Wenzel Bilger im Gespräch über den »postethnischen Homosexuellen«

»Es gibt nicht den einen typischen schwulen Deutschtürken«

Der Kulturwissenschaftler Wenzel Bilger hat für seine Studie »Der postethnische Homosexuelle« die Biographien von schwulen Deutschen türkischer Herkunft untersucht.

Was verstehen Sie unter »postethnisch«, und wie sind Sie dazu gekommen, diese umfangreiche Studie zu »schwulen Deutschtürken« in Angriff zu nehmen?
Postethnisch bedeutet, dass man bei »Ethnizität« nicht von einer festen Größe oder einer tatsächlichen Gruppe ausgehen kann. Es ist mehr eine Perspektive auf die Welt. Es gibt nicht die »eine« Form von Zugehörigkeit. In meinem Buch kommen sogenannte Deutschtürken zu Wort, die ihre Identität sehr unterschiedlich konstruieren. Ihr Bezug zur Türkei ist genauso verschieden wie ihr Bezug zu Deutschland – und auch ihr Bezug zu ihrer Sexualität.
Ich habe selbst keinen migrantischen Hintergrund, ich habe mich aber schon während des Studiums nicht nur für queere Theorie, sondern auch für postkoloniale Ansätze interessiert.
Sie arbeiten in Ihrer Studie mit queeren und intersektionalen Theorien und zugleich mit soziologischen Interviews. Was interessiert Sie an diesem Ansatz, der Diskurstheorie mit Soziologie verbindet?
Die queere Theorie hat einen ziemlich hohen Anspruch. Queere Praktiken werden radikal entgegen der Norm gedacht und sollen diese unterwandern und verändern. Allerdings bezieht sich queere Theorie meistens, wie die postkoloniale, wie dekonstruktivistische Theorie auch, auf Bilder und Texte. Sie hat bestimmte Formen von Wissenschaftlichkeit zu Recht in Frage gestellt, aber ihre Ansätze sind nicht ohne weiteres auf die reale Welt anzuwenden. Ich fand Interviews mit schwulen Deutschen mit türkischem Hintergrund interessant, um mehr vom minoritären Leben innerhalb einer weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft zu erfahren und queere Fragestellungen weiterzuentwickeln. Dabei waren die Ergebnisse sehr unterschiedlich. Es gibt nicht den einen typischen schwulen Deutschtürken und die eine Form der Biographie.
Das klassische westliche Narrativ von schwuler Emanzipation beginnt mit dem Versteck und endet mit dem Outing. Bei vielen Deutschtürken verläuft das Coming-out weniger linear, die eigene Homosexualität wird gegenüber Eltern, Freunden und Freundinnen oder in der Szene sehr verschieden gezeigt oder versteckt.
Das »Versteck« wurde mit den Ausschreitungen in der Christopher Street in New York 1969 in der westlichen Welt zu einem zentralen Begriff, dem die Emanzipation durch das Coming-out entgegengesetzt wurde. Das Coming-out hat also eine politische und eine persönliche Dimension. Das vereint Schwule und Lesben in der westlichen Welt, trifft aber bei Migranten und Migrantinnen unter Umständen auf Traditionen und Bilder aus anderen Kontexten. Allerdings denke ich, dass es auch bei Schwulen und Lesben ohne Migrationshintergrund nicht diese Eindeutigkeit und Linearität der Narration vom Versteck zur Freiheit und zum authentischen Selbst gibt. Bei deutschen Schwulen stellt sich doch auch ständig die Frage, wem man etwas sagt und wem nicht, was die Großmutter wissen soll und was nicht, oder was man auf Facebook von sich zeigt. Demnach halte ich das Coming-out für eine immer noch zentrale Kategorie, die Handlungsfähigkeit ermöglicht und Selbstbewusstsein schaffen kann. Aber gleichzeitig sollte man erwähnen, dass es verschiedene Formen und Ziele von Identitätsarbeit gibt und dass das Coming-out nicht das Maß aller Dinge ist. Die Vorstellung, dass ein authentisches inneres Selbst auf einmal und endgültig im Außen erscheint, ist letztlich eine fragwürdige essentialistische Position.
In Ihrer Studie berücksichtigen Sie auch die räumliche Dimension von Identität.
Identität manifestiert und konstituiert sich in Räumlichkeiten. In jedem Kontext erscheint ein neuer Aspekt: ob in der Familie, durch die eine imaginäre Türkei konstruiert wird; ob als bessere Heimat oder als rückständige Last. Auch die »queere Diaspora« ist so ein vorgestellter Raum, der einen sonst nicht immer einfach herzustellenden Zusammenhang stiften kann. Dann gibt es reale Räume wie z. B. in der Arbeitswelt, in der alte Formen vom Versteck auf neue Formen von homonormativer oder »Diversity«-bezogener Integration treffen. Viele Firmen versuchen bewusst, die Produktivität ihrer Mitarbeiter durch Integration von eigentlich abweichenden Identitätsmarkierungen zu steigern.
Selbst in queeren Szeneräumen scheint es für Deutschtürken nicht einfach zu sein, Zugehörigkeit zu entwickeln.
Ja, einer meiner Gesprächspartner erzählte zum Beispiel diese Episode von einer schwulen Party in einer Disko. Als ein türkischer Song gespielt wurde, stürzte er sich begeistert auf die Tanzfläche. Genau dieser Moment aber spaltete ihn von der deutschen Mehrheit im Raum ab, es war ein Coming-out als Türke. Der Moment der Identifikation mit der türkischen Musik ist in diesem Fall genau der Moment der Abspaltung von den anderen, den deutschen Schwulen. Er wird in deren Augen zum Anderen.
In Ihrer Studie geht es auch um Entgegensetzungen, etwa Deutschland als fortschrittlich und sexuell tolerant gegenüber der angeblich homophoben und rückständigen Türkei, aber auch um den Gegensatz von Metropole und traditionalistischem Land. Auch in den queeren Diskussionen der vergangenen Jahre hat dies eine große Bedeutung.
Es ist eindeutig so, dass die queere Theorie von amerikanischen, englischen oder französischen Theoretikern und Theoretikerinnen entwickelt wurde. Ich bin nicht überrascht, dass sich in den USA, aber auch in Europa ein immer stärkerer Widerstand entwickelt, die den vermeintlich weißen Ansatz der Queer-Theorie kritisiert. Dazu kommen Debatten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, etwa die um die immer noch kaum erfasste Dimension von Deutschland als Einwanderungsland oder die endlose Diskussion um den Beitritt der Türkei zur EU. All diese Fragen laden das Thema politisch auf.
In den vergangenen Jahren hat sich gerade in Berlin die Debatte zugespitzt. Ob Judith Butlers Zurückweisung des Courage-Preises auf dem CSD wegen des angeblichen Homonationalismus der Veranstalter oder der politische Konflikt zwischen CSD und Transgenialem CSD – der Graben zwischen klassisch westlichen Positionen, die vor allem auf homosexuelle Sichtbarkeit und Outing setzen, und intersektionalen Ansätzen, die Queerness mit der Frage nach Race, Gender, Class verbinden, vertieft sich. Erleben Sie diese Debatten als produktiv?
Grundsätzlich finde ich diese Debatten notwendig und produktiv. Eine gewisse Reibung gehört dazu. Die Kritiken, welche mehrere Formen von Ausgrenzungen thematisieren und eine monolithische Dimension von Sexualitätsnarrativen kritisieren, sind Zeichen einer sich immer komplexer entwickelnden queeren Kritik. Theoretikerinnen wie Sarah Ahmed und Jasbir Puar, die die Kritik des Homonationalismus und der Homonormativität weiterentwickelt haben, sind ein wichtiger Bezugspunkt. Große Institutionen, die sich für Gender und Homosexualität einsetzen, können sicherlich manchmal Nachhilfe in Sachen Mehrfachdiskriminierung gebrauchen.
Trotzdem finde ich es wichtig, dass weiterhin auch schwule Deutschtürken beim Coming-out unterstützt werden. Wir dürfen nicht den Fehler machen, die Emanzipation der Homosexuellen vollkommen in Frage zu stellen. Ich würde mir wünschen, dass die verschiedenen Positionen und Ansätze sich nicht in einer dualistischen Logik von Bewegung und Gegenbewegung erschöpfen. Es wäre gut, wenn man nach harten, wichtigen Debatten auch wieder an einem Tisch sitzen kann, um gemeinsam gegen Diskriminierung vorzugehen.

Die Studie ist im Transcript-Verlag erschienen.

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