurch um eine kultische Besonderheit bereichert. Nach der Eröffnungsfeier und dem Verlauf der Spiele 1948 stellte Diem den Londoner Organisatoren ein schlechtes Zeugnis aus. Schließlich hatte er selbst gleich seine Dienste angeboten und war abgelehnt worden. Und man kann sich vorstellen, dass einer wie Diem beispielsweise den Streik der Briefträger, die sich weigerten, ohne Transportarbeiterzulage die Postsäcke mit den Eintrittskartenbestellungen aus aller Welt in den vierten Stock des Organisationskomitees zu tragen, persönlich beendet hätte.
Deutsche Sportler, ebenso wie Athleten aus Japan, durften 1948 nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Dafür war die Erinnerung an den Weltkrieg und die Shoa noch zu gegenwärtig. Zudem saß mit Karl Ritter von Halt ein deutsches Mitglied des IOC im sowjetischen Speziallager Nr. 2 in Buchenwald ein – er war führender Nationalsozialist gewesen. Aber präsent waren die Deutschen in London dennoch. Der Sportjournalist Karl Adolf Scherer schrieb, dass der »deutsche Einfluss immer noch groß« sei. Die Begeisterung für die deutsche Organisation 1936 hallte im IOC nach. Die Winterspiele waren sogar für 1940 erneut an Garmisch-Partenkirchen vergeben worden; der Krieg hatte die Wiederholung des Nazispektakels von 1936 verhindert.
Einen Skandal hatten die Olympischen Spiele 1948 in London auch. Gehnäll Persson gewann die Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb der Dressurreiter. Aber als sich herausstellte, dass Persson Feldwebel der schwedischen Armee war, wurde die schwedische Équipe disqualifiziert: Die Amateurregeln erlaubten nur Offizieren und Zivilisten das Herrenreiten.