Kemal Bozay im Gespräch über die Grauen Wölfe in Deutschland

»Eine national-osmanische Tradition«

In diesem Jahr haben 1,4 Milionen Türken, die in Deutschland leben, erstmals die Möglichkeit, an einer Parlamentswahl teilzunehmen. Für den türkischen Wahlkampf spielen die Wählerinnen und Wähler aus Deutschland eine wichtige Rolle. Rechte und konservative Parteien haben es dabei auf ähnliche Zielgruppen ab­gesehen.

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Wie erleben Sie den türkischen Wahlkampf in Deutschland?
Es ist zu beobachten, dass alle Parteien bemüht sind, auch in Deutschland Wähler anzusprechen. Zwei Parteien haben ihren Wahlkampf sogar in Deutschland gestartet. Einmal die konservativ-islamistische AKP, deren Vorsitzender Ahmet Davutoğlu in Dortmund zu den Massen gesprochen hat, und auch Staatspräsident Erdoğan hat vor einigen Wochen in Karlsruhe Wahlpropaganda betrieben. Die oppositionelle sozialdemokratische CHP hat ebenfalls mit einer Großveranstaltung in Düsseldorf ihren Wahlkampf begonnen. Die türkischstämmige Wählerschaft in Deutschland macht also für die Parteien ein sehr wichtiges Potential aus, und alle versuchen, konkrete Forderungen für die türkischstämmigen Migranten zu formulieren. Ich habe mal zwei Tage einWahllokal besucht und dabei beobachtet, dass nur drei Lager Wahlstimmung produzieren. Einmal ganz klar die Regierungspartei AKP, die auch in den Moscheen der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, Anm. d. Red.) und anderen Einrichtungen ganz groß mobilisiert. Dann gibt es die kemalistischen Parteien, insbesondere die CHP, aber auch die neofaschistische nationalistische Bewegungspartei MHP. Und dann gibt es die pro-kurdische HDP, die stark innerhalb der kurdischen und fortschritt­lichen linken Wählerschaft mobilisiert. Die HDP fordert mit Blick auf die Migranten in Deutschland beispielsweise, dass die hohen Zahlungen für den Wehrdienst in der Türkei entfallen und alle politischen Exilanten sicher in ihr Land einreisen können. Zudem fordert sie die Doppelstaatsbürgerschaft.
Was sind die Forderungen der MHP?
Die neofaschistische MHP führt einen Wahlkampf, der sich einerseits gegen die Etablierung der AKP an der Macht richtet, andererseits aber auch eine Neuproduktion von Nationalbewusstsein auf ethnischer Ebene anstrebt. Im Fokus des Wahlkampfs sind innenpolitische Themen in der Türkei, und dabei stehen nationalistische Kons­trukte, nationale Identitätsthemen im Vordergrund. Die MHP hat in ihrer Wahlkampagne den ganzen Demokratisierungs- und Friedensprozess in der Kurdenfrage attackiert, macht also Wahlkampf mit antikurdischen Feindbildern. Aber auch das Feindbild Armenier wurde anlässlich der Diskussionen um den 100. Jahrestag des Völkermordes an der armenischen Bevölkerung nochmals bedient, und der Begriff »Völkermord« wurde natürlich abgelehnt.
Die AKP wird kritisiert, weil sie angeblich in der Kurdenfrage mit sogenannten PKK-nahen Organisationen verhandele. Diese Kritik zeigt, dass es der MHP gar nicht darum geht, die kurdische Frage zu klären, sondern dass sie vielmehr daran interessiert ist, die Polarisierung zu verstärken und durch ethnischen Nationalismus neue Stimmen zu gewinnen.
Präsident Erdoğan bezieht sich immer stärker auf das osmanische Reich. Ist das eine Gemeinsamkeit mit der MHP?
Man muss zwei Dinge unterscheiden. Das, was Erdoğan derzeit politisch konstruiert, ist die Fortsetzung einer national-osmanischen Tradition, die man als Neoosmanismus bezeichnen kann. Dieser Neoosmanismus ist die Ideologie eines neuen Reiches, welches sehr stark die religiösen Momente aufgreift. Es gibt bei der AKP aber auch nationalistische Momente, eine türkisch-islamische Synthese, auf die sich auch die MHP sehr stark bezieht. Dabei geht es darum, türkisch-nationale Werte mit islamistischen Werten zu vereinen. Hier kommen die beiden Parteien auch ideologisch zusammen. Es gibt hier eine gemeinsame antidemokratische Grundlage, bei der man auf bestimmte innenpolitische Themen zugreift, und das sind die Kurdenfrage, die Armenierfrage und auch die sogenannte Judenfrage. Beispielsweise hat Davutoğlu in Batman gesprochen und die armenische Gemeinde dafür kritisiert, dass sie die HDP unterstütze, und ganz klar auch die armenische Bevölkerung attackiert.
Sind die MHP und die »Grauen Wölfe« identisch?
Der Graue Wolf ist ein Symbol, das aus der Mythologie stammt; gegenwärtig gibt es keine Organisation mit der Bezeichnung »Graue Wölfe«. Er dient vielmehr als Symbol der nationalistischen Bewegungspartei MHP und anderer Teile der neofaschistischen Bewegung der Türkei. Zugleich vermittelt dieses Symbol für die Bewegung Macht und Militanz.
Wie stark ist der Einfluss der Grauen Wölfe in Deutschland?
Die Grauen Wölfe sind in Deutschland eine starke Organisation, es gibt bundesweit über 150 Ver­eine, die als Ablegerstrukturen der Grauen Wölfe agieren und versuchen, für die MHP in der Türkei zu mobilisieren. Die MHP vertritt in Deutschland stark das Konzept der Mobilisierung des europäischen Türkentums, welches in der Kette des Welttürkentums das letzte Glied ausmacht, und dem somit die wichtige Aufgabe zukommt, die türkisch-nationalen Interessen hierzulande zu vertreten.
Was macht die Grauen Wölfe für Jugendliche in Deutschland interessant?
Die Motive sind unterschiedlich, aber oft spielen Diskriminierungserfahrungen eine Rolle. Je mehr Diskriminierung, Stigmatisierung und Marginalisierung sie in der Aufnahmegesellschaft erleben, desto mehr suchen sie neue Wir-Identitäten in einer sogenannten Parallelgesellschaft, das heißt in ihren ethnischen Herkunftsnischen. Sie suchen die Identifikation mit Organisationen, die nicht für Integration, sondern für parallele Strukturen stehen. Dann treten die Graue-Wölfe-Organisationen auch als Vertreter der Türken auf und demonstrieren nach außen Stärke und Macht, weshalb sie in der türkischstämmigen Community eine gewisse Akzeptanz erhalten, insbesondere unter Jugendlichen.
Es gibt Berichte über Jugendliche aus den ­Jugendorganisationen der Grauen Wölfe, die sich dann dem »Islamischen Staat« (IS) an­geschlossen haben.
Es gibt Jugendliche, die bei islamischen Organisationen wie Millî Görüş, aber auch bei den Grauen Wölfen aktiv waren und die sich dann noch mehr radikalisiert haben. Diese Organisationen vermitteln ein undemokratisches Weltbild, und deshalb liegt die Suche nach noch radikaleren Einflüssen nahe, wie sie die Salafisten bieten. Gerade Jugendliche aus dem Umfeld der Grauen Wölfe beteiligen sich durchaus auch beim IS, um in Kobanê gegen Kurden zu kämpfen. Die Gemeinsamkeit ist die undemokratische Einstellung, etwa die Vermittlung von Antisemitismus.
Ist der islamistische Aspekt bei den Grauen Wölfen in letzter Zeit stärker geworden?
Ein Element der Kernideologie der Grauen Wölfe ist ja die türkisch-islamische Synthese. Deshalb kann man nicht sagen, dass ein Element stärker ist, weil Nationalismus und Islamismus immer als Synthese gesehen werden. Alparslan Türkeş, der Führer und Gründer dieser neofaschistischen Bewegung, hat einmal gesagt: »Der Islam ist unsere Seele, das Türkentum unser Körper.« Seele und Körper sind untrennbar miteinander verflochten. Islamistische Sichtweisen waren immer da, allein schon, weil die Hochburgen der MHP immer auch stark islamisch geprägt waren.