Über Getrud Höhlers Buch »Die Patin«

Kanzlerin undercover

Gertrud Höhler enttarnt Angela Merkel: Sie kommt aus dem Sozialismus und führt das Land in den Sozialismus. Jörg Sundermeier über die albernen Thesen des Buches »Die Patin«.

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Angela Merkel ist nicht nur gefährlich, nein, sie ist brandgefährlich. Nicht nur, dass sie die CDU ihrer Werte beraubt, nicht nur, dass sie ihre Themen bei der SPD klaut und vielsprechende Führungspersönlichkeiten der Konservativen reihenweise abserviert – nein, sie will auch die Demokratie abschaffen. Denn sie ist Ostdeutsche. Und hat deshalb gelernt, ihre Machtfülle »sanft« auszu­bauen und die bürgerlichen Verkehrsformen zu missachten.
Man muss Angela Merkel nicht mögen, um zu erkennen, dass diese Thesen absolut unsinnig sind. Doch diejenige, die diese Thesen aufstellt, ist nicht irgendwer. Es ist Gertrud Höhler, die es bestens versteht, sich seit den achtziger Jahren als Grande Dame der deutschen Politik zu inszenieren, obschon sie nie einen bedeutenden politschen Posten innehatte.
Denn Gertrud Höhler macht einfach alles richtig. Sie gilt als eloquent, da sie viel redet und sehr, sehr gern Fremdworte benutzt, sie gilt als elegant, da sie teure Kleidung trägt und Wert auf ihre Haltung legt, sie gilt als mächtig, da sie die Deutsche Bank beraten hat und Helmut Kohl während seiner Kanzlerschaft zumindest beraten haben soll. Höhler ist zudem ehemalige Professorin für Germanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn. Ab 1972 hat sie die Professur 21 Jahre lang innegehabt. Dass Lehrkräfte und Studierende ihr vorwarfen, sie habe nicht eben geglänzt und sei dem Lehrbetrieb allzu oft ferngeblieben, tat Höhler als »Mobbing« ab.
Denn Höhler macht, wie gesagt, immer alles richtig. Selbst dann, wenn sie kritisiert wird. Gertrud Höhler lässt Kritik einfach nicht zu. Gerade das aber macht sie für die Medien interessant. Und so sind sie auch begeistert dabei, als Höhler, die nach eigener Aussage immer wieder als Ministerin in einer CDU-Regierung gehandelt wurde, ihr neues Buch »Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut« vorstellt, in dem der ganze Unfug erzählt wird.
In einem selbst für eine mittelmäßige Germanistin auffallend schlechten Deutsch schreibt sie auf mehr als 250 Seiten über die Bundeskanzlerin und »das System M«: »Die Stunden der Wahrheit für das System ›M‹ sind vor allem immer eines: Sprengtermine im Wertesystem der demokratischen Gesellschaft. Dass sie dennoch schnell vergessen werden, hängt mit dem Tarnkappenmodus zusammen, der mit Angela Merkel in die Politik eingezogen ist: ›Undercover alles ändern‹ könnte der Modus ihrer Regentschaft als Slogan heißen.«
Den »Tarnkappenmodus« erklärt Höhler so: Kurz vor dem Ende der DDR besitze Merkel »die Trittsicherheit einer Somnambulen, der wir beim langsamen Erwachen zusehen. Triviales mischt sich mit Ahnungen, wie sie das Publikum berauschen, wenn sich der Vorhang öffnet und exotische Landschaften frei gibt. Und der Trainingserfolg des totalitären Systems bot die Tarnkappe für die kluge Schlafwandlerin Angela: entdecken und schweigen. Niemals sich selbst verraten durch Gefühlsausbrüche. So taumelt die erwachsene Tochter eines übermächtigen Systems schweigend von Entdeckung zu Entdeckung, ohne auch nur sich selbst den innen aufflammenden Karrieredurst zu gestehen. Schweigen ist Gold; was du gesagt hast, kannst du nie zurückholen, und potentiell ist jeder ein Verräter – dieses Wissen begleitet die Kanzlerin heute noch. Es ist nicht Strategie, sondern Trauma.«
Wir fassen zusammen: Die »kluge Schlafwandlerin« erwacht karrieregeil in einem »Trauma«, und Durst flammt auf, immer dabei: ihre alte Tarnkappe aus dem Totalitarismus. Höhler schichtet Reizwort auf Reizwort und verrührt es mit ein wenig Küchenpsychologie, um so den Aufstieg Merkels zu erklären. Zudem verdreht sie die Tatsachen – Merkels vehementer Einsatz zu Bush-Zeiten für das transatlantische Bündnis, das in der CDU umstritten war, wird in ihrer Darstellung zu einem von keinem politischen Wertegefühl getragenen strategischen Schachzug, der Merkel nichts gekostet habe. Friedrich Merz hingegen, der sich wie ein beleidigtes Kind benahm, als er feststellen musste, dass Merkel ihn langsam, aber konsequent seines Einflusses beraubte, wird zum großen intellektuellen Kopf der CDU aufgeblasen, damit Höhler an diesem Beispiel die hexengleiche Zauberkunst der ostdeutschen »klugen Schlafwandlerin« belegen kann, die den Kontrahenten mit fairen Mitteln nicht hätte besiegen können. Dass Höhler en passant das Führungspersonal der CDU wie einen Haufen verblödeter Schafe aussehen lässt, die sich von einer machtkranken Irren ins Unglück führen lassen, ist ihr, obwohl sie selbst der CDU angehört, offenkundig egal.
Und der Erfolg gibt ihr recht – das Buch schaffte es auf Platz eins der Sachbuch-Bestenliste. Es wurde in nahezu jedem größeren Medium rezensiert, und auch wenn es einschränkend hieß, Höhler schieße über »das Ziel« hinaus, so wurde ihr doch gerne bescheinigt, dass ihre Kritik »im Kern« richtig sei.
Was aber ist »der Kern« von Höhlers Kritik? Es ist reines Ressentiment. Die Ostdeutsche – so erfahren wir – hat ihre Lektionen in Demokratie nicht gelernt, anders als Joachim Gauck, den Höhler gern der Kanzlerin vergleichend gegenüberstellt. Nein, Merkel sei eine verkappte Realsozialistin geblieben, doch ohne Interesse am Sozialen, sie sei ein Apparatschik und wolle nun, da sie die CDU und Deutschland offensichtlich bereits beinahe vernichtet hat, als Kanzlerin Europas glänzen.
Dass ihr das gelingt, erklärt Höhler mit Merkels »Abstinenz gegenüber Ideen und Visionen«. Sie schlussfolgert: »Angela Merkel fährt in Wahrheit ein riskantes Experiment: Es könne ›Vordergrund statt Hintergrund‹ heißen. Gäbe es die Krisen nicht, Biotop für Tarnkappenträger, dann wäre das Experiment schon gescheitert. Zukunft ohne Herkunft sichern: Das ist ein Projekt für den Umsturz. Nun hat sich aber im Abendrot der Freiheit, als Schlussakkord der ›Präsidentendämmerung‹, ein Finale ereignet, das die ›Hintergrundserfüllung‹ wieder auf die Tagesordnung der deutschen Geschichte bringt. Die Selbstermächtigung der deutschen Politik wird seither von einer Freiheitsmelodie übertönt, die viele von uns wiedererkennen. So stehen nun zwei Folgerungen aus Deutschlands Geschichte nebeneinander – wir können wählen.«
Ob diese Sätze bereits als Aufforderung zu einem Tyranninnenmord gedacht sind, ist nicht zu entscheiden, da Frau Höhler der deutschen Sprache nicht immer ganz mächtig ist. Der Verdacht drängt sich aber auf.
Trotz alledem steht das Buch an der Spitze der Bestsellerlisten, und das muss einen Grund haben: Manche wollen in dem Buch ein »stutenbissiges« Dokument sehen, mit welchem Höhler, deren vermeintliche Anwärterschaft auf ein Minsteramt weder Helmut Kohl noch sonst ein hochrangiges CDU-Mitglied jemals bestätigt hat, nun Merkel, die ihr den Platz weggenommen habe, attackiere. Das mag das Buch für gedemütigte CDU-Mitglieder interessant machen, doch es reicht nicht, um den enormen Verkaufserfolg zu erklären.
Dieser liegt in etwas anderem begründet. Die Deutschen folgen gern ihren Ressentiments und halten diese für Politik. Die Erklärung der Krise der Politik aus der ostdeutschen Herkunft Angela Merkels kommt daher vielen gelegen. Und Gertrud Höhler, die das Vortäuschen von Intellektualität in einem für diese Kundschaft ausreichendem Maße beherrscht, kommt ihnen gerade recht.

Gertrud Höhler: Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut. Orell-Füssli-Verlag, 21,95 Euro