»Ausprobiert«. Teil II: Schwimmen

Fuck yeah, ein Außenbecken

»Ausprobiert«, eine Serie über Sportarten, die unsere Autorinnen und Autoren als Kinder geliebt oder gehasst haben – oder die sie schon lange im Fernsehen faszinieren. Teil 2: Schwimmen ist zwar wegen der Mitschwimmer manchmal nervig, was aber im Außenpool nicht ins Gewicht fällt.

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Bis vor wenigen Monaten hatte ich ewig kein Schwimmbad mehr von innen gesehen; die Grundtechnik des Brustschwimmens war die Theorie, Praxis hingegen das Gestrampel, das ich mein bisheriges Leben lang – mit einer Ausnahme – an den Tag legte. Und was sich mir ohnehin nie erschloss, war, warum es Menschen gibt, die im Wasser stoisch ihre Bahnen ziehen und damit weder einen Wettkampf gewinnen wollen noch dem Rat ihres Arztes folgen. Damit war ich offensichtlich nicht alleine: Als ich ankündigte, übers Schwimmen zu schreiben, erteilte mir die Redaktion den Auftrag, zu erklären, wie man sich dabei nicht furchtbar langweilt. Dazu später, denn das musste ich ja auch erstmal selbst herausfinden.
Dabei waren meine ersten Begegnungen mit dem nassen Element durchweg erfreuliche. Es waren die Goldenen Achtziger, als Schulen und Schwimmbäder noch nicht zu Tode gespart waren und es somit als selbstverständlich galt, dass am Ende der Grundschule jedes Kind – statt wie heute nur jedes zweite (!) – gelernt hatte, wie man nicht ertrinkt. Für mich war es zudem der erste Schulsport, bei dem es keine Rolle spielte, die mit Abstand Klassenkleinste zu sein.
In den Jahren darauf war ich entsprechend häufig freiwillig inmitten von Chlordünsten und dahindümpelnden Rentnern anzutreffen; und das nicht nur, um zusammen mit Freundinnen Staus auf der Riesenrutsche zu verursachen, sondern oft und gerne auch alleine. Denn ich hatte meine Spezialdiszipin gefunden: Weittauchen. Lange Nachmittage verbrachte ich mit nichts anderem, als mich ein ums an­dere Mal mit maximalem Schwung ins 25-Meter-Becken zu befördern und nach Möglichkeit erst am anderen Ende wieder zum Vorschein zu kommen. Und unter Wasser gelang mir spielend, woran es an der Oberfläche haperte: der perfekte Brustschwimmstil.
Tauchen stand im Gymnasium natürlich nicht auf dem Lehrplan, und auch sonst gab sich der Sportunterricht alle Mühe, den Ruf der Schule als Institution zu festigen, die wie keine andere geeignet ist, jungen Menschen ­jeden Anflug von Begeisterung auszutreiben. Die Lehrkraft, nennen wir sie Frau H., war eine Sportlehrerin, wie sie im Buche steht – oder auch nicht, denn ein guter Lektor hätte sie wegen allzu großer Klischeelastigkeit aus der Handlung gestrichen. Unter dem Regime ihrer Stoppuhr und ihrer Kommentare zu den jeweiligen Defiziten der schwächeren Schülerinnen wurde auch das Schwimmen endlich so demotivierend, wie es alle übrigen Disziplinen für mich ohnehin schon waren. Alles, was mir Frau H. zum Thema Schwimmen vermittelte, war, dass ich es eh nie lernen würde.
Meine Beziehung zum nassen Element schien danach unwiederbringlich ruiniert. Bis ich mich im vorigen Sommer im Meerwasserschwimmbad Wangerooge wiederfand, wo es ein Außenbecken mit original Nordseetemperatur gibt. 20 Minuten hielt ich durch, öde war keine davon – sich warmzuhalten ist Beschäftigung genug. Zu Hause ertappte ich mich dann beim Googeln der nächstgelegenen Bäder.
Das nächste ist nur eine Straßenecke entfernt. Und ich besuche es seither einmal pro Woche, denn es hat gleich zwei Vorteile: Der eine: nachtmenschenfreundlichen Öffnungszeiten. Der andere: Fuck yeah, es gibt einen Außenpool! Und zwar einen, der tatsächlich zum Schwimmen gedacht ist.
Das nur als eine Antwort auf die Frage, ob dieses Hin- und Hergeschwimme nicht langweilig ist. Die geht nämlich (nicht nur) der Neueinsteigerin auf den ersten fünf Bahnen unweigerlich selbst im Kopf rum, neben »Was mache ich hier eigentlich?« und »Mehr als 20 Bahnen werden das heute nicht«. Ein bisschen Wetter zur Ablenkung schadet da nicht.
Und zwar je schlechter, umso besser, denn Sommersonnesonnenschein bedeutet vor ­allem eins: ein proppenvolles Freiluftbecken. Ob Sartre Freizeitschwimmer war, weiß ich nicht, aber irgendwo muss er ja auf sein berühmtes »Die Hölle, das sind die anderen« ­gekommen sein. Die ersten Wochen meines neuen Hobbys nutzte ich dazu, eine Typolo­gie nervtötender Schwimmbadbesucher zu ­er­stellen.
Der Schaufelraddampfer ist in 99,9 Prozent ­aller Fälle männlich und fühlt sich umso sportlicher, je mehr Wasser er aufwühlt. Frau H. hätte ihm erzählt, dass ein guter Schwimmer einer ist, der keine Energie mit Geplansche verschwendet, aber das könnte er ohnehin nicht hören. Den Rest der Welt nimmt er grundsätzlich nicht wahr, man muss daher permanent damit rechnen, vom Schaufelraddampfer über den Haufen gefahren zu werden wie Huckleberry Finns Floß auf dem Mississippi.
Das Stinktier: Forscher versuchen immer noch herauszufinden, ob diese Spezies nicht versteht, warum man vor dem Betreten des Beckens duschen sollte, oder aber auf 25 x 15 Metern so leicht den Überblick verliert, dass sie sie sich anhand der Duftspuren orientiert, die sie als dünnen Film auf der Wasseroberfläche hinterlässt. Männliche Exemplare bevor­zugen dabei chemische Kampfstoffe der Marke Axe, die weiblichen ätherische Öle mit Bioladenaroma.
Die Seemine stellt eine Unterart der Unzertrennlichen dar, deren Sozialverhalten sich durch paarweises öffentliches Aneinanderkleben auszeichnet. So auch im Schwimmbad, wo sich die Partner im rituellen Balztanz engumschlungen quer über sämtliche Bahnen treiben lassen, wobei der Tanz nur als vollendet gilt, wenn die Pärchenkugel mindestens zehn Personen zum Ausweichen gezwungen hat. Ob es dabei bereits zur Freisetzung von Keimzellen kommt, möchten nicht einmal Forscher wissen.
Der Treibanker ist entweder über 70, rheumatisch und kurzatmig – oder blutige Anfängerin. Ich entschuldige mich hiermit in aller Öffentlichkeit bei allen, die sich in den vergangenen Monaten über das stationäre Hindernis im roten Badeanzug geärgert haben.
Unter derartigen Betrachtungen bringt man die 20 Bahnen rum, die man sich als Minimalziel gesetzt hatte, und stellt spätestens jetzt fest, dass man ewig so weitermachen könnte. Denn Schwimmen ist Sport für Faule: Hat man erst einmal seinen Rhythmus gefunden, geht es so mühelos, dass man es eigentlich gar nicht Sport schimpfen sollte. Eher schon handelt es sich um eine Übung in Selbsthypnose.
Wenn niemand meckernd am Beckenrand steht, erschließt sich der optimale Bewegungsablauf dabei ganz von alleine. Hilfreich war auch hier der Anbruch der Ekligwetterzeit: Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt lernt man nicht nur aus Gründen der Strömungsphysik automatisch, den Kopf möglichst nur zum Luftholen aus dem 28° C mollig warmen Wasser zu stecken.
Hat man den Dreh mit dem Unter-Wasser-Ausatmen dann mal raus, ist das Ganze letztlich nichts anderes als das, was ich tauchenderweise schon immer konnte, nur dass man netterweise zwischendurch atmen darf. Und wie soll eine Betätigung jemals langweilig werden, die zu nicht unerheblichen Teilen darin besteht, einen Schwall Blubberbläschen hinter sich herzuziehen?
Da irgendwo in den Statuten des Deutschen Presserats ein Passus zu existieren scheint, demgemäß Texte zum Thema Schwimmen ein Lob der segensreichen Wirkungen auf die Gesundheit zu enthalten haben, könnten hier abschließend noch die Wunderdinge erwähnt werden, die die Bewegung im Wasser für einen schreibtischgeplagten Rücken zu tun vermag: die allgemein gesteigerte Fitness oder nicht zuletzt jene Sorte von Tiefenentspannung, die man einzig und allein nach dem Schwimmen und keiner anderen sportlichen Betätigung verspürt.
Was jedoch allzu oft verschwiegen wird, ist, dass es nicht diese hochvernünftigen Argumente sind, die Menschen wieder und wieder ins Schwimmbad locken. Daher sei hiermit die simple, harte Wahrheit verraten: Schwimmen macht süchtig. Fangen Sie erst gar nicht damit an.
Schon gar nicht in meinem angestammten Außenbecken.