Neonazis und das Geschäft mit Crystal Meth

Opa war kein Drogendealer

Crystal Meth wird in Ostdeutschland immer häufiger konsumiert. Am florierenden Handel mit der aufputschenden Droge beteiligen sich auch Neonazis.

Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei machte Ende August 2012 in Nordsachsen einen besonderen Fang. In zehn Wohnungen und Lagerräumen von Neonazis stellten die Beamten nicht etwa hauptsächlich Propagandamaterial und Waffen, sondern vor allem Drogen und Bargeld in größerer Menge sicher. Die Polizisten hoben einen Drogenhändlerring aus, der vor allem mit Crystal Meth Geld verdient hatte. Der Hauptbeschuldigte Lars S. aus Delitzsch galt jahrelang als enger Vertrauter des stellvertretenden sächsischen NPD-Vorsitzenden und Kaders des »Freien Netzes«, Maik Scheffler. Dem Leipziger Antifa-Magazin Gamma zufolge war eine von Scheffler betriebene Website zum Zeitpunkt der Razzia über die E-Mail-Adresse von Lars S. angemeldet. Außerdem soll S. ein Administrator der Homepage »Freies Netz« gewesen sein. An dem Drogenring waren mehrere Nazis aus der Region beteiligt. Im März legten drei von ihnen vor dem Landgericht Leipzig umfassende Geständnisse ab.

Die rechtsextremen Drogenhändler aus Nordsachsen sind keine Einzelfälle. Im November 2012 wurde in Hoyerswerda der Sänger der Naziband Bollwerk, Ralf A., verhaftet. Auch er soll nach Auskunft der Staatsanwaltschaft »in größerem Umfang« mit Crystal Meth gehandelt haben. Im Februar 2013 wurde darüber hinaus ein Neonazi aus dem Saarland wegen des Besitzes von 3,5 Kilogramm Amphetamin verhaftet. Im Zuge der Ermittlungen geriet auch ein Neonazi aus dem westsächsischen Penig ins Visier der Fahnder. Und erst vor wenigen Wochen wurde in Dresden Willy K. wegen gefährlicher Körperverletzung und Drogenhandels zu drei Jahren Haft verurteilt. Er war bereits als Haupttäter der neonazistischen Überfälle nach dem EM-Halbfinale 2008 in Dresden vorbestraft und war führendes Mitglied der kriminellen Vereinigung »Hooligans Elbflorenz« (Jungle World 36/2011). Mit Crystal Meth hat er ebenfalls gehandelt.
Methamphetamin, so die chemische Bezeichnung der Grundsubstanz, zählt zu den Stimulantien. Es verursacht starke Euphorie, verringert das Schlafbedürfnis und erhöht die Leistungsfähigkeit. Bei gelegentlichem Konsum gilt es als ideale Unterstützung zum Arbeiten, Tanzen und Kreativsein. Dauerhafter Konsum hingegen führt zu Nebenwirkungen, mit denen den Erfordernissen der Leistungsgesellschaft nicht mehr nachzukommen ist. Hauterkrankungen, Zahn- und Haarausfall, Herzprobleme und psychische Leiden sind unter anderem die Folgen.
Im nationalsozialistischen Deutschland wurde 1937 ein Verfahren zur Massenproduktion der Droge patentiert. Die Nazis erkannten erst 1941 die negative Seite des Aufputschmittels. Zuvor hatten die Sanitätsparks der Wehrmacht aber schon mindestens 29 Millionen Tabletten zur Leistungssteigerung an die deutschen Soldaten verteilt. Bis Kriegsende wurden die Pillen, unter der damaligen Bezeichnung »Pervitin«, dennoch in begrenztem Umfang an die Soldaten ausgegeben (Jungle World 8/2008).

Im aktuellen Drogen- und Suchtbericht des Bundes wird der Freistaat Sachsen besonders hervorgehoben. Dort heißt es: »Sachsenweit ist davon auszugehen, dass Crystal inzwischen den Hauptanteil illegal konsumierter Substanzen ausmacht.« Jugendsozialarbeiter aus Sachsen berichten immer wieder, dass die Zahl der jugendlichen Konsumenten und das sinkende Einstiegsalter ihnen immer größere Schwierigkeiten bereiteten. Die Nähe zu Tschechien ist dem Drogen- und Suchtbericht zufolge von großer Bedeutung. Crystal werde dort in Privatlabors hergestellt und nehme über Sachsen den Weg nach Deutschland, wo der Markt für die illegale Substanz groß ist.
Aus dem Süden des Landes Brandenburg gab es in den vergangenen Jahren ähnliche Meldungen über die wachsende Verbreitung von Crystal Meth. Im Mai 2012 nahm die Bundespolizei im Vogtland zwei mutmaßliche Kuriere aus dem brandenburgischen Spremberg fest. Sie sollen etwa 200 Gramm Crystal aus Tschechien bei sich gehabt haben. Tim F. und Sascha K. wurden von der Zwickauer Staatsanwaltschaft der Rockerszene zugerechnet und von der Lausitzer Rundschau mit dem Motorradclub Gremium MC in Verbindung gebracht. Dessen Spremberger Chapter unterhält Verbindungen mit Nazis. Das verwundert nicht. 2002 fusionierte der Berserker MC Spremberg mit dem Gremium MC. Zu den Mitgliedern des Berserker MC gehörten auch Naziskins. Das Abzeichen des Spremberger Clubs bestand zeitweise aus einem Keltenkreuz und zwei gekreuzten Schwertern mit den Aufschriften »Thor« und »Odin«.
Nach Aussage der brandenburgischen Innenministers Dietmar Woidke (SPD) lagen der Polizei im vergangenen Jahr »staatsschutzrelevante Erkenntnisse« über drei Angehörige des Spremberger Chapters des Gremium MC vor, die als Rechtsextreme in Erscheinung getreten waren. Ein Mitglied der Naziband Frontalkraft ist demnach Mitglied des Spremberger Motorradclubs. Dieser trat als Konzertveranstalter für die Band auf. Das Beispiel Spremberg zeigt, dass Neonazis, die Outlaw-Biker-Szene und der Handel mit Crystal Meth miteinander verquickt sind. Die Verbindung des kriminellen Milieus mit der Szene der Neonazis ist nicht neu. Insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands sind Bereiche der organisierten Kriminalität beinahe schon traditionell mit Teilen der Neonaziszene verbunden.
Anders als etwa der Waffenhandel stellt der Drogenhandel manche Nazis allerdings vor ideologische Probleme. Der Dealer ist in der Propaganda einschlägiger Parteien meist ein Ausländer, der mit seinen Drogen die deutsche Jugend gefährdet und ähnlich wie der Sexualstraftäter den deutschen »Volkskörper« bedroht. Die NPD fordert deshalb beispielsweise »Höchststrafen für Rauschgiftkriminelle« und »knallharte Strafen für Drogenhändler«.
Doch die Naziszene hat sich in den vergangenen 20 Jahren ausdifferenziert. Manche gewaltbereiten Mitglieder haben sich von einigen ideologischen Vorgaben verabschiedet. Crystal passt im Gegensatz zu Cannabis ganz hervorragend zum brutalen Egotrip des deutschen Übermenschen: Es senkt die Hemmschwelle zur Ausübung von Gewalt. Ein im Kontakt zur Naziszene stehender Haupttäter des tödlichen Angriffs auf den Obdachlosen Andre K. im sächsischen Oschatz plädierte im Strafprozess wegen Totschlages auf mildernde Umstände, weil er bei der Tat unter dem Einfluss von Crystal Meth gestanden haben will.

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