Das vergessene KZ von Ebensee

Das vergessene KZ von Ebensee

In der Markgemeinde Ebensee im oberösterreichischen Salzkammergut leben viele Familien auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Als vor einigen Jahren eine Gedenkfeier an der KZ-Gedenkstätte von Naziparolen grölenden Jugendlichen attackiert wurde, bekam die Kleinstadt das Image eines »Nazidorfes«. Die Dorfgemeinschaft wehrt sich dagegen, doch die wenigsten sind bereit, sich mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen.
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Das ist leider so bei uns«, sagt der junge Mann Anfang 20, der hier im Stollen die Besucher betreut. Ein rotes Hakenkreuz, verwischt, aber noch gut zu erkennen, prangt an der Wand im Inneren des Gedenkstollens in Ebensee. Daneben ist der Schriftzug »Heil« zu erkennen. Der Rest ist unleserlich.
Ebensee ist ein Dorf mit 8 000 Einwohnern in Oberösterreich, im nördlichen Alpenvorland. Beeindruckende Bergmassive, der weitläufige Traunsee – ein Postkartenidyll. Fast jede Ecke der Marktgemeinde gibt ein prima Fotomotiv ab. »Das perfekte Menü für Körper und Seele«, verspricht die Tourismusindustrie. Hier ist man stolz auf die lange Arbeitertradition, die Salz­fabrik ist hier der größte Arbeitgeber. In Ebensee wählt man die Sozialdemokratie. 1968 wurde hier der Kriegsfilm »Agenten sterben einsam« mit Clint Eastwood gedreht. Doch es war nicht immer idyllisch hier.
November 1943. Die Nationalsozialisten wüten in Europa. Auch durch Österreich zieht sich die Blutspur des deutschen eliminatorischen Expansionismus. Die Nazis schmieden einen irrsinnigen Plan. Abgeschirmt von den Bomben der Alliierten, wollen sie den Bau ihrer »Wunderwaffe«, der V4-Rakete, vorantreiben. Zu diesem Zweck setzen sie Zwangsarbeiter ein, die ein kilometerlanges, weitverzweigtes Stollensystem in die Berge treiben sollen. Dort soll die Arbeit weitergehen, die zuvor in der Raketenversuchsanstalt Peenemünde begonnen wurde. Codename: »Zement«.
Eigens dafür wurde zwei Kilometer außerhalb der Ortschaft das Vernichtungslager Ebensee errichtet – eines von mehr als 40 Nebenlagern des KZ Mauthausen. Bis zur Befreiung durch die 3. US-Panzerarmee am 6. Mai 1945 hatten mehr als 8 700 Menschen hier den Tod gefunden. Das sind mehr Menschen, als Ebensee heute Einwohner hat. Das KZ galt als eines der grausamsten Lager in Österreich. In den letzten Wochen der NS-Herrschaft war es infolge eintreffender »Evakuierungstransporte« aus anderen Konzentrationslagern völlig überfüllt und wurde zum berüchtigten Hungerlager. Heute dient einer der Stollen als Gedenk- und Dokumentationsort. Er ist Teil der KZ-Gedenkstätte Ebensee, die mit dem Zeitgeschichte-Museum verbunden ist.
Das Hakenkreuz an der Wand des Gedenk­stollens scheint den Ruf zu bestätigen, der der Marktgemeinde Ebensee seit einiger Zeit anlastet. Genauer: seit dem 9. Mai 2009. An diesem Tag wurden die an der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Teilnehmenden, unter ihnen zahlreiche Überlebende, von einer Gruppe vermummter, Naziparolen grölender Jugendlicher angegriffen und mit Luftgewehren beschossen. Damals schaffte es das kleine Ebensee sogar in die internationalen Medien, seitdem hadert man hier mit dem Image eines Dorfes, in dem rechte Jugendliche ihr Unwesen treiben, ein­gebettet in eine Dorfgemeinschaft, die sich weigert, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch stimmt das wirklich?
Dieser Frage geht Sebastian Brameshuber in seinem Dokumentarfilm »Und in der Mitte, da sind wir« nach, der im Forum der diesjährigen Berlinale Premiere hatte. Ein Jahr lang hat er dafür drei Jugendliche aus Ebensee – die zuvor gecastet wurden – in ihrem Alltag begleitet. Ramona, die in der Siedlung lebt, die am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers er­richtet wurde und von einem Lippenpiercing träumt; Andi, der E-Gitarre spielt, Waffen liebt und Polizist werden möchte, und schließlich Michi, der gerne altösterreichische Bräuche wie das Osterratschen pflegt, auf dem Dorffest als Michael-Jackson-Imitator auftritt, sich aber als Punk versteht. Keiner von ihnen ist rechts­extrem, keiner hat mit der Nazi-Attacke von 2009 zu tun, und trotzdem bewegen sich die drei Teenager in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem eine solche Aktion lediglich als »Lausbubenstreich« eingeordnet wird. »Ich wollte keine investigative Recherche über den Vorfall machen«, erzählt Regisseur Sebastian Bra­meshuber, »mich hat der Vorfall vielmehr als dunkler Schatten interessiert, der über dem Dorf liegt, über dem Leben dieser Jugendlichen. Ich wollte eine grundsätzliche Stimmung auffangen. Bei der Recherche zu den Dreharbeiten habe ich mehrfach den Satz gehört ›Es hätte jeder sein können‹. Von dieser Idee bin ich ausgegangen.«
Während des Films fragt man sich oft, was von den Protagonisten zu halten sei, fast wünscht man sich, der Regisseur hätte sich mit den wirklichen Tätern auseinandergesetzt, sie porträtiert und nach den Hintergründen der Aktion gefragt. Denn es fällt schwer, diese gelangweilten Jugendlichen, die nichts anderes als das Dorfleben kennen und sich im Grunde – außer Ramona vielleicht – auch kaum etwas anderes wünschen, in politischen Kategorien einzuordnen. »Voll fad« fanden sie den Besuch in der KZ-Gedenkstätte in Mauthausen, und zum Stollen in Ebensee fällt ihnen auch nichts ein: »Ein Loch im Berg, mehr sieht man nicht.« Ist das schon der Anfang von Rechtsextremismus? Oder fängt er schon bei den Familien an, die noch kein einziges Mal an einer Gedenkfeier teilgenommen haben, obwohl sie auf dem ehemaligen KZ-Gelände leben?
Eine Frage, die der Dokumentarfilm bewusst nicht beantwortet. Die Aktion sei zwar geplant gewesen, man sollte aber nicht den Fehler begehen, sie als die Tat einer Randgruppe abzutun. Paradoxerweise sieht Brameshuber genau darin eine Verharmlosung, denn: Es hätte jeder sein können, es ist eine Tat, die, zumindest hier in Ebensee, aus der Mitte der Gesellschaft kommt.
Der Umgang damit und mit der Geschichte dieses Ortes sei repräsentativ für den Umgang der österreichischen Gesellschaft mit der NS-Vergangenheit, sagt Brameshuber: »Ich bin in Gmunden, nur fünf Kilometer von hier entfernt, aufgewachsen und habe erst mit 20 erfahren, dass es in Ebensee ein KZ gab. Man ist nicht mit der Schule da hingefahren, es war einfach überhaupt kein Thema.« Es sei der Versuch, Licht in eine Grauzone zu bringen, bei der es durchaus auch Berührungspunkte mit dem Rechtsextremismus gibt, der ihn dazu bewegt habe, diesen Film zu machen. Von ideologischen Neonazis könne man allerdings nicht einmal bei den Tätern reden, erzählt Brameshuber, der auch den Prozess in Wels verfolgt hat. »In den Medien war von vier Neonazis die Rede, allerdings gab es neben den vier Angeklagten, von denen nur einer zur Tatzeit volljährig war, sieben weitere Zeugen. Also mindestens elf Leute waren dort im Stollen, und es ist nicht klar, wer ›Heil Hitler‹ gerufen hat oder wer die Softgun dabeihatte. Die Tatsache, dass so viele an der Aktion beteiligt waren, zeigt doch, dass man hier nicht von einem Randphänomen reden kann.«
Auch Wolfgang Quatember, der Gründer und Geschäftsführer des Zeitgeschichte-Museums und der KZ-Gedenkstätte Ebensee, geht vorsichtig mit politischen Zuschreibungen um, wenn es darum geht, den Umgang der Einwohner mit der Geschichte ihres Dorfes zu beschreiben. Den Dokumentarfilm kennt er, wie fast jeder andere Ebenseer auch. »Ich will nicht pauschalieren«, sagt er, »der Film stellt ein Segment dar.« Seit Ende der achtziger Jahre engagiert er sich in Ebensee gegen das Vergessen. Dafür hat er damals den Verein und später die Einrichtung gegründet, die er seit 2001 leitet. Er kennt sich aus im Dorf, insbesondere mit den Bewohnern der Wohnsiedlung, die in den fünfziger Jahren auf dem Gelände des ehemaligen Lagers errichtet wurde. »In den Jahrzehnten nach Kriegsende hat man sich im Dorf vor allem mit Verdrängung und Tilgung der Spuren des Konzentrationslagers hervorgetan«, erzählt er. Dorfgemeinschaft und Politik hätten in dieser Hinsicht weitestgehend zusammengearbeitet. »Wenn man den offiziellen Umgang mit dem Nationalsozialismus in Österreich betrachtet, wundert das nicht«, fährt er fort. »Damals wurde gerade der Bau dieser Häuser als Errungenschaft gefeiert, in Zeitungsartikeln aus dieser Zeit hieß es: ›Auf diesem blutgetränkten Boden entsteht neues Leben‹, das ist die Argumentationsbasis.« Der offizielle Diskurs habe sich heute geändert. »Die Zäsur kam 1986, mit der Kandidatur von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten«, sagt Quatember. Die Enthüllungen über Waldheims Vergangenheit in der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan lösten eine Debatte über die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus aus. »Erst da hat man begonnen, öffentlich und kontrovers darüber zu diskutieren. Bis dahin hatte sich Österreich als ›erstes Opfer‹ Hitlers gesehen.«
Der Umgang mit dieser Vergangenheit bleibt für die Familien, die heute auf dem ehemaligen KZ-Gelände in Ebensee leben, noch schwierig. Knapp 130 Häuser, bunt gestrichen, mit akkuraten Vorgärten an sauberen Straßen, stehen dort, wo tausende Menschen den qualvollen Tod fanden. Besucher der Gedenkstätte werden argwöhnisch von den hinter zugezogenen Vorhängen stehenden Einheimischen beäugt. »Wenn Besuchergruppen kommen, gehen die meisten Siedlungsbewohner ins Haus«, erzählt Quatember. Vielen ist es unangenehm, mit der Vergangenheit ihres Wohngebiets konfrontiert zu werden.
Oder vielleicht auch nicht. Um die Wohnsiedlung zu betreten, muss man das noch gut erhaltene KZ-Tor passieren. Was bei Auswärtigen ein bedrückendes Gefühl hervorruft, ist für die Bewohner hier Alltag. Für jede Tour, etwa zum Einkaufen, durchfahren sie den steinernen Torbogen, der für viele Menschen den Weg in den Tod bedeutete. Besucher stören da nur. Ein Zwiespalt sei das, sagt Quatember. »Sie müssen sich vorstellen: Im Sommer stehen die Bewohner in ihrem Vorgarten und grillen, wie jeder andere das zuhause auch tut.« Wenn dann etwa Hinterbliebene der KZ-Opfer die Gedenkstätte besuchen wollten, führe dies notwendig zu Konfrontationen. »Da gibt es dann auch schon mal verbale Auseinandersetzungen.« Einen gäbe es, der bei Gedenkveranstaltungen in der Siedlung demonstrativ seine Motorsäge anwerfe.
Zur Siedlung gehört auch der sogenannte Opferfriedhof. Zwischen zwei riesigen Kreuzen – die angesichts der zahlreichen jüdischen Opfer reichlich deplatziert wirken – liegen hier viele der ehemaligen Häftlinge begraben. Tafeln mit unzähligen Namen erinnern an sie.
Und dann trifft es einen wie ein Schlag ins Gesicht: Am Ende des Friedhofs befindet sich ein Wohnhaus. Ein Wohnwagen, ein Kinderfahrrad und ein Auto stehen in der Einfahrt. Zur Abgrenzung des Grundstücks vom Friedhof dient ein Metalltor. Darauf prangen die Buchstaben: »K« und »Z«. Vergangenheitsbewältigung Ebensee’scher Prägung.
Zwei Ebenseer, die sich nie mit den braunen Tendenzen in Ebensee abfinden wollten, sind die Brüder Konrad und Klaus Wallinger. Zwei sympathische, in die Jahre gekommene Linke, die in der Provinz tapfer die Stellung halten. Im Januar 1986 eröffneten die Brüder das Kino Ebensee, das als linkes, soziokulturelles Zentrum anfangs eine Provokation war. Seitdem hat es einen Brand und viel politischen Gegenwind überlebt. Heute freut sich die Lokalpolitik über die Kultureinrichtung, die ein Symbol dafür ist, dass es eben doch nicht alle jungen Leute in die Großstadt zieht. Zum 25. Jubiläum überboten sich Bürgermeister und Bundesministerinnen mit Glückwünschen.
Rund 40 Konzerte finden hier pro Jahr statt. Und die können sich sehen lassen: Musikalische Größen wie die Bloodhound Gang, Courtney Love und die Foo Fighters waren schon hier. Auch aus Israel sind schon Bands gekommen. Selbst Leuten im weit entfernten Wien ist das »Kino Ebensee« ein Begriff. »Die Bands freuen sich, mal abseits der Metropolen in entspannter Atmosphäre spielen zu können«, erzählt Konrad Wallinger beim Bier. Aber auch politische Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen fänden im Kino ihren Platz. Zusammen mit dem benachbarten »Arbeiterheim« bilden sie einen Gegenangebot zu rechten Bauernfängern, die es auf die gelangweilte Dorfjugend abgesehen haben. Auch mit der rechten FPÖ, der das Kino ein Dorn im Auge gewesen ist, haben sich die Brüder schon herumgeschlagen. Heute spielt die Partei in Ebensee keine Rolle mehr. »Wir haben die Rechten vernichtet«, sagt Klaus Wallinger mit einem Augenzwinkern.
Trotzdem bleibt das Bundesland Oberösterreich eine Hochburg der rechten Szene. Direkt aus Ebensee stammt etwa einer der Gründer des rechtsextremen Netzwerks »Objekt 21«, einer aus dem Blood & Honour-Umfeld hervorgegangenen Gruppierung, die vergangenes Jahr zerschlagen wurde. Mindestens 200 oberösterreichische Neonazis sollen dem Netzwerk mit Sitz im Bezirk Vöcklabruck angehört haben. Die Szene ist in dieser Gegend sehr gut verankert, und Wolfgang Quatember kennt die gefährliche Faszination, die rechtsextreme Ideologie gerade auf Jugendliche ausübt. Deshalb hatte er im vergangenen Jahr die Einrichtung einer Beratungsstelle für Rechtsextremismus angeregt – und dem Innenministerium ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Sein Ansuchen wurde allerdings »aufgrund der unklaren budgetären Situation« abgelehnt, wie es in der Antwort des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung hieß. »Das Land Oberösterreich soll ein solches Projekt finanzieren, hieß es, was – ich formuliere es vorsichtig – ziemlich absurd ist, da der Landeshauptmann hier nicht wahrhaben will, dass es in Oberösterreich Rechtsextremismus gibt.«
Im Gedenkstollen Ebensee ist eine Besuchergruppe aus Spanien angekommen. Sie begutachtet die vielen Schautafeln, die abgelegten Kränze, in die Angehörige polnische und ukrainische Fähnchen gesteckt haben. Auch die Besucher aus Spanien haben »familiäre Verbindungen« zum Vernichtungslager. Es ist feucht und kalt, Wasser tropft von der Decke. Auf dem Boden liegt ein großer Haufen weißer verknoteter Stofftaschentücher. Eine interaktive Installation. Einen Knoten ins Taschentuch zu machen, bedeutet, einer Person oder eines Ereignisses zu gedenken. Leise werden ein paar Worte gewechselt. Der Stollen ist ein trostloser, toter Trakt, dessen beklemmende Aura auf die Umgebung ausstrahlt. Der einzige österreichische Horrorfilm, »In drei Tagen bist du tot«, wurde in Ebensee gedreht. Von draußen dringen Sonnenstrahlen in den Stollen herein, die graue Wolkendecke hat sich verzogen. Der junge Mann, der für die Besucher zuständig ist, kommt aus dem Ort. Nach seinem Zivildienst, den er hier ableistet, will er Geschichte studieren. Ein Zeichen der Hoffnung in einer Gemeinschaft, die sich gegen ihre eigene Geschichte wehrt. So ist das leider in Ebensee.

Filmvorführung »Und in der Mitte, da sind wir« (2014) in Anwesenheit des Regisseurs mit anschließendem Publikumsgespräch am 26. September um 20 Uhr im »Golem«, Hamburg