Ungehörte Töne

Eigentlich hatte er Wissenschaftler werden wollen. Doch der Reduktionismus und die enorme Spezialisierung der modernen Physik machten ihn ganz klaustrophobisch, wie er sagt. Also wurde Richard Powers Schriftsteller. Eine sehr gute Entscheidung. Powers ist ein seltenes Exemplar seiner Zunft, weil er sich in vielen seiner Bücher dezidiert naturwissenschaftlichen Fragen widmet und sie gekonnt mit politischen Brennpunkten, mit Fragen des menschlichen Daseins und des sozialen Miteinanders verbindet.
Das tut er auch in seinem elften Roman »Orfeo«, einem multithematischen Meisterwerk in musikalisch dahin fließender Sprache, was umso besser passt, da im Mittelpunkt der Geschichte Peter Els steht – ein Komponist. Das FBI wurde aufmerksam auf Els, weil er mithilfe des Erbmaterials eines harmlosen Bakterienstamms nach ungehörten Tönen suchte, nach einem »Vierbuchstabenalphabet der Nukleotide«. Eine äußerst seltsam anmutende Idee, die Powers allerdings einem realen Fall nachempfunden hat. Els muss jedenfalls fliehen und sich, wie das gern so geht in großen Erzählungen, irgendwann auch seiner Vergangenheit stellen.
Künstlerischer Eigensinn und Biologie, familiäre Bindungen, die Suche nach Geborgenheit, staatlich verordnete Paranoia und immer wieder und überall: Töne, Sounds, Musik, zum Leben erweckt durch eine Sprache, die selbst ganz Klang ist. Um all das geht es in »Orfeo«, einem großartig komponierten, tiefschürfenden Roman.

Richard Powers: Orfeo. S. Fischer, 2014, 496 Seiten, 22,99 Euro

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