Schmachtfetzen

Zwischen Envys fünften Album »Recitation« von 2010 und dem recht überraschend erscheinenden Nachfolger »Atheist’s Cornea« liegt der Erfolg und die Popularisierung ihres Stils durch den Bücherwurm-Screamo von Bands wie La Dispute und Touché Amoré und die Fortsetzung des Black Metal mit anderen Mitteln bei Deafheaven. Maximaler Pathos in zwei bis zehn Minuten, darunter machen sie es nicht mehr. Immer und überall geht es ums Ganze – Überwältigung als Maxime.
Envys Kombination aus Hardcore, Postrock und Screamo ist der schmachtendste Sound der Welt, unglaublich nah am Kitsch – aber eben nie drin. Mogwai halfen der seit 1992 bestehenden Band aus Tokio durch die Veröffentlichung auf ihrem Label Rock Action zu neuen Fans. Und ihr Stil wurde noch ausladender. Die Alben »Insomniac Doze« und besagtes »Recitation« hatten mit »A Warm Room« beziehungsweise »Warm Heels And The Hands We Hold« noch jeweils einen Song für die Ewigkeit dabei, blieben aber insgesamt hinter den Klassikern des Frühwerks zurück. »Atheist’s Cornea« ist mit acht Songs in 40 Minuten deutlich kürzer, abwechslungsreicher und wohl das bislang gelungenste Album einer ohnehin überragenden Band. Neuigkeiten: Ein paar Geigen zum Dahinschmelzen, ein Pop-Punk-Intro und Inspiration von der Band des Möchtegernweltenretters Bono Vox. Envy könnten sie retten, wenn sie wollten. Und in Deutschland werden sie wieder vor 100 Leuten spielen. Aber diese werden auf ewig davon schwärmen.

Envy: Atheist’s Cornea (Pias UK/Rock Action/Rough Trade)

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