Schüsse auf dem Boulevard

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Crime. Die Kronenzeitung hat es nicht leicht. Um den Boulevard konkurriert sie mit gleich zwei Gratiszeitungen, die an jeder Ecke Wiens ausliegen und die mindestens genausogut Boulevard können wie das Boulevard-Hausblatt. Österreich und Heute heißen die beiden Blättchen wenig originell. Der Name der Kronenzeitung verweist übrigens nicht auf mo­narchistische Wurzeln, sondern auf den Preis, den die Zeitung bei ihrer Gründung 1900 kostete: eine Krone. Als vorige Woche Jugendliche in Wien mit einem Luftgewehr herumschossen, titelte Österreich: »Weil ihnen langweilig war: Teenie-Sniper schossen auf Passanten. VERRÜCKT: Die zwei Jugendlichen zielten nur auf Migranten.« Das ist ja wirklich total verrückt. Nur gut, dass man im psychoanalytisch geschulten Wien weiß, wie man eine Diagnose erstellt. Die Kronenzeitung schlagzeilte: »Ihnen war fad, Schüsse auf Passanten«. Heute berichtete, die Täter hätten angegeben, auf Vögel gezielt zu haben. Die Jungle World analysiert nun, es müssen Zugvögel aus dem Ausland gewesen sein.   IB
Kontrovers unterstrichen
Sprachpolitik. Seitdem das Sprachnormierungsinstitut Austrian Standards zu Beginn dieses Jahres einen neuen Entwurf für Textgestaltung vorgelegt hat, wird in Österreich vehement debattiert. Das Dokument enthält erstmals eine kurze Passage über »geschlechtergerechtes Formulieren«. Obwohl die Abschaffung des Binnen-I, des Mag.a und die Vermeidung von »Buchstabensalat« zugunsten männlicher Bezeichnungen vorgeschlagen werden, ist die Aufregung groß. 800 Unterzeichner beklagten sich in einem offenen Brief an die zuständigen Minister, dass Feministinnen ihre Vorstellungen gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen wollten. Weil die meisten Printmedien darauf verzichteten, Schulkinder überfordert würden und der Artikel »die« in Texten ohnehin viel häufiger vorkomme als »der«, sei feministische Linguistik ohnehin einseitig und falsch. Unterstriche und Sternchen haben nicht zum Verschwinden von Sexismus geführt. Aber solange solche offenen Briefe geschrieben werden, gehören sie nicht offiziell abgeschafft.   cp
Filme für Menschenrechte
This Human World. »Wir veranstalten das wohl einzige Filmfestival für Menschenrechte, auf dem darauf geachtet wird, dass keine antiamerikanischen und antiisraelischen Positionen bezogen werden«, sagt Zora Bachmann, die künstlerische Leiterin von This Human World. Anlässlich des 60. Jubiläums der Deklaration der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 2008 gegründet, ist This Human World mittlerweile zum zweitgrößten Filmfestival des Landes geworden. Neben Dokumentarfilmen werden auch künstlerische Spiel- und Animationsfilme gezeigt, die sich mit gesellschaftspolitischen Themen beschäftigen. In diesem Jahr werden vom 4. bis 13. Dezember über 70 Filme in fünf Wiener Spielstätten zu sehen sein. Viele von ihnen werden durch die Arbeit der Veranstalter von This Human World überhaupt erst in Österreich zugänglich gemacht. Das Kinoprogramm wird von Diskussionsveranstaltungen, Vorträgen internationaler Gäste, Konzerten und Ausstellungen begleitet.   OKO
Der »Gröbaz« wird 70
Reinhold Messner. Wenn der Berg ruft, ist Reinhold Messner nicht weit. Als Erster ist er den Mount Everest ohne Sauerstoffflasche hochgekraxelt, hat alle Achttausender bestiegen und einen solchen im Alleingang bezwungen. Mit sicherer Instinktlosigkeit hat ihn der oberösterreichische Alpinist Edi Koblmüller deshalb einmal als »Gröbaz« bezeichnet – als »größten Bergsteiger aller Zeiten«. Allerdings pflasterte die Leiche seines Bruders Günther den Weg dieses kometen­gleichen medialen Aufstiegs – er wurde 1970 beim Abstieg vom Nanga Parbat, den die beiden erklommen hatten, von einem Turm aus Gletschereis erschlagen. Diese Woche wird Reinhold Messner 70 Jahre alt. Standesgemäß soll die Feier mit Freunden in einem Biwak in den Bergen stattfinden.   beb