Der Roman »Aberland« von Gertraud Klemm

Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs

Gertraud Klemm schildert in ihrem Roman »Aberland« die faulen Kompromisse emanzipierter Frauen.

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Die Literatur Österreichs hat ei-nige besonders sarkastische Gesellschaftsporträts hervorgebracht – man denke an die Arbeiten von Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Marlene Streeruwitz und Josef Winkler. Nun hat das Land, das einem im Urlaub gern »heile Welt« vorgaukelt, noch eine weitere wichtige literarische Stimme: die 1971 in Wien geborene Schriftstellerin und Biologin Gertraud Klemm. Ihr streng sezierender naturwissenschaftlicher Blick richtet sich in ihrem neuen Roman »Aberland« auf zwei Generationen von Frauen, die beide mit ihren Emanzipationsversuchen zu scheitern drohen. Für einen Auszug aus »Aberland« gewann Gertraud Klemm im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Im Titel »Aberland« versteckt sich schon das zentrale Problem, das Klemms Protagonistinnen, die 58jährige Elisabeth und ihre 35jährige Tochter Franziska, umtreibt. Stets muss hinter jeden Lebenswunsch, jedes Vorhaben ein »Aber« gesetzt werden. Das klingt in etwa so: Ich würde so gern wieder auf dem Forschungsschiff in die Arktis fahren und für meine Dissertation weiter recherchieren, aber da sind Mann und Sohn (Franziska). Ich würde mich so gern scheiden lassen, aber das wird sehr teuer, ich habe nicht rechtzeitig daran gedacht, auch mich ins Grundbuch für unser Haus eintragen zu lassen und stehe am Ende mit leeren Händen da (Elisabeth).
Getraud Klemm schreibt nicht ohne Empathie über die Zwangslagen, in denen sich beide Frauen befinden oder zu befinden glauben. Beide Frauen entsprechen nicht dem Bild der klassischen Spießerin. Gerade weil sie dem Leser nicht unsympathisch sind, kommen sie einem näher, und man weiß schließlich, dass die Schwierigkeit, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen, nicht nur ein Problem der alpinen Provinz ist.
Elisabeths beste Freundin Edith ist vor wenigen Jahren an Krebs gestorben. Auch nach dem Tod ihrer Freundin fragt sie sich, ob sie nicht glücklicher geworden wäre, wenn sie sich von Kurt hätte scheiden lassen und mit Edith zusammengezogen wäre, um in einer Frauen-WG zu leben. Es wird angedeutet, dass sie sich auch eine erotische Beziehung mit der Freundin hätte vorstellen können. Hätte. Würde. Könnte. Vielleicht. Das sind Worte, die »Aberland« bestimmen. Nach einem niederschmetternden Termin bei einer Scheidungsanwältin sinniert Elisabeth mit Blick auf ihre Nachbarinnen in Sommerlaune: »Ob diese Frauen auf den Sonnenterrassen wissen, wie abhängig sie sind?«
Tochter Franziska wollte alles anders machen als ihre in sich gekehrte Mutter. Die Mutter tat ihr immer leid, weil Vater Kurt sie so offensichtlich mit jeder zweiten Sekretärin betrog. Doch Franziska findet es, kaum hat sie eine Familie gegründet, auch nicht so leicht, in einer gleichberechtigten Partnerschaft mit ihrem Mann Tom zu leben. Tom ist anders als Kurt, natürlich. Er ist viel progressiver eingestellt und er betrügt sie nicht. Doch seit Sohn Manuel auf der Welt ist, arbeitet Tom noch mehr als früher, die Familie braucht schließlich Geld, und bald gibt es auch eine wichtige Beförderung zu feiern. Franziska verspürt so etwas wie Neid: »Tom redet und redet, sie kann das Glück spüren, das in ihm zirkuliert, wie es aus ihm herauswabert, für sie ist auch noch genug da, man kann, ja, man muss sich das Glück teilen.«
Früher reiste Franziska auf der »Humboldt« in die Arktis; nun sitzt die junge Frau zu Hause, ihre Dissertation befindet sich in einem »Dämmerzustand«. Kaum ist Manuel aus dem Gröbsten raus, wünscht sich Tom ein zweites Kind. Dabei hatte Franziska doch nun eine Chance gesehen, doch noch ihre Dissertation zu Ende zu bringen. Doch dann ist es nicht nur Tom, der eigentlich meint, sie solle ihre Dissertation an den Nagel hängen – und ihr Yoga könne sie doch auch zu Hause mit einem Baby machen, wozu da abends in einen Kurs gehen? Ihr selbst gehen die gesellschaftlichen Vorurteile über Einzelkinder durch den Kopf. Als sie eine frühere Mitschülerin trifft, bemerkt sie über diese: »Dieselbige langweilige Art wie früher, Bankkauffrau, verheiratet, blabla, zwei Kinder, alle haben zwei Kinder, zwei ist die einzige unverdächtige Kinderzahl, alles andere erregt Verdacht, ein Einzelkind ist Beweis für krankhaften Egoismus – der Mutter – oder vorzeitigem Verlust der Fruchtbarkeit – der Mutter –, drei Kinder sind der Beweis für dummdreistes Sexualverhalten, alles über drei Kinder geht doch nur bei verhaltensauffälligen Proleten oder unter katholischem Empfängnis- und Gebärzwang.« Und Franziska sinniert über die Chancen, den Wunsch nach dem zweiten Kind noch weiter aufzuschieben – aber ist sie nicht schon Mitte Dreißig? Was, wenn das dann nicht mehr klappt? Eine Fehlgeburt hat sie schon hinter sich.
Die Frauen verhalten sich untereinander wenig solidarisch. Elisabeth und ihre verstorbene Freundin – oder Geliebte? – sind eine Ausnahme, und diese Beziehung ist im Roman nur als Möglichkeit geschildert. Franziskas Schwiegermutter hält nichts von Franziskas Bemühungen, ihre akademische Karriere fortzusetzen. Sie beschwert sich, dass Franziska ihr Kind angeblich »abschiebt«, weil es erst in die Krippe, dann in einen Kindergarten geht. Ihrer Meinung nach zeigt dies, dass Franziska ihren Sohn nicht genug liebe. Franziska ist voller Wut, anders als ihre stets verständnisvolle, devote Mutter: »Franziska könnte aufspringen und schreien, dein Sohn ist es, der sich nicht an die Vereinbarungen hält, 50/50 war ausgemacht, und die Realität liegt bei 90/10, keine Rede von Papamonat oder Karenz, und das liegt nicht daran, dass Tom ›richtig‹ arbeitet und dass Franziska ›nur‹ eine Dissertation schreibt, sondern das liegt auch an der nächtlichen Einsetzbarkeit, am sich Blödstellen, an der fehlenden Parallelbegabung, das Kind zu bespaßen und nebenbei den Haushalt zu erledigen.«
Aber Franziskas Rebellion erstickt in den Kopfkissen. Viel mehr als mal den Sex zu verweigern, kommt dabei nicht heraus. Nach einer Ohrfeige, die sie Tom im Streit um die Dissertation gibt, hat sie Atemnot und erleidet einen Schwächeanfall, er muss sie stützen. Franziska beginnt sich mit der Situationen zu arrangieren. »Sie hat kein schlechtes Gewissen mehr, immerhin ist sie Mutter (…), Veganerin ist sie jetzt auch noch, und burnoutgefährdet, irgendwo muss man Abstriche machen.«
Sehr genau beschreibt Klemm die Selbstbeobachtung der Frauen, ihren Blick auf ihren Körper und die Körper ihrer Männer. Während die Männer sich noch mit Mitte 60 attraktiv fühlen, hadern die Frauen schon mit Mitte 30 mit sich. Was Mutter und Tochter nicht voneinander wissen: Als Ausflucht aus dem bürgerlichen Leben haben sich beide in den Künstler Jakob verliebt. Er könnte vom Alter her Franziskas Vater sein. Franziska hat eine kurze Affäre mit ihm. Elisabeth besucht ihn nachts in seinem Atelier, doch ihre Gefühle für Jakob werden jäh ausgelöscht, als er ihr ein Bild schenkt: Auf dem Bild hat er sie gemalt, eine alte beleibte Frau, die an einer Stange baumelt und deren Fleisch grotesk nach unten hängt. Über das Gemälde soll sie sich auch noch freuen, so der von sich selbst sehr überzeugte Maler.
Die Frauen, die hier geschildert werden, sind keine Vorstadtproletten, sondern selbstbewusste Akademikerinnen, die meinen, Gleichberechtigung in ihrer Beziehung oder Familie sei selbstverständlich. Je enger sich das familiäre Netz zusammenzieht, desto mehr begreifen sie, wie begrenzt ihre Freiräume sind und wie viel Mut und Verzicht es erfordern würde, ihr Leben zu ändern. Ein ver­störendes Buch.

Gertraud Klemm: Aberland. Droschl, Graz/Wien 2015, 183 Seiten, 19 Euro