Feminismus und sexuelle Befreiung nach den arabischen Revolten

Mit den Haaren im Wind

Feminismus und sexuelle Befreiung in der arabischen Revolution.
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Die sexuellen Übergriffe auf Frauen bei den Demonstrationen zum zweiten Revolutionstag in Ägypten sind nicht einfach nur Ausdruck einer patriarchalen, frauenverachtenden Gesellschaft. Sie sind Teil der Konterrevolution. Mit dem Angriff auf die sexuelle Integrität von Frauen greifen die Täter den Kern der Revolution an. Denn es ging vor zwei Jahren nicht allein um den Sturz eines Diktators und die demokratische Wahl von Parlament und Regierung. Es ging im Kern um den Kampf gegen die patriarchalen Strukturen der arabischen Gesellschaft. Hosni Mubarak musste als politischer Übervater gestürzt werden. Aber genauso richtete sich der Zorn der Revolutionäre gegen die vielen kleinen Mubaraks und in letzter Konsequenz gegen die Stellung der Väter in den Familien. Die Frauen, die die Revolution wesentlich trugen, wenn es ihrer auch weniger gab als Männer, verkörpern diesen Anspruch. Dass es sie überhaupt gibt, dass sie bis nachts auf der Straße bleiben, zuweilen nicht einmal zu Hause übernachten, ist ein fundamentaler Angriff auf die Grundfesten des alten Systems.
Dabei ist schwer zu sagen, was unter dem »alten System« genau zu verstehen ist ist: die Muslimbrüder, die Vertreter des Militärs oder die Überbleibsel des alten Regimes. Vermutlich etwas von allem, aber letztlich alle, denen die Umwälzung der alten Ordnung Furcht bereitet und die intuitiv oder bewusst genau dort angreifen, wo diese alte Ordnung am augenscheinlichsten aus den Angeln gehoben wird. Deshalb spielt die Frage, ob in Ägypten nun gezielt Männer angeheuert wurden, um Frauen anzugreifen, oder ob sie sich spontan zusammenfanden, eher eine untergeordnete Rolle.

Der umkämpfte Platz der Frauen

Am 25. Januar und an den Tagen danach wurden in Kairo Dutzende Frauen während der Proteste von Männerhorden eingekreist, entkleidet, begrapscht und befingert. Die Szenen, die Betroffene beschreiben, darunter einige Aktivistinnen der »Opantish«-Teams (Operation Anti-Sexual-Hassarasment), legen den Schluss nahe, dass die Täter gezielt handelten. Dafür spricht die große Einmütigkeit, mit der Dutzende, in einigen Fällen Hunderte Männer den Kreis um die Opfer schlossen und Hilfe für die Frauen von außen brutal abwehrten. Dieser Ablauf lässt die Folgerung zu, dass die Männer angeheuert wurden. Aber auch Umstehende, die mit den Vergewaltigungen offenbar nichts zu tun hatten, griffen nicht ein. Es muss die Frage gestellt werden, ob sie die Übergriffe als hinnehmbare oder sogar gerechtfertigte Handlung sahen, um »Frauen wieder an ihren Platz zu verweisen«, wie Margot Badran auf Ahram Online vermutet.
Diesen Platz stellen Frauen in der arabischen Welt inzwischen deutlich in Frage – und keineswegs nur dadurch, dass sie auf Demonstrationen gehen. Nicht nur in den Ländern der arabischen Revolutionen hat ein Kampf um sexuelle Selbstbestimmung begonnen. Radikale Feministinnen greifen offen ihre Kultur und Religion an und erschüttern damit das gesellschaftliche System weit stärker als jede Oppositionspartei und jeder schwarze Block.
Im November 2011 stellte die 20jährige ägyptische Revolutionärin Alia Mahdy ein Nacktfoto von sich auf ihren Blog. Sie provozierte damit einen gesellschaftlichen Aufschrei. Nicht nur Islamisten und Islamistinnen beschimpften sie als »Teufel« und bedrohten sie mit dem Tod, auch linke Aktivisten distanzierten sich von ihr. Vor allem der Zeitpunkt des Postings, kurz vor den ersten Wahlen, stieß auf Kritik, weil viele glaubten, Mahdy würde damit den Muslimbrüdern in die Hände spielen.
Mahdys Aktion erschien damals als skurril. Betrachtet man aber, wie sich die feministische Debatte in der arabischen Welt seitdem entwickelt hat, so scheint das Nackt-Posting ein erster deutlicher Hinweis darauf gewesen zu sein, dass fundamentale Änderungen nicht mehr aufzuhalten waren. Alia Mahdy beging zweifellos einen Tabubruch. Allerdings keineswegs deshalb, weil sie in einer religiösen, konservativen Gesellschaft ihre Nacktheit zur Schau stellte. Sie verletzte keine Schamgefühle des Betrachters, wie es etwa eine Deutsche tun mag, die in den USA nackt in die Sauna geht, statt im Badeanzug, wie es dort üblich ist.
Weibliche Nacktheit ist in der arabischen Welt kein Tabu an sich. Auch dort locken Unterwäsche-Models von Plakatwänden. In Cafés laufen permanent Musikvideos, in denen spärlich bekleidete Pop-Sängerinnen es unmöglich machen, nicht an Sex zu denken. Männer sprechen offen über ihren Pornographiekonsum. Der weibliche Körper ist insbesondere in Ägypten einem ständigen Zugriff ausgesetzt. Nicht nur auf Demonstrationen, auch in jeder alltäglichen Menschenmenge, ob auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, läuft eine Frau dort Gefahr, an der Brust und zwischen den Beinen begrapscht zu werden.
Alia Mahdys Pose ist jedoch eine gänzlich andere als die der Pop-Sängerinnen, die an Gegenständen lutschen und Männer umtänzeln, während sie an den Schleifen ihrer Bikinihöschen zupfen. Mit lasziv-unterwürfigem Blick und schlängelnder Zunge scheinen diese Sängerinnen unablässig »Fick mich!« zu rufen und unterscheiden sich damit auch von ähnlicher Nacktheit in amerikanischen Videos, deren Protagonistinnen eher »Ich will ficken« zu sagen scheinen. In Mahdys Blick ist nichts Las­zives, vielmehr schaut sie ernst in die Kamera, fast ein wenig traurig. Maya Mikdashi analysiert ihre Pose auf der Website Jadaliyya so: »Sie verkauft nichts und versucht uns nicht zu erregen (…). Ihre Nacktheit hat nichts mit Sex zu tun, sondern versucht, eine Debatte über Geschlechtspolitik zu entfachen, und über die ungleichen Arten, wie sie auf den Feldern von Gender, Kapital und Kontrolle geführt wird. Sie starrt zurück und fordert uns heraus, sie anzusehen und uns nicht wegzudrehen.« (1)
Ein Tabubruch war Alia Mahdys Posting nicht, weil sie nackt war, sondern weil sie sich selbst dazu entschieden hatte. Das verdeutlicht der Fall von Samira Ibrahim. Sie wurde wie viele andere Revolutionsaktivistinnen von Soldaten einem sogenannten Jungfrauentest unterzogen. Als Einzige entschied sie sich, gegen die entwürdigende Prozedur zu klagen. Sie hat beschrieben, wie ein solcher Test vor sich geht: Sie wurde gezwungen, sich vor mehreren Offizieren zu entkleiden, während die Tür des Verhörzimmers offenstand und ein großes Fenster es erlaubte, dass Dutzende Soldaten feixend von draußen zusahen. Obwohl eine weibliche Sicherheitskraft anwesend war, führte ein männlicher Soldat zwei Finger in ihre Vagina ein.

Christentum und Islam

Überraschend ist dabei nicht, dass eine repressive Militärregierung sexuelle Gewalt gegen weibliche Inhaftierte anwendet. Erstaunlich ist die Öffentlichkeit der Situation, die offenbar dazu dient, die Geilheit der Zuschauer anzustacheln. Die obszöne Zurschaustellung scheint in westlichen Augen ein Widerspruch zum behaupteten Anliegen des Militärs zu sein, im Sinne der Moral zu handeln. Doch eine solche Einschätzung beruht auf christlich geprägten Moralvorstellungen von Nacktheit und Sexualität. Diese unterscheiden sich jedoch von denen der islamischen Welt.
Anders als das Christentum verbietet der ­Islam nicht in gleicher Weise den lüsternen Gedanken,wie es in der Bergpredigt ausbuchstabiert wird: »Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.« Der Islam argumentiert zwar ähnlich, aber in der Frage nach Schuld und Schuldigem doch grundsätzlich anders. Muslime sollen ihren Blick angesichts von verbotenen Handlungen (Zina) senken. Dazu gehört außerehelicher Geschlechtsverkehr wie in Pornos, aber auch Nacktheit von Frauen. Die Begründung zielt aber nicht auf die Gedanken, sondern auf das Verführungspotential der Handlungen: Wer Pornos anschaut, wird demnach über kurz oder lang selbst Ehebruch begehen, so argumentieren islamische Websites. Der entscheidende Unterschied ist: Nur wer tatsächlich Ehebruch begeht, sündigt – nicht schon, wer daran denkt. Das scheint auf den ersten Blick eine weit realistischere und menschenfreundlichere Regel als der christliche Anspruch zu sein. Entscheidend aber ist, dass im Islam stets die Frau die Verführerin ist. Sie ist immer schuld, der Mann erliegt ihr nur. Der Mann ist dieser Vorstellung nach schwach, aber unschuldig. Darum muss die Frau sich verhüllen. Das dient weniger ihrem eigenen Schutz, als dem Schutz der Gemeinschaft der Gläubigen vor ihr. Daher sind Entscheidungen über ihren Körper nicht der Frau überlassen. Sie entscheidet nicht selbst, ob sie sündigen will, sondern die Gemeinschaft muss sie davon abhalten, Zwietracht zu säen. Jenseits dieser theologischen Argumentation sehen viele gläubige Muslime keinen Widerspruch zwischen Pornographiekonsum und Glauben.
Wenn daher Salafisten ein Bikini-Verbot an Ägyptens Stränden fordern, dann nicht, weil sie fürchteten, der Anblick halbnackter Frauen könnte sie zu verbotenen Gedanken verführen. Gegen die Moral der Salafisten verstößt nicht so sehr die Nacktheit an sich, sondern die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper. Das Bestimmungsrecht über den weiblichen Körper haben aus ihrer Sicht andere: die Männer der Familie und letztendlich die Gemeinschaft der Gläubigen.
Die Prozedur, der Samira Ibrahim unterworfen wurde, ähnelt einem Ritus, der in manchen Gegenden an Bräuten vor der Hochzeitsnacht vorgenommen wird. Eine Hebamme führt ihren Daumen in das Mädchen ein und durchstößt das Hymen. Sobald Blut fließt, jubeln die Umstehenden. Diese Tradition versinnbildlicht die Besitzverhältnisse über den weiblichen Körper, aber auch das unterschiedliche Verständnis von Intimität und Scham im Islam und Christentum.
Alia Mahdy stellte mit ihrem Nacktbild die patriarchalen Strukturen der ägyptischen Gesellschaft in Frage. Denn sie entschied sich frei und selbst, sich auszuziehen, und entzog damit ihren Körper dem Besitzanspruch der Gesellschaft. Dieses Recht am Körper der Frau ist nicht zu verwechseln mit dem uns auch im Westen geläufigen Anspruch eines einzelnen eifersüchtigen Partners: Tatsächlich stand ihr Freund hinter der Aktion. Es protestiert vielmehr gegen die Annahme, dass die Familie, möglicherweise auch das ganze Dorf, die Nachbarschaft oder der Staat über den Körper der Frau bestimme, aber nicht sie selbst.
Deshalb beging auch Samira Ibrahim einen Tabubruch, als sie gegen den Jungfrauentest vor Gericht zog. Während sie sich bösen Anfeindungen ausgesetzt sah, blieb der Aufschrei über die verbreitete Praxis des ägyptischen Militärs auf Kreise der politischen Aktivistinnen begrenzt. Samira Ibrahim verlor durch alle Instanzen und wird noch heute diffamiert, weil sie es wagte, das Selbstbestimmungsrecht über ihren eigenen Körper einzuklagen.
Dass diese Frauen sich getraut haben, der­artige Tabubrüche zu begehen, ist eine bleibende Errungenschaft der arabischen Revolutionen. Vielfach wird darauf hingewiesen, dass Frauen während der Revolutionen zahlreiche Rückschläge erlitten haben. Sie waren zunächst mit den Männern gemeinsam und gleichberechtigt auf die Straße gegangen, um schon bald wieder aus dem öffentlichen Raum verdrängt zu werden. Im libyschen Bengasi erhielten sie auf dem »Platz der Befreiung«, wo sich allabendlich die Revolutionäre versammelten, einen mit einem Bretterzaun abgeteilten Bereich zugewiesen, wo sie Spiele mit den Kindern veranstalteten. In Kairo verlief die Verdrängung nicht ohne Protest. Als die Fußballfans bei einem Sit-in gegen die Militärregierung den Frauen das Rauchen verbieten wollten und sie um Mitternacht nach Hause schickten, führte das zu nächtelangen Diskussionen unter den Teilnehmern. In Tunesien prangerten Islamisten Frauen an, die sie rauchend oder trinkend in der Öffentlichkeit sahen.
Diese Aktionen und Reaktionen sind Ausdruck eines Kulturkampfes, der in den Revolutionen sichtbar wurde, aber nicht erst mit ihnen entstanden ist. Womöglich hat er sie überhaupt erst ausgelöst. So argumentiert die aus Ägypten stammende Politikwissenschaftlerin Hoda Salah, der von den Jugendlichen vollzogene Moralwandel habe die Rebellion gegen die Autoritäten von Staat, Religion und Eltern ausgelöst. Mit dem Generationenwechsel sei es zu einer Entideologisierung, Entpatriarchalisierung und Enttraditionalisierung gekommen. Salah beschreibt, wie in gemeinsamen Gesprächen traditionelle Werte wie Gehorsamkeit und Respekt vor den Älteren, überkommene Vorstellungen von Weiblichkeit, Ehre, Schande, Liebe und Partnerschaft in Frage gestellt werden. »Junge Frauen und Männer wenden sich von den patriarchalen Werten der Gesellschaft ab, sie wollen niemandem mehr aufgrund seines Geschlechts oder Alters gehorsam sein. Sie haben den Ägyptern die Angst vor dem Staat genommen und sie brachen mit dem Respekt vor Mubarak, dem ›Vater der Nation‹. Sie zwangen den Staat, die Armee, ihre Eltern, Lehrer und die Öffentlichkeit, sie ernst zu nehmen, zu respektieren und ihnen zuzuhören. In ihren Revolutionsliedern singen sie: ›Hör’ auf, mich zu belehren, lass uns diskutieren‹.« (2)

Die Legende vom Nebenwiderspruch

Der hohe Anteil junger Menschen in den arabischen Gesellschaften ist vielfach als Grund für die Revolutionen genannt worden; dass er sie zumindest stark befördert hat, steht außer Frage. Viele Beobachter stellten auch fest, dass die jungen Menschen sich, vermittelt durch Internet und Fernsehen, andere, an westlichen Vorbildern ausgerichtete Vorstellungen über gesellschaftliche Mitbestimmung, Freiheit, Moral und das Zusammenleben gemacht haben. Auch das ist zweifellos richtig.
Salahs These folgend ging es bei den Revolutionen aber nicht nur und nicht einmal zuerst um die erklärten Ziele von Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit, sondern um den Sturz des patriarchalen Gesellschaftssystems. Fragen der Gleichstellung von Mann und Frau, wie auch der sexuellen Moral, sind demnach nicht Nebenwidersprüche, sondern bilden den Glutherd der Rebellion. Der französische Historiker Emanuel Todd gibt dafür eine demographische Erklärung. Die arabischen Gesellschaften sind zwar sehr jung, erleben aber zugleich einen deutlichen Geburtenrückgang. Die Reproduktionsrate ist mit zwei bis 2,7 Kindern pro Frau (3) stark gesunken. In den Städten dürfte sie mittlerweile auf fast europäisch niedrigem Niveau liegen. Das Ideal junger Paare ist heute von Marokko bis zum Irak die Zwei-Kind-Familie. Zugleich ist das Bildungsniveau deutlich gestiegen. Die Alphabetisierungsrate variiert zwar von Ägypten mit 85 Prozent bei den 15- bis 24jährigen bis zu Tunesien mit 97 Prozent, doch gilt in allen Revolutionsländern, dass die junge Generation in den Städten fast vollständig alphabetisiert ist, die Elterngeneration aber nicht.
Zwischen Alphabetisierungsgrad und Geburtenrate gibt es einen direkten Zusammenhang. Sobald Mädchen lesen und schreiben lernen, sinkt überall auf der Welt die Geburtenrate drastisch. Todd sieht darüber hinaus einen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umbrüchen. »In einer Gesellschaft, die ihre Geburten kontrolliert, haben sich die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen gewandelt. Noch dazu ereignet sich dieser Geburtenrückgang in einer Gesellschaft, in der die Jungen schreiben und lesen lernen. Damit tritt die Situation ein, dass die Söhne, nicht aber ihre Väter lesen können. Dies führt zu einem Bruch in den Autoritätsbeziehungen, und zwar nicht nur auf der familiären Ebene, sondern implizit auf der Ebene der Gesamtgesellschaft. In den arabischen Gesellschaften, die patrilinear organisiert sind und in denen die Frauen den Männern im Status deutlich untergeordnet sind, ist dies natürlich eine entscheidende Variable.« (4)
Der Aufstand gegen die patriarchalen Verhältnisse hat inzwischen die ganze arabische Welt weit über die Revolutionsländer hinaus erfasst. Im Oktober 2011 riefen vier Frauen aus Libanon und Ägypten die Internet-Kampagne »Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt« (5) ins Leben. Mit ihrer eigenen Website und einer Facebook-Seite gewannen sie im ersten halben Jahr 3 000 Mitglieder. Eine Bewegung war das noch nicht. Dann forderten sie ihre Mitglieder auf, auf ein Papier zu schreiben, warum sie für den Aufstand der Frauen sind, und sich selbst mit diesem Schild zu fotografieren. Die Fotos stellten sie ins Netz.
Damit kopierten sie eine der erfolgreichsten Protestformen der ägyptischen Website »Wir alle sind Khaled Said«. Wael Ghonim hatte als Administrator dieser Seite im Herbst 2010 die Mitglieder aufgerufen, still zu protestieren, sich dabei zu fotografieren und die Bilder zu schicken. Die Protestform selbst, sich schwarz gekleidet an bestimmten Orten aufzustellen, hätte für sich wohl kaum eine Wirkung erzielt. Aber als Hunderte Fotos von einzelnen Protestierenden ins Netz gestellt wurden, schrieben die Medien darüber und die Mitgliederzahl von »Wir alle sind Khaled Said« schoss in die Höhe. Noch wichtiger war der psychologische Effekt. Wael Ghonim schreibt: »Die Bilder halfen den TeilnehmerInnen, die Bedeutung ihrer Leistung zu erfassen (… .). Sie trugen für viele dazu bei, die Mauer der Angst in uns einzureißen.« (6)
Auch die Fotokampagne von »Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt« ließ die Mitgliederzahlen in die Höhe schnellen. Von 20 000 im Oktober 2012 stiegen sie auf inzwischen über 80 000. Eine der Gründerinnen, die Libanesin Diala Haidar, sieht als wichtigen Grund für den Erfolg auch den mutigeren Umgang des Teams mit gesellschaftlichen Tabus. »Wir stellten all die in Stein gemeißelten sozialen und religiösen Doktrinen in Frage. Das erhöhte die Zahl unserer Unterstützer und Unterstützerinnen, weil die Leute sich danach sehnen, diese verbotenen Debatten offen zu führen«, sagte sie in einem Interview mit Open Democracy.
Die Seite ist explizit und drastisch. Sie zeigt Fotos von grauenvollen Misshandlungen, Säureopfern, gesteinigten Frauen und vergewaltigten Leichen. Doch das stieß bisher kaum auf Kritik. Einen Sturm der Entrüstung löste vielmehr das Foto der Syrerin Dana Bakdounis aus, die im ärmellosen T-Shirt mit kurzem Haar ein Schild hält, auf dem steht: »Ich bin für den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil mir 20 Jahre lang nicht erlaubt war, den Wind in meinem Haar und auf meinem Körper zu spüren.« Darüber hielt sie ihren Pass, auf dem ein Foto sie mit schwarzem Kopftuch zeigte. Wegen der vielen Beschwerden über dieses Foto nahm Facebook es von der Seite und sperrte den Administratorinnen zeitweilig die Zugriffsrechte.
Nichts an Danas Pose war sexuell aufreizend. Im Gegenteil: Hinter dem Schild sind ihre Körperformen nicht zu erkennen, ihr offensiver Blick schließt sexuelle Verfügbarkeit aus. Wie Alia Mahdy hatte sie jedoch beschlossen, selbst über ihren Körper zu bestimmen. Darüber hinaus wurde ihr vorgeworfen, die eigene Kultur zu verraten und sich dem Westen anzudienen, indem sie behauptete, Frauen würden zum Tragen des Kopftuchs gezwungen. Die Kritik, rassistische oder orientalistische Klischees des Westens zu bedienen, ist immer das Hauptargument gegen jede Kritik an der patriarchalen Struktur der arabischen Gesellschaft gewesen. Allerdings hat sich hier etwas Fundamentales geändert. Vor den arabischen Revolutionen haben Feministinnen im Wissen um diese Kritik immer zuerst den Imperialismus des Westens gegeißelt und die arabische Kultur verteidigt, bevor sie dazu ansetzten, die eigene patriarchale Gesellschaft zu kritisieren.

Die Bedeutung des Islam

Nawal al-Saadawi, die Grande Dame des Feminismus in der arabischen Welt, hat stets und meist als erstes in ihren Schriften betont, dass die Frauenunterdrückung keine Besonderheit des Nahen Ostens sei. In Vorreden verneinte sie, dass es einen genuinen Zusammenhang zwischen Islam und Patriarchat gebe. Ihre Abgrenzungen haben ihr nichts genützt. Sie wurde als Agentin des Westens diffamiert und mit dem Tode bedroht. Auch Frauenrechtlerinnen distanzierten sich regelmäßig von ihr. Sie sei sehr radikal, sie schreibe nur für den Westen, um Geld zu verdienen, sie hasse Männer, waren die häufigsten Vorwürfe. Die Ägypterin Saadawi war lange Zeit die mutigste aller arabischen Feministinnen. Wenn sie auch anderslautende Vorreden führte, so wies sie doch im Detail genau nach, inwiefern die arabische Kultur und der Islam Ursache für bestimmte Formen der Unterdrückung waren.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Zweifellos ist der Satz richtig, dass es Frauenunterdrückung nicht nur im Nahen Osten gibt, und zweifellos ist der Islam nicht die alleinige Ursache des Patriarchats in islamisch geprägten Gesellschaften. Auffällig ist aber die gebetsmühlenhafte Wiederholung solcher Versicherungen. Alice Schwarzer etwa hat keinen ihrer Texte mit dem Satz begonnen, dass Frauenunterdrückung keine Eigenheit der deutschen oder europäischen Gesellschaft sei, bevor sie gegen eben diese Gesellschaften gewettert hat. Dutzende europäischer und amerikanischer Feministinnen haben unbefangen das Christentum gegeißelt. Lediglich einige Theologinnen sind auf die Idee verfallen, zunächst einmal das Frauenfreundliche in der Bibel herauszustellen, bevor sie ihre Kritik äußern.
Die Vorgehensweise Saadawis war die aller Oppositionellen. Nicht nur Feministinnen wiesen zunächst stets auf den westlichen Impe­rialismus, die Kolonialzeit und den Israel-Palästina-Konflikt hin, bevor sie Kritik an der eigenen Gesellschaft übten. Auch Forderungen nach Demokratie wurden stets mit historischen und koranischen Belegen untermauert, die zeigen sollten, dass die Idee der Partizipation weder der arabischen noch der islamischen Kultur fremd seien.
Fatema Mernissi, die bekannteste Feministin Marokkos, speiste ihre Hoffnung auf Demokratie und Frauenbefreiung aus der Erfahrung westlicher Unterdrückung im zweiten Golfkrieg. Weil westliche Mächte Bomben auf den Irak geworfen hatten, würden die Araber und vor allem die Araberinnen nun ihre Angst überwinden und sich selbst befreien, glaubte sie. Sinnbild war für sie eine palästinensische Mutter, die israelische Soldaten anschrie. (7) Der Kampf um Befreiung von Patriarchat und Diktatur wurde somit stets als antiimperialistischer Kampf camoufliert.
Im Juni 2012 jedoch schlägt Mona Eltahawy einen radikal anderen Ton an. In dem amerikanischen Magazin Foreign Policy schreibt sie unter dem Titel »Warum hassen sie uns?« (und meint damit: Warum hassen arabische Männer Frauen?): »Ja, Frauen überall auf der Welt haben Probleme, ja, die USA müssen noch ein weibliches Staatsoberhaupt wählen (…). Aber lass uns die USA mal bei Seite lassen. Nenn mir ein arabisches Land, und ich werde eine Litanei von Misshandlungen aufzählen, die angeheizt werden durch eine Mischung aus Kultur und Religion.«
Eltahawy benennt nicht einfach die Formen von Gewalt gegen Frauen, von Zwangsheirat über Genitalverstümmelung bis zu Ehrenmorden, wie es etliche arabische Feministinnen vor ihr getan haben. Sie belegt und hämmert geradezu den Lesern ein, dass diese Formen der Gewalt gegen Frauen islamischen Kulturen eigen sind. Schließlich schreckt sie nicht einmal davor zurück, Gott einen Frauenhasser zu nennen. Mona Eltahawy ist nicht die Erste, die diese Dinge ausspricht. Vor ihr gab es Frauen wie Ayaan Hirsi Ali oder Necla Kelek. Sie aber sind Migrantinnen. Ihre Verbindungen zu ihren Heimatländern (oder den Heimatländern ihrer Eltern) waren auf Urlaube beschränkt. Und sie kritisierten auch nicht die Kultur ihrer Heimatländer, sondern die Migrantenkultur, in der sie lebten. Mona Eltahawy lebt zwar zurzeit in den USA, wie Alia Mahdy derzeit in Skandinavien lebt. Beide waren zur Zeit der Revolution jedoch in Kairo und empfinden sich als Teil der ägyptischen Gesellschaft, nicht Teil einer muslimisch geprägten Migrantenkultur.
Auch Mona Eltahawys Artikel »Warum hassen sie uns?« führte zu einem Aufschrei der Entrüstung. Wie früher bei Nawal al-Saadawi waren viele der Kritiker Frauen. Aber insbesondere jüngere Aktivistinnen bis Mitte 30 äußerten sich differenziert. Diala Haidar von »Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt« äußert in dem Interview mit Open Democracy eine wertschätzende Kritik, die in ähnlicher Form von vielen arabischen Aktivistinnen zu hören ist: »Erst einmal möchte ich meinen Respekt und meine Bewunderung für Mona Eltahawys Herangehensweise und Aktivismus zum Ausdruck bringen, obwohl ich nicht mit allem übereinstimme, was sie in ihrem Artikel erwähnt. Es ist wahr, dass viele Männer Frauen hassen, aber Misogynie ist ein weit verbreitetes Phänomen, das nicht auf die arabische Welt begrenzt ist. Es ist nicht an eine Kultur oder Religion gebunden, sondern ist weit komplizierter, da die Verunglimpfung von Frauen mehrschichtig ist. Aber wir müssen zugeben, dass Frauenhass in unseren Gesellschaften weit verbreitet ist, wo er geknüpft ist an das Gefühl von Scham und Schande gegenüber Frauen.«
Diala Haidar argumentiert ähnlich wie Nawal al-Saadawi: Erst stellt sie klar, dass Frauenhass nicht an Kultur und Religion gebunden sei, um dann aber sehr wohl einen Zusammenhang festzustellen. Doch heute ist diese Meinung von Diala Haidar nicht mehr die einer einzelnen radikalen Feministin, von der sich alle distanzieren. Sie ist feministischer Konsens geworden, selbst Frauen mit streng gestecktem Kopftuch schließen sich vorsichtig der Analyse an, dass Islam und arabische Kultur einen Beitrag zur spezifisch brutalen Unterdrückung von arabischen Frauen leisten. Die radikale Position hat heute Mona Eltahawy inne, und tatsächlich distanzieren sich noch viele von ihr, aber bei weitem nicht mehr alle. Vor allem ist ein Großteil der Kritik solidarisch. Gleiches gilt für Alia Mahdy. Mit Äußerungen wie »Sie ist eine mutige Frau, aber es war der falsche Zeitpunkt«, wird bekundet, dass Feministinnen heute grundsätzlich an einem Strang ziehen wollen.

Das neue Selbstbewusstsein

Die libanesische Autorin Joumana Haddad geht sogar noch einen Schritt weiter als Mona Eltahawy. Scharfzüngig und humorvoll analysiert sie für das Online-Magazin Now Lebanon die Sexbesessenheit islamischer Gelehrter und behauptet: »Religiöse Fundamentalisten denken mit ihren Schwänzen.« Akribisch hat sie Koran und Bibel durchforstet, um nachzuweisen, dass es sehr wohl die Religion ist, die Frauen unterdrückt. Wo Eltahawy nur einen statistischen Zusammenhang zwischen Kultur und Frauenunterdrückung feststellt, geht Haddad an die Wurzel. Religion ist für sie der Grund des Übels, und sie belegt diese Auffassung aus den religiösen Schriften. Als libanesische Christin geißelt sie die Textbasis des Christentums ähnlich hart wie die des Islam. Die islamische Praxis ist aber weitaus häufiger ihr Thema: Sie schreibt gegen den Kopftuchzwang und spottet über den Begriff »islamischer Feminismus«.
Haddad begann damit schon vor den arabischen Revolutionen. An ihren Texten lassen sich deutlich die Veränderungen nachvollziehen, die sich in der feministischen Diskussion vollzogen haben. In ihrem 2010 erschienenen Buch »Wie ich Scheherazade tötete« widmet sie noch weite Strecken der Auseinandersetzung mit dem »Westen«. Stefan Weidner schrieb damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das Buch sei politisch naiv: »Einerseits empört Haddad sich zu Recht über die westlichen Klischees, andererseits muss sie zugleich feststellen: Vieles davon stimmt, und alle Frauen in der arabischen Welt leiden darunter, vor allem sie selbst; einerseits fordert sie zu Recht Aufklärung für die eigene Gesellschaft, andererseits wehrt sie sich gegen den verächtlichen Blick von außen.«
Naiv war das nicht. Denn zum damaligen Zeitpunkt war eine andere Position noch nicht denkbar. Die inneren Widersprüche ihrer Po­sition verhinderten jedoch eine echte Analyse und damit einen zielgerichteten Kampf gegen die Verhältnisse. Wer Haddads oder Eltahawys Positionen als »orientalistischen Feminismus« denunziert, verkennt gänzlich die Bedeutung dieser radikalen Kritik an der eigenen Gesellschaft. Sie biedern sich dem Westen nicht an, sondern bringen ein neues Selbstbewusstsein zum Ausdruck, das ohne den Blick des Anderen auskommt. Für sie ist es gleichgültig, ob man anderswo schlecht über die arabischen Gesellschaften denkt. Der Vergleich dient ihnen allein als Bezugsrahmen, so wie eine deutsche Feministin nach Schweden oder Frankreich weist, wenn sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einfordert.
Die Entstehung dieses neuen Selbstbewusstseins war Voraussetzung für die Revolutionen. Erst mit der sich langsam bildenden Erkenntnis, dass nicht der Imperialismus, also äußere Mächte, schuld an allem Übel der arabischen Welt sind, konnte der Gedanke reifen, dass man selbst die Verhältnisse ändern kann. Mit Emmanuel Todd und Hoda Salah ließe sich behaupten, dass es die Thematisierung der Geschlechterverhältnisse und der neue Mut der Frauen waren, die dieses Selbstbewusstsein überhaupt erst haben heranreifen lassen.

Anmerkungen

(1) Maya Mikdashi: Waiting for Alia, 20.11.2012,

(2) Hoda Salah: Die Revolution in Ägypten als Bruch mit den patriarchalischen Strukturen vom Staat bis in die Familie (Vortragsmanuskript), S. 5
(3) Laut Unicef Statistics liegt die Reproduktionsrate in Tunesien bei zwei Kindern pro Frau, in Libyen bei 2,6 und in Ägypten bei 2,7. Die Unterschiede lassen sich u. a. mit dem Urbanisierungsgrad der Gesellschaften erklären: Während in Ägypten nur 43 Prozent der Bevölkerung in Städten lebt, sind es in Tunesien 78 Prozent.
(4) Emmanuel Todd: Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet, München 2011, S. 30
(5)
(6) Wael Ghonim: Revolution 2.0. Wie wir mit der ägyptischen Revolution die Welt verändern, Berlin 2012, S. 109
(7) Vgl.: Fatema Mernissi: Die Angst vor der Moderne. Frauen und Männer zwischen Islam und Demokratie, Hamburg 1992, S. 209