Der tunesische Karikaturist Z im Gespräch über Religion und Tradition

»Das einzige Tabu bleibt die Religion«

Seit mittlerweile gut acht Jahren betreibt Z, Karikaturist aus Tunesien, ein gesellschaftskritisches Blog (www.debatunisie.com). Ging es zunächst gegen das Regime von Zine al-Abidine Ben Ali, widmet sich das Blog seit 2011 den politischen Irrungen und Wirrungen nach dessen Sturz. Die Jungle World interviewte Z via E-Mail über die gesellschaftliche Situation in Tunesien zum fünften Jahrestag der tunesischen Revolution.

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Welche Bilanz lässt sich fünf Jahre nach dem Sturz von Ben Ali ziehen?
Im Vergleich zu den anderen Ländern des »arabischen Frühlings« können wir uns darüber freuen, nicht zur Diktatur zurückgekehrt (wie in Ägypten) oder im Bürgerkrieg gelandet zu sein (wie im Fall von Syrien und Libyen). Aber im Verhältnis zu den Bestrebungen der Revolution ziehen die Aktivisten und Träumer insgesamt eine bittere Bilanz von fünf Jahren Revolution:
Es gibt den schrecklichen Eindruck, von einer politischen Klasse verraten worden zu sein, die schnell zu faulen Kompromissen, zum Konservatismus, zur üblen Geschäftemacherei und zum Nepotismus bereit ist.
Man konstatiert dank des Terrorismus die schrittweise Rückkehr des Polizeiregimes. Das eine scheint das andere zu nähren und umgekehrt. Diese fünf Jahre haben die wirtschaftliche Lage in den Katastrophenzonen in keiner Weise geändert, und die Antworten auf die Manifestationen der Wut sind immer gewaltsam – wie in diesem Moment in Kasserine, einer Stadt im Zentrum Tunesiens.
Die einzige Errungenschaft der Revolution bleibt die Redefreiheit, selbst wenn sie von den Medien schlecht genutzt wird. Das einzige Tabu, die einzige Selbstzensur besteht in der Frage der Religion. Zum Beispiel kann man sich (trotz der Revolution!) nicht öffentlich für atheistisch erklären.
Sie sprechen von der chakchouka in Tunesien – warum?
Die chakchouka ist ein tunesisches Gericht, in das man die ganzen Reste mischt. Das entspricht ein wenig dem Bild unserer politischen Führungsschicht an der Macht. Eine seltsame Mischung aus Islamisten, Fortschrittlichen, ehemaligen linken Aktivisten und Figuren des ancien régime von Ben Ali. Unsere politische Klasse schließt lieber einen »weichen« Kompromiss oder kompromittiert sich, als ein wirkliches Gesellschaftsprojekt zu beginnen, welches das Land von diesen alten Übeln kuriert. Der Mangel an Mut, an Innovation, an Phantasie und die Faulheit unserer Führungsschichten führen dazu, dass man seit der Revolution unaufhörlich von ihrer chakchouka isst.
Warum scheint die Lage in Tunesien besser als in den anderen Ländern des »arabischen Frühlings«?
Sie ist besser, weil trotz der Mittelmäßigkeit der Führungsschichten eine sehr freie und sehr aktive »Zivilgesellschaft« existiert, der es wegen der »Dinosaurier« unglücklicherweise nicht gelingt, die Macht zu übernehmen. Aber auf ihr liegt die Hoffnung. Solange die Freiheiten in Tunesien relativ gesichert sind, kann man optimistisch bleiben …