A*sexualität, Allosexualität und What-The-Fuck-Romantik. Asexualität ist vielfältig

Auch Allosexuelle können vom Diskurs um Asexualität lernen

Für viele Menschen ist ein Bekenntnis zu ihrer Asexualität genauso heikel wie ein homosexuelles Outing. Dass jetzt ein Begriff für ihre sexuelle Orientierung popu­larisiert wird, gibt ihnen Selbstvertrauen.

Keine sexuelle Anziehung zu verspüren. Zu niemandem. Auch nicht zum eigenen Partner. Aristoteles bezeichnete das als »nicht menschlich«. Michelle W. bezeichnet so ihre sexuelle Orientierung. Die Kommentare, die unter ein Youtube-Video gepostet wurden, in dem Michelle über ihre Asexualität spricht, geben das Spektrum der gängigen Vorurteile wieder: Sie sei eigentlich lesbisch und wolle es sich nicht eingestehen, sie habe eine Hormonstörung und müsse dringend zum Arzt, sie sei psychisch gestört. Die Anfeindungen reichen sogar bis zu Aussagen wie »Die muss einfach mal einer ordentlich befriedigen« und »Ich hasse frigide Weiber«. Und natürlich wird davon ausgegangen, dass die Berliner Studentin mit den Piercings in den Wangen irgendein schlimmes Trauma erlebt haben muss. »Es ist tatsächlich so, dass man eher meinem Vater ein Sexualverbrechen vorwirft, als mir zu glauben, dass ich asexuell bin«, ist die Bilanz, die Michelle aus dem Shitstorm zieht.
Doch die 23jährige lässt sich nicht einschüchtern, bloggt und twittert weiterhin regelmäßig zum Thema A*sexualität. Das Sternchen soll signalisieren, dass das ganze asexuelle Spektrum gemeint ist, das ist nämlich recht vielfältig. Wie viele Heteros sie erreicht, ist ihr dabei ziemlich egal. »Es geht mir darum, dass andere A*sexuelle sich nicht mehr kaputt fühlen müssen«, erklärt sie ihren Antrieb, das Thema publik zu machen. Fast jede Outingstory von A*sexuellen, die sie gelesen hat, fange damit an, dass die betreffende Person dachte, irgendetwas sei mit ihr nicht in Ordnung. Bei Michelle selbst war das nicht anders, bevor sie vor eineinhalb Jahren für sich erkannte, dass sie asexuell ist. »Ich habe es mit Frauen probiert und festgestellt: lesbisch bin ich nicht. Ich hatte Sex mit Männern, aber da war auch irgendetwas falsch. Ich dachte, irgendetwas sei komisch mit mir, ich kannte den Begriff A*sex­ualität einfach nicht.«

Doch selbst innerhalb der a*sexuellen Community fänden Ausgrenzungen statt, erzählt Michelle. Vor allem im deutschsprachigen AVEN-Forum – dem einschlägigen Forum für a*sexuelle Menschen – werde A*sexualtität oft mit Antisexualität gleichgesetzt. Das schließe beispielsweise Grey-A-Personen aus – Menschen, die sich irgendwo zwischen sexuell und asexuell verorteten – oder auch demisexuelle Menschen, bei denen sexuelle Anziehung nur gemeinsam mit einer starken emotionalen Bindung vorkomme. Auch für Michelle ist A*sexualität nicht damit gleichzusetzen, keine Libido oder keinen Sex zu haben. Wie viele andere A*sexuelle masturbiere sie auch – sie fühle sich nur einfach nicht sexuell zu anderen Menschen hingezogen. »Es gibt Menschen, die sind wunderschön, die könnte ich mir den ganzen Tag lang angucken«, verrät sie. »Chris Pine zum Beispiel, der den jungen Captain Kirk in ›Star Trek‹ spielt, ist einer der schönsten Menschen auf diesem Planeten, finde ich. Aber wenn ich ihn mir ansehe, denke ich nicht: Komm in mein Bett. Wenn schon, nur zum Kuscheln.«
Michelle hat einen Freund, der allosexuell ist, sich also sexuell zu anderen Menschen hinge­zogen fühlt. Bisher, erzählt sie, sei es zwischen ihnen noch nicht zu Sex gekommen, früher oder später werde es aber wohl darauf hinauslaufen. Sie brauche nur sehr lange, bis sie einem Mann genug vertraue, um mit ihm zu schlafen. »Ich hatte schon Sex, ich weiß auch, dass mir Sex Spaß machen kann. Man kann auch Sex haben, ohne sich sexuell zu Menschen hinge­zogen zu fühlen«, erklärt sie. »Was ich wirklich stinklangweilig finde, ist vaginaler Verkehr.« Ob es zu Sex kommt und wenn ja, in ­welcher Form und welchem Maße ist letztendlich eine Sache der Kommunikation – in Be­ziehungen mit A*sexu­ellen genauso wie in Beziehungen zwischen Allosexuellen. In letzteren wird Sex meist nur viel selbstverständlicher ­vorausgesetzt.

Auch Allosexuelle könnten von dem Diskurs um A*sexualität lernen, ihre Bedürfnisse besser zu kommunizieren, glaubt Andrzej. Andrzej (35) bloggt ebenfalls zu dem Thema, hält Vorträge und Workshops und gibt ein Zine heraus mit dem Namen »Wer A sagt, muss nicht B sagen.« »Uns wird verkauft, so habe Sexualität zu sein und alle Menschen machen das so oder so ähnlich«, ist Andrzejs Beobachtung. »Ich glaube, Menschen trauen sich ganz oft nicht, sich zu fragen, welche Art von Sexualität finde ich eigentlich gut und welche nicht? Welche finde ich vielleicht heute gut und morgen nicht?«
Das gleiche gelte auch für Beziehungen: »Immer wenn ich angefangen habe, Zeit mit Leuten zu verbringen und es war klar, wir finden uns nett, wir sind aufgeregt, uns zu sehen, dann waren ganz schnell Erwartungen daran geknüpft, was für eine Art von Beziehung wir führen und was dazu gehört und was nicht.« Andrzej selbst definiert sich als »Grey-A« und »what-the-fuck-romantic«, was so viel bedeutet wie: sich nur sehr selten sexuell zu anderen Menschen hingezogen zu fühlen und auch keinen Unterschied zwischen romantischen Beziehungen und Freundschaftsbeziehungen zu spüren. »Es ist ganz schön schwierig, Menschen zu finden, die Lust haben, enge, nahe Beziehungen mit einem zu leben, die sehr verbindlich sind und sehr intensiv, ohne dass Sexualität Teil davon ist«, bedauert Andrzej. Die meisten Menschen würden bei dem Wort Freundschaft beispielsweise nicht daran denken, sich ein Konto zu teilen, gemeinsam die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen oder zu hoffen, gemeinsam alt zu werden.
Andrzej spielt in einer Band mit dem vielsagenden Namen »friend crush« und auch die aktuelle Ausgabe des Zines handelt von der Vielfalt bedeutungsvoller Beziehungen. Die sei in der Kulturindustrie viel zu wenig repräsentiert, sagt Andrzej. Kaum ein Song oder ein Roman, der nicht von sexueller, romantischer Liebe handele: »Wenn es mehr Lieder, Bücher und Filme über beispielsweise Freundschaften gäbe, vielleicht würde das Freundschaften auch verändern, weil sie dann gesellschaftlich einen ganz anderen Wert bekommen würden.« Und weiter: »Ich denke schon, dass diese Liebes-, Romantik- und Sex-Norm Menschen darin einschränkt, welche Arten von Beziehungen und Begegnungen sie begehren oder anstreben, oder sich überhaupt vorstellen können.«

Michelle ist vor allem von den überflüssigen Sexszenen in Filmen genervt, die für den Plot vollkommen irrelevant und nur dazu da seien, eine schöne Schauspielerin nackt zu zeigen. Ebenso von sexualisierten Frauenkörpern in der Werbung, ohne den geringsten Zusammenhang mit dem Produkt. Carmilla DeWinter, Bloggerin und Queer-Fantasy-Autorin aus Pforzheim, sieht das genauso. Die Attraktivitätsnormen, die von derartiger Werbung gefestigt würden, berührten sie als Asexuelle und Aromantische hingegen kaum. Auf A*sexuellen, findet sie, laste ein viel geringerer Druck, den allgegenwärtigen Schönheitsidealen zu entsprechen. »Gottseidank muss ich mich mit sowas nicht beschäftigen, es ist vollkommen in Ordnung, wenn ich mir nicht die Beine rasiere«, freut sie sich.
Michelle findet beim Thema Werbung aber mehr als nur die sexistische Darstellung von Frauen problematisch: »Ich gehe auf die Straße und sehe fünf Werbeplakate, in denen mir Heteronormativität regelrecht in die Fresse schlägt.« Heterosexualität sei als Norm unglaublich präsent, während A*sexualität größtenteils unsichtbar bleibe. Für Michelle bedeutet diese Unsichtbarkeit auch Schutz: A*sexuelle, meint sie, würden nicht auf die gleiche Weise Diskriminierung erfahren wie beispielsweise Schwule, Lesben oder Transsexuelle. Carmilla hingegen ist der Ansicht: »Wenn es keine Möglichkeit gibt, zu zeigen, dass ich existiere, ist das auch eine Form von Diskriminierung.«
Wenn sie doch zeigt, dass sie als Asexuelle lebt, erntet sie oft Unverständnis – auch in queeren Kontexten. »Das Thema ist noch nicht angekommen in der queeren Szene«, sagt die 33jährige Apothekerin. Das hat sich auch beim letzten Christopher Street Day wieder gezeigt, wo Carmilla ­einen Infostand zu A*sexualität betreute. Die Reaktionen reichten von Ungläubigkeit, dass so ­etwas überhaupt existiere, bis hin zu Diskussionen, was A*sexuelle denn auf dem CSD verloren hätten. »Einige meinen, wir wollen predigen oder denen was verbieten«, glaubt Carmilla – was selbstverständlich keineswegs der Fall sei.

Michelle wiederum hat schon häufig den Vorwurf gehört, sie sei bloß eine Heterosexuelle, die etwas Besonderes sein wolle, sie sei gar nicht wirklich queer und wolle bloß Aufmerksamkeit. Und auch Andrzej sieht Ausschlüsse gegenüber A*sexuellen in der queeren Szene. Beispielsweise »wenn der Höhepunkt eines queeren Festivals eine Sexparty ist und es keine alternative Veranstaltung gibt«. Außerdem würde Andrzej sich wünschen, dass bei queeren Performances, in denen es viel um Sex geht, vorher die Inhalte transparent gemacht würden. An Andrzejs eigenen Vorträgen und Workshops allerdings besteht großes Interesse. Offensichtlich bewegt sich doch etwas in der allgemeinen Wahrnehmung in Bezug auf A*sexualität.
Einer britischen Studie zufolge haben sich 1,05 Prozent der Befragten zwischen 16 und 59 Jahren noch nie sexuell zu einer anderen Person hingezogen gefühlt. Carmilla ist überzeugt, dass sich noch viel mehr Menschen als a*sexuell bezeichnen würden, wenn sie das Wort dafür hätten. »Mir hat das wahnsinnig viel gebracht, diesen Begriff zu finden«, erzählt sie. »Es hat mein Leben bereichert und mir mehr Selbstbewusstsein ge­geben.« Deshalb wird sie weiter über das Thema sprechen und schreiben. Allen Widrigkeiten zum Trotz.