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Am Ende wurde es leider doch nichts mit den Salutschüssen. Und da sich die Beamten weder in Reih und Glied noch im Spalier aufstellten, konnte der geschätzte Kollege auch keine Parade abnehmen. Dennoch wurde er ehrenhaft entlassen.
Aber der Reihe nach: Seit vergangener Woche steht bei uns die Polizei vor der Tür. Manchmal betritt sogar ein Polizist die Redaktionsräume, um sich in der Küche einen Kaffee zu holen. Denn wie andere Redaktionen genießen auch wir infolge des Mordanschlags bei Charlie Hebdo zurzeit Polizeischutz. Das steigert das Sicherheitsempfinden der Belegschaft erheblich, zumal die Fahrraddiebe, die vor kurzem das technische Wunderwerk unseres Layouters direkt vor der Redaktionstür entwendet haben, nun unter erschwerten Bedingungen arbeiten müssen. Wir sind also sehr zufrieden mit unserem Polizeischutz.
Irritiert von der Anwesenheit der Beamten war hingegen der Kollege, der in der vergangenen Woche noch einmal die Redaktion aufsuchen wollte, um sich offiziell von uns zu verabschieden. Unversehens geriet er in ein Häuflein Polizisten. Dem derart Eingeschüchterten und noch dazu vom Umzugstrubel und von der Vorbereitung auf seine neue Tätigkeit sichtlich Beanspruchten versuchten wir dann glaubhaft zu machen, die Polizisten seien eigens für seine Verabschiedung engagiert, um im Hof Salutschüsse abzugeben, zu paradieren und Spalier zu stehen. Seltsamerweise wollte er uns nicht glauben. Statt Salutschüssen ließen wir deshalb die Korken knallen.
Wir werden ihn vermissen, den Kollegen. Er brachte Farbe in unseren tristen Alltag. Die Druckfahnen in ihrem stupiden Schwarzweiß verwandelte er mit seinen Korrekturen in dynamische, schwarzweiß-rote Kunstwerke, in denen Form und Funktion zur perfekten Symbiose gelangten. Denn jeder rote Strich spendete uns nicht nur Farbe, sondern unseren Artikeln auch Geschmeidigkeit im Stil und Genauigkeit im Ausdruck. Legte er den Rotstift im Lektorat zur Seite, wühlte sich der Kollege durch Bücherberge und Artikel von epischer Länge, um stets nur das Beste und Anregendste in unserem Dossier zu präsentieren. Legte er die Bücher und ellenlangen Texte zur Seite, traf man ihn beispielsweise in der Küche auf einige nette und amüsante Worte. Nun verschlägt es ihn in eine abgelegene Stadt, deren Name die meisten Menschen erst einmal erschaudern lässt. Wir sehen das allerdings gelassen, denn selbst aus Leipzig sollen ja schon Menschen wohlbehalten und bei voller geistiger Gesundheit zurückgekommen sein. Unserem Kollegen wünschen wir jedenfalls viel Glück und Freude bei seiner neuen Tätigkeit. In Leipzig wird er allerdings auf Polizeischutz verzichten müssen.