Wenzel Storch im Gespräch über Päpste, Väter und Prälaten

»Der Papst schmeißt hin und alle finden’s toll«

Der Autor, Zeichner und Regisseur Wenzel Storch hat die bizarre Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur erforscht. In seinem neuen Buch »Das ist die Liebe der Prälaten« präsentiert er die Ergebnisse seiner Feldforschungen.

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Vor kurzem ist der Papst zurückgetreten. Was bedeutet das für Sie?
Es ist, als hätte ich – nun schon zum fünften Mal – meinen Vater verloren. Es ist ja mindestens der vierte Papst, bei dessen Abgang ich dabei sein muss, zumindest aus der Ferne. Der erste war Paul der Sechste, berühmt als »Pillen-Paul«.
Um’s weniger pathetisch zu sagen: Dass ein Vater seine Familie verlässt, ist ja eigentlich schon ein Unding. Und wenn einer so viele Kinder hat und die auch noch auf der ganzen Welt – dann einfach wegzulaufen, weil er seine Ruhe haben will, ich weiß nicht, kein schöner Zug. Karol Wojtyla ist doch auch bis zum Schluss auf den Rollfeldern ’rumgekrochen. Mein »Bischofs-Quartett« kann ich jetzt jedenfalls wegschmeißen. Ersatzkarten werden nicht geliefert, auch nicht für den Bischof von Rom. Die muss man sich als PDF beim Kölner Domradio herunterladen. Da hab ich mir seinerzeit die Austauschkarte für Bischof Mixa besorgt, das Spiel aber seitdem nicht mehr angerührt. Wer will schon mit Schummelkarten Quartett spielen?
Warum nimmt niemand außer Ihnen dem Papst seinen Rücktritt übel?
Das frage ich mich auch. Der Pontifex habe, sagt der Hardliner Rainer Maria Woelki, das Amt entzaubert. Was wie ein Vorwurf klingt, ist eine Belobigung. Der Papst schmeißt hin und geht ins Kloster, und alle finden’s toll. Nicht mal sein Bruder Georg ist sauer. Mit dem wollte er doch eigentlich, bevor er zum Stellvertreter Christi gewählt wurde, in Regensburg eine WG aufmachen. Stattdessen zieht er jetzt mit sieben Frauen zusammen.
Schlimmstenfalls wurde ihm sein Entschluss als senile Amtsflucht ausgelegt – ich glaube, es fiel das böse Wort vom Gedächtnisschwund. Eigentlich ja kein Wunder bei einem 85jährigen. Wie auch immer: Man muss jedenfalls den Eindruck gewinnen, dass die Kirche sich ohne Not gehen lässt, langsam verlottert … Was man über Eskapaden wie den Rücktritt leicht vergisst: Wenn es das Böse unter der Sonne wirklich gibt, dann wohnt es im Petersdom in Rom. Egal, wie der Statthalter gerade heißt, und egal, wie lifestylemäßig er sich gibt. In der Beziehung waren die letzten acht Jahre ja sehr explizit: Der Papst posiert als Posterboy für Bravo, lässt sich von Kai Diekmann sogenannte »Benedikt-Bibeln« andrehen und das Jeckenbistum Köln schmeißt, pünktlich zum großen Missbrauchstralala, alberne Quartettkarten auf den Markt. Selbst aus dem Missbrauchsrummel werden noch Gimmicks und Scherzartikel geschlagen. Und damit, dass der Kapitän auf hoher See von Bord geht, sein »Schifflein Petri« in Stich lässt, ist vielleicht ein weiterer Damm gebrochen.
Im Oktober 2010 hatte ich in Konkret prophezeit, dass schon bald mit den ersten FKK-Messen zu rechnen sei. Und danach unfehlbar das Zeitalter der Swinger-Gottesdienste anbreche, jedenfalls, wenn die Entwicklung auf dem katholischen Sektor so weitergeht. Denn das hat ja was Hemmungsloses. Mal sehen, ob ich da so schief liege.
Väter sind eigentlich Figuren, auf die man sich verlassen will. Als Katholik hat man viele Väter, Pfarrer, Bischöfe, Päpste. Ständig sterben welche, treten ab, selten werden sie gefeuert. Nur Gott als Übervater bleibt erhalten. Die Konfusion scheint hier programmiert sein. Wie kommt man mit diesem ständigen Vaterwechsel klar?
Ratzinger war vielleicht der erste Teilzeit- oder Patchwork-Papst – eine Papstsorte, die ich eigentlich nie kennenlernen wollte. Aber was die Vaterschaft angeht, da will ich mit einem Zitat antworten: »Ein Priester muss erst recht ein ganzer Mann sein, und wenn er auch nicht das natürliche Leben weitergeben darf, das übernatürliche Leben weiterzugeben ist seine Aufgabe.« Das sagt Alfons Russ, ein Klosterbruder aus dem Böhmerwald, in seinem Zeltlagerroman »Die Steine der kommenden Zeit«.
Das haben Sie für Ihr Buch »Das ist die Liebe der Prälaten« gelesen?
Unter anderem. Ich habe in monatelanger Klausur ganze Berge von katholischen Schmökern gelesen, darunter auch viele Jahrgänge der kuriosen Bubenzeitschrift Unser Guckloch – ein holzhaltiges Heft voller Winke, Weisheiten und Ermahnungen, aber auch voller Messdiener-Pin-ups. Ich habe auch einen hohen Stapel der raren, in Fachkreisen sehr gesuchten Magazine Am Scheideweg und Leuchtfeuer Ministrant gesichtet. Obskures Material, das wohl versehentlich nicht geschreddert wurde, und das der Sakropopforscher Frank Apunkt Schneider im Keller eines bayerischen Priesterseminars aufgestöbert hat.
»Das ist die Liebe der Prälaten« erzählt aber nicht nur die packende Geschichte vom Aufstieg und Fall der Bubenzeitschrift Unser Guckloch, es geht auch um Weltliches: um die Geschichte des »Beat-Club«, um Robert Crumb, Gerhard Richter, Michaela Meise und Hannes Wader. Das Herzstück bleibt allerdings die Darstellung und Deutung der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur, von den späten vierziger bis zu den frühen siebziger Jahren, begleitet von vielen seltenen Bilddokumenten. Übrigens mit einem kleinen Seitenblick auf die römisch-katholische Trimm-Dich-Literatur, auf Werke wie »Peter legt die Latte höher«. Ein heiteres Thema, zu dem es bis heute – eigentlich ja verblüffend – so gut wie keine Fachliteratur gibt.
Die Kirchenliteratur war sexuell aufgeladen?
Das liegt wohl an der Kundschaft. Es waren doch in erster Linie die Schwarzröcke, die diese Heftlein bezogen, um sie, nachdem sie sie ausstudiert hatten, an ihre Blagen weiterzureichen.
Was verstehen Sie unter Messdiener-Pin-ups?
Das sind stimmungsvolle Bilder von Knaben, in der Regel im weißroten Röckchen. Meist kniend, oft in allen möglichen Posen oder Verrenkungen – beim Prozessieren, beim Bimmeln mit dem Glöcklein, beim Grashüpferstreicheln. Halb- oder ganzseitige Motive mit eigentlich recht unklarer Bestimmung, wobei »Messdiener-Pin-up« natürlich kein offizieller Begriff ist. Schon auf dem Umschlag bezeugen Hefte wie Unser Guckloch, Am Scheideweg, Leuchtfeuer Ministrant einen feinen Sinn fürs Pädo­fiziale. So fangen die Fotografen immer wieder recht gekonnt den Zauber blanker Bubenbeine ein, knipsen pralle Gesäßbacken im Gegenlicht, gern in abgewetzten, straff sitzenden Lederhosen. Dazu meist ein passender Spruch: »Der Leib ist für den Herrn da; bewahrt ihn tadellos für seine Ankunft!« – irgendwas in der Richtung. Wie der Herr heißt, und wann er tatsächlich kommt – das steht natürlich nicht dabei.
Was die Verwendung angeht, da bin ich überfragt. Die neuen Hefte wurden wohl als Betthupferl nach der Spätmesse mit in die Kammer genommen. Wobei die stimmungsvollsten Motive im Spind des Priesters verschwunden sein dürften. Es mag auch sein, dass betuchte Pfarrherrn ein kleines Medaillon unter der Soutanelle trugen, in dem die herausgerissenen Seiten, mehrfach gefaltet oder liebevoll zerknüllt, ihren Platz fanden. Die Soutanelle: Wie lange habe ich diesen schönen, alten Ausdruck nicht mehr benutzt? So nannte man in meiner Dienstzeit – als Messdiener auf dem Lande – den halblangen Priesterrock, das sogenannte Priesterzivil.
Ich habe ein Faible für diese sonderbare und schauerromantische Terminologie: das Puri­fikatorium, die Inzensation, das Thuribulum, das Ziborium, das Sekret, das Pädofizium …  Oder heißt es: das Pädofikium? Ist ja auch egal. Das sind jedenfalls schöne alte Begriffe aus einer Zeit, als die Seelsorger noch das Bildnis ihres Lieblingsministranten im Portemonnaie trugen.
Ist Arno Schmidt eigentlich auch so eine Art Papst? Wie ist sein Verhältnis zu seiner Gemeinde?
Jörg Schröder spricht in »Maggi Pur« von einer »Art Loge«, deren Mitglieder regelmäßig zum Meister pilgern – wie zu einer Wunderquelle. Gemeint war das sogenannte Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikat. Wie dieses Syndikat von Schmidt behandelt wurde, ist ja bekannt: »Ich traktier’ sie«, sagt Schmidt irgendwo, »ganz nach der Methode: Sage mir, wo du hingehst und ich geh’ sofort andersrum … « Da meinte er zwar die deutsche Jugend und nicht die Syndikats-Leute, aber es kommt so ziemlich aufs Gleiche ’raus. Ob Syndikat oder GASL, wie sich die Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser abgekürzt nennt: Das hat auf alle Fälle was Religiöses. »Maggi Pur« ist übrigens, obwohl längst veraltet, der beste und lustigste Text, den ich über das Phänomen kenne, auch wenn ich viele der vorgetragenen Standpunkte nicht teile. Aber Jörg Schröder redet sich da herrlich in Rage, wettert über »Staubscheißer«, phantasiert eine allmächtige »Makkaroni-Fresser- und Maggi-Lecker-Gemeinde« herbei usw.
Wie auch immer: Diese Gemeinde produziert bis heute Tonnen von Sekundärliteratur. Das meiste mag Erbsenzählerei sein, Sinnhuberei, aber es gibt auch Unterhaltsames und Erhellendes. Ich schätze, über den Heidedichter ist bald mehr spintisiert worden als über Karl May. Bei May ist inzwischen alles, was man untersuchen kann, untersucht: Es gibt Aufsätze über sein »Kussverhalten«, ja selbst sein Wichsverhalten ist im Detail erforscht – seit 1998 ist Mays »Onanisten-Karriere« wissenschaftlich aufbereitet und jedermann zugänglich. Eine wahrhaft kuriose Sekundärliteraturlawine, die Arno Schmidt da vor 50 Jahren mit »Sitara«, seiner »Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays«, losgetreten hat.
Für »Arno & Alice«, meine kleine Arno-Schmidt-­Bildbiographie, habe ich die Sekundärliteratur praktisch gar nicht benutzt, abgesehen von Aufsätzchen wie »Was schluckte Arno Schmidt?« Da der Held bereits im Vorwort den Drogentod stirbt, brauchte ich verlässliche Angaben, was Schmidt sich alles so ’reingepfiffen hat. Die Liste ist beeindruckend, selbst für einen Dichter, der dem Drogenkonsum liberal und freundlich gegenüberstand: literweise Maggi, Schinkenhäger, Ratzeputz, Mampe Halb & Halb, Kartoffelkrautsaft, Jamaica Rum, dazu Pülverchen, Dragées und sogenannte Zerbeißkapseln. Auf diese Weise hat er sich – mit Extrakten aus Frühlingsteufelsauge und wolligem Fingerhut, mit nächtlichen Maggi-Kuren und Nescafé-Orgien – fit gehalten fürs Werk, zum Nutzen der Nachwelt. Dass das lange gutging, verdankte Schmidt, der sich als Arbeits- und »Gehirntier« verstand, den Genen: Als Sohn eines Polizisten verfügte er über »Keimdrüsen aus Gusseisen«. »Ich habe den Körper eines Ochsen«, vertraute er 1970 dem Spiegel an – neun Jahre vor seinem Tode und 20 Wochen, bevor Jimi Hendrix, mit einem erheblich harmloseren Cocktail im Blut, für immer von uns ging.
Arno Schmidt gilt doch aber als verstaubt und asexuell, quasi als pfäffischer als die Pfaffen.
Mit Begriffen wie »asexuell« kommt man bei Schmidt, glaube ich, nicht weiter. Als der in den sechziger Jahren in die heiligen Hallen der Impotenz eintrat, ging’s nämlich erst richtig rund: Da entdeckte er die »vierte Instanz« – ein von Freud übersehenes Kämmerlein, das sich Männern, allerdings nur »genialen«, mit Erreichen der Impotenz auftut. »Ein pornographisches Lachkabinett«, aus dem all die »Phalluzinationen und Slibo=Witze« aufgestiegen sind, die Schmidts Spätwerk prägen.
Aber wie Arno Schmidt wirklich war – wie verstaubt, asexuell und pfäffisch oder auch nicht –, das kann man am besten meiner kleinen bunten Bildbiographie entnehmen, die auch dem Eheleben der Schmidts viel Platz einräumt. Auch dieses Buch wird das Rätsel Arno Schmidt nicht lösen. Dafür zeigt es das Traumpaar der westdeutschen Nachkriegsliteratur beim Karneval in Bargfeld, auf großer Tandemtour oder beim Chillen auf dem Schauerfeld.

Wenzel Storch: Das ist die Liebe der Prälaten. Ventil-Verlag, Mainz 2013, 270 Seiten, 18,90 Euro
Wenzel Storch: Arno & Alice. Ein Bilderbuch für große und kleine Arno-Schmidt-Fans. KVV Konkret, Hamburg 2012, 88 Seiten, 24, 80 Euro