Geistreich und witzig

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Standing Ovations. Am Wochenende hatte »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« im Berliner Renaissance-Theater Premiere. Regie führte Johanna Schall, die Enkelin von Helene Weigel und Bertolt Brecht. Das von Peter Hacks verfasste Monodrama gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Theaterstücken des 20. Jahrhunderts. Anika Mauer spielt Charlotte von Stein, die – nachdem Goethe überraschend nach Italien aufgebrochen ist – ihr Verhältnis zu dem Dichter zu erklären versucht. Dieser großartige Monolog funktioniert auf mehreren Ebenen, so dass man einiges über die Schwierigkeiten der Liebe, über die Beziehung des Genies zu seinen Mitmenschen und über das Verhältnis des Adels zum aufstrebenden Bürgertum erfährt. Das ist nicht nur geistreich, sondern auch sehr witzig – und dazu noch hervorragend vorgetragen. Am Ende gab es in dem Art-déco-Theater in Berlin-Charlottenburg stehenden Applaus für diesen gelungenen und unterhaltsamen Abend.   jch
Viel hilft viel
Vierteltonklavier. Das Klavier ist ein so schwerfälliges und veraltetes Instrument. Immer diese 88 Tasten, weiß, schwarz, weiß, schwarz – voll langweilig, ausgelutscht, ist doch kein Wunder, dass musikalische Innovationen auf der Strecke bleiben. Der wirklich visionäre Pianist von heute, so er etwas auf sich hält und Herausforderungen sucht, blickt sehnsüchtig nach Helsinki. An der dortigen Sibelius-Akademie, die zur Universität der Künste gehört, wird seit einigen Jahren an der Entwicklung eines neuen Tasteninstruments gearbeitet, das alle herkömmlichen Klaviere in den Schatten stellt. Denn: Es hat viel mehr Tasten. Doppelt so viele wie ein normales Klavier, um genau zu sein. ­Oktaven unterteilt es nicht in zwölf Halb-, sondern 24 Vierteltöne. Studierenden könnte das Instrument neue kreative Impulse liefern, beteuern die Entwickler. Und »ergonomisch« sei es auch, was wohl so viel wie spielbar bedeutet. Das mag stimmen. Vor allem für diejenigen, die als Oktopus auf die Welt gekommen sind.   oko
Alles Lüge
Falscher Film. In »Je Ne Suis Pas Charlie«, einem unter anderem von dem Antizionisten Max Blumenthal produzierten Dokumentarfilm, werden die Klischees von der angeblichen »Islamophobie« des Satiremagazins Charlie Hebdo wiedergekäut. Terror sei eine natürliche Re­aktion auf Rassismus und Imperialismus, Meinungsfreiheit Heuchelei. Der Beweis: die Kriminalisierung einer Gaza-Solidaritätsdemonstration, die in antisemitischen Ausschreitungen endete. Dazu Interviews mit Vertretern des Front National und (Überraschung!) drei Juden, kontrastiert mit Äußerungen von vermeintlichen Antirassisten, zumeist von dem schwulen-, frauen- und judenfeindlichen Parti des Indigènes de la République. Französische Juden, die wegen Antisemitismus auswandern wollen, werden verspottet, Muslime, die ankündigen, es wegen Rassismus zu tun, mit Verständnis behandelt. Wer dafür kein Geld auf dem Globale-Filmfestival im Berliner Kino Moviemento ausgeben wollte, kann sich den Film auf vimeo.com ansehen.   bt
Im Staub
Dschungelkönig. »Menderes hat bewiesen, dass man Träume leben kann, wenn man alles dafür tut«, sagte Dieter Bohlen in Bild. Meint er damit, sich vor laufender Kamera demütigen zu lassen? Der »Kultfigur«, dem »Kultkandidaten«, dem »Unterhaltungskünstler« und wie auch immer der 31jährige Menderes Bağcı bezeichnet wird, der sich seit 2002 zwölfmal der Jury von DSDS ausgesetzt hat, wurde nun ein Zepter aus Bambus in die Hand gedrückt. Nach einem »Erdrutschsieg« hat man ihn zum Dschungelkönig gekrönt. Gewählt vermutlich aus Begeisterung für sein Durchhaltevermögen, seine vermeintliche Arglosigkeit, seinen Verzicht auf große Gesten, aus Mitleid und weil er sich immer so schön in den Staub geschmissen hat. Gratulation!    oko