Berauscht von Caio Fernando Abreus Low-Budget-Roman

Kein Sex mit Márcia Fellatio

David Cronenberg fährt den Mulholland Drive entlang. Die Leser sitzen währenddessen mit ihrem Kindle auf dem Rücksitz und lesen den Roman »Was geschah wirklich mit Dulce Veiga?« von Caio Fernando Abreu. Oder so ähnlich.

Von Knud Kohr
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Dieser Roman versetzt den Leser in einen seltsamen Rauschzustand. Nicht wie ein paar Bier es tun, die einen immer mehr Blödsinn reden lassen. Auch ein fingerdicker Joint, der einen »gleich da« sein lässt, aber echt jetzt, wirkt anders als dieser Stoff, der »Was geschah wirklich mit Dulce Veiga?« heißt und 1990 vom Brasilianer Caio Fernando Abreu ersonnen wurde.
In einer kleinen, dreckigen Wohnung mitten in São Paolo, mit 20 Millionen Einwohnern eine der größten Städte auf diesem Planeten, bekommt ein namenloser Reporter und Romanautor von einem alten Bekannten eine Stelle als Redakteur bei einer zweitklassigen Tageszeitung angeboten. Da seine Freundin ihn kürzlich verlassen hat und er die Erinnerung an ein intensives schwules Erlebnis nicht loswird und nicht zuletzt, weil er sich Sorgen macht um seltsame kleine Beulen an seinem Hals, nimmt er die Stelle an. Sein erster Auftrag: ein Porträt über die gerade höchst erfolgreiche Band Vaginas Dentatas mit ihrer Sängerin Márcia Fellatio, einer »apokalyptischen Post-Punk-Primadonna«, deren Stimme klingt, »als ob sie aus einer atomaren Ruine aufsteigt«.
Bei der Begegnung merkt der Reporter, dass er deren neue Single kennt. Allerdings in einer anderen Version. Márcia ist die Tochter von Dulce Veiga, einer Sängerin, die er vor 20 Jahren als junger Reporter besuchte und die damals kurz vor ihrem Durchbruch stand. Dulce Veiga entschied sich aber, spurlos zu verschwinden und Márcia ihrem Ehemann zu überlassen. Oder vielleicht jenem schemenhaften Mann, der während des damaligen Interviews in einer Ecke saß.
Da Dulce Veiga und ihr Verschwinden in Brasilien zu einem populärkulturellen Mythos geworden sind, setzt der Chefredakteur seinen neuen Reporter auf diese Geschichte an. Auf dem Weg nach Hause, wo der Reporter in einem Mietshaus zwischen einem Medium, einem Crossdresser und zwei Bodybuildern wohnt, die als Escorts arbeiten, winkt ihm Dulce Veiga plötzlich von der anderen Straßenseite zu. Und verschwindet sekundenschnell zwischen den anderen Passanten. Das ungefähr ist der Moment, von dem an sich der Leser mehr und mehr so zu fühlen beginnt, als würde er von David Cronenberg den Mulholland Drive entlanggefahren. Vielleicht sitzt auch noch Atom Egoyan auf dem Beifahrersitz. Denn ab jetzt taucht die Verschwundene immer wieder im Roman auf, ohne für den Reporter wirklich greifbar zu werden.
Auch andere Gestalten treten während der Suche des Reporters in Erscheinung. Ein neu­reicher orientalischer Pressemagnat zum Beispiel, dem die Tageszeitung gehört und der den Reporter mit allen finanziellen Mitteln ausstattet, die er benötigt. Die Handlung führt weiter zu einer semipornographischen Off-Off-Theaterproduktion und zu einer abgehalfterten Telenovela-Heroine, die mit Dulce zusammen gearbeitet hat und die ihre Rolle übernahm, als die Sängerin plötzlich verschwand.
Caio Fernando Abreu, 1948 geboren in Porto Allegre und 1996 an den Folgen seiner HIV-­Infektion gestorben, gilt als einer der wichtigsten Vertreter urbaner brasilianischer Literatur. Zweimal erhielt er den bedeutendsten brasilianischen Literaturpreis Prêmio Jabuti. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Theatertexte, Songtexte und Drehbücher. 1994 erhielt Caio während einer Europareise die Diagnose Aids, woraufhin er zu seinen Eltern zog, in deren Garten er seine letzten beiden Jahre vorrangig verbrachte. »Was geschah wirklich mit Dulce Veiga?« wurde ins Deutsche, ins Englische, Französische, Italienische, Niederländische und Spanische übersetzt. Kurz nach Abreus Tod wurde der 1990 erstmals erschienene Roman verfilmt. Es gab immer wieder Neuveröffentlichungen des Werks. 2010 etwa erschien »Dulce Vega« als Kindle-Auflage in der University of Texas Press. Nun hat auch der kleine Berliner Verlag Edition Dia Abreus Buch wiederveröffentlicht. Wiederum als E-Book.
Die meisten Hauptfiguren sind Interpretationen seiner selbst. Es sind Journalisten, Drehbuch- oder Romanautoren, die in den großen Städten des Landes leben und sich mit ihrer ungeklärten sexuellen Identität und mit dem Leben mit Aids auseinandersetzen. Auch in »Was geschah wirklich mit Dulce Veiga« stellt der Reporter fest, dass Márcia Fellatio seit der Liebesgeschichte mit einem Junkie, der mittlerweile verstorben ist, dieselben Knötchen am Hals hat wie er selbst. Wie auch sein ehemaliger Liebhaber Pedro. Beide haben sich testen lassen, und beide wissen seitdem, dass Aids bei ihnen schon ausgebrochen ist. Márcia will deswegen unbedingt noch ein letztes Album aufnehmen. Mit Liedern ihrer Mutter, die sie in einem alten Koffer in jener Wohnung fand, die Dulce zuletzt bewohnte.
Der Reporter hingegen will seine Suche aufgeben und die ihm noch verbleibende Zeit nutzen. Doch das lässt Abreu, zu dieser Zeit selbst schon seit Jahren HIV-positiv, nicht zu. Sondern zwingt den Reporter in eine letzte Volte, die zunächst in eine unbekannte Zweigstelle von Alfred Hitchcocks »Bates Motel« zu führen scheint. Um dann an einem Ort zu enden, den der Leser vorher unmöglich erwarten konnte. Am Ende des Buches ist so ziemlich jeder Charakter tot. Oder dem Tod geweiht. Oder hat endlich einen Ort gefunden, an dem er in Ruhe leben kann.

Caio Fernando Abreu: Was geschah wirklich mit Dulce Veiga? Ein Low-Budget-Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Gerd Hilger. Edition Dia, Kindle-Edition.