Der revolutionäre Cyborg bei Donna Haraway

Mensch, Maschine und Geschlecht

Seit den achtziger Jahren gilt der Cyborg als revolutionäre Figur. Aus ihr kann man heute noch etwas lernen.

Anzeige

Als Donna Haraway 1985 mit ihrem Manifesto for Cyborgs zumindest für westdeutsche Leser wie aus dem Nichts auftauchte, war das wie Ostern und Weihnachten an einem Tag. Erschienen in der amerikanischen Socialist Review, begann das Manifest mit einem Lob der Blasphemie. Diese, so schrieb sie, sei »innerhalb der säkularisierten, aber darum nicht weniger religiösen, protestantischen Tradition der US-amerikanischen Politik, die Politik des sozialistischen Feminismus eingeschlossen«, der beste Ausgangspunkt jeder Kritik. Blasphemie schütze uns vor der moralischen Mehrheit in den eigenen Reihen, ohne die Notwendigkeit von Solidarität aufzugeben. Dazu schwor Haraway noch, »Feminismus, Sozialismus und Materialismus« die Treue zu halten. Ins Zen­trum dieser »ironischen Treue« setzte sie das Bild der Cyborgs, primär geschlechtsloser Hybriden aus Mensch und Maschine.
Wow! Das war eine Ansage, die im Reich der Finsternis, der damaligen deutschen Universität, wie ein Lichteinschlag wirkte. Denn Haraway hatte all das, was die deutsche Universität nicht hatte: Festlegung, Klarheit und Witz. Wer war diese Polemikerin, die jeden Essentialismus, zuerst den vom sogenannten Mann und der sogenannten Frau, im Namen des Feminismus mit einer Lust in die Tonne trat, die keinen Selbstzweifel kannte? Woher kam diese Sicherheit in der Zerstörung des Essentiellen? Natürlich aus der damals bestmöglichen intellektuellen Sozialisation: aus den USA und Paris. Die ausgebildete Biologin ging Ende der sechziger Jahre, mit einem großzügigen Stipendium ausgestattet, nach Paris, um über das Verhältnis von Evolutionstheorie und Philosophie zu forschen. Paris war zu der Zeit schon lange das Zentrum der Wissenschaftsgeschichte der Biologie. Verbunden mit Namen wie Gaston Bachelard, Georges Canguilhem und Michel Foucault war Paris die Stadt, in der man die Biologie immer auch als Geschichtswissenschaft verstanden hatte. Da Haraway zudem aus ihren Biologiestudien wusste, dass die Evolutionstheorie keine schlüssige Antwort auf die Frage geben konnte, warum es überhaupt Geschlechter gibt, geschweige denn, wozu sie gut sein sollten, ließ sich der Geschlechteressentialismus in Paris leichter erledigen als anderswo. Denn ontologisch, in einer umfassenderen, über das Humane hinausgehenden Seinsgeschichte ist die Frage nach dem Geschlecht nicht aus dem Leben selbst zu begründen. Das Leben begann und beginnt immer noch ohne Geschlecht. In Deutschland ist das im vergangenen Jahr sogar rechtsrelevant geworden, indem man Ärzte ab jetzt nicht mehr zwingt, bei der Geburt eines Menschen ein eindeutiges Geschlecht in die Urkunde einzutragen.
Aber bis hierhin war es, als Haraway anfing, noch ein weiter Weg. Es musste erst einmal gezeigt werden, in welcher Weise die essentialistischen Vorstellungen in die Biologie bzw. die Naturwissenschaften hineinkamen, wer sie wie, wann und wo konstruiert hatte. Haraway tat das in ihrer Dissertation am Beispiel der Bedeutung von Metaphern in der Entwicklungsbiologie des 20. Jahrhunderts. Sehr klar stellte sie in ihrer Studie heraus, dass die naturwissenschaftlichen Diskurse vieles sein können, nur eines mit Sicherheit nie: herrschaftsfrei. Beeinflusst von Foucaults Machtanalysen gelang ihr dabei ein wissenschafts­soziologisches Meisterstück. Sie schaffte es, die Frankfurter Schule zu umschiffen und damit dem tristesten Denkunternehmen unserer Zeit zu entkommen. Die Frankfurter Schule war bereits in den achtziger Jahren zu dem geworden, als was Max Weber die politischen Parteien in Deutschland erkannt hatte: ein bloßes Jobvermittlungsinstitut.

In Frankfurt am Main gehen sie alle vor die Hunde, egal ob Kunstkritikerin, Science-Fiction-Schlaumeier oder sogenannter Philosoph. Was, und das kann man von Haraway immer bis in alle Zeiten lernen, überhaupt nicht schlimm wäre, wenn man es bemerken und ernst nehmen würde. Denn am Verhältnis zwischen Menschen und Hunden, in den vergangenen Jahren Hara­ways großes Forschungsgebiet, lässt sich zeigen, wie über das Zusammenwirken von Maschinen, Menschen und Tieren die Verhältnisse zum Zittern gebracht werden. Es gab schließlich schon im Ersten Weltkrieg Schäferhunde, die mit Gasmasken bekleidet zwischen den Schützengräben hin und herliefen. Eine Tatsache, die in diesem Jahr des Kriegsjubiläums bestimmt noch mindestens eine Super-Bildstrecke generiert. Haraway ist aber auch da schon weiter. Am Beispiel der Mitwirkung von Hunden an der Folter im Irak-Krieg und des amerikanischen Strafvollzugs hat sie gezeigt, wie die Verhältnisse auch den Begegnungsraum von Tieren, Menschen und Maschinen bestimmen, ohne dass sich die Beteiligten dafür substantiell ändern müssen: Die Veränderung läuft innerhalb der Beziehungen oder Begegnungen zwischen den Beteiligten ab und nicht in den Beteiligten selbst. Mathematisch ausgedrückt heißt das, dass sich die Relationen verändern können, ohne dass sich die Terme verändern müssen. Haraway hat dafür den Begriff des »Begegnungswertes« erfunden, um den sie die Marx’schen Begriffe von Tausch- und Gebrauchswert erweitert wissen will, wenn es um die Analyse der Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Maschinen geht. Für Cyborgs folgt daraus nichts weniger, als dass auch die Maschinen ihr individuelles Kraftfeld entfalten können müssen, wenn man mit ihnen und nicht gegen sie leben will. Hilfreich ist dabei, dass im Begegnungsfeld von Maschinen, Menschen und Tieren Frieden herrscht. Zumindest in Haraways Begegnungsfeld ist der Frieden der Motor allen Fortschritts. Einen gerechten Krieg gibt es bei ihr nicht.