Stechuhr, Dunst und Plattitüden

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In einer perfekt inszenierten Polit-Show trafen sich an Karl Marx’ Geburtstag am 5. Mai i Mim Werk X in Wien Vertreter von DiEM 25, der internationalen Demokratiebewegung unter ­anderem von Yanis Varoufakis, die Anfang des Jahres in Berlin gegründet worden war. Marx wurde an diesem Abend allerdings in Ruhe gelassen. Die Politprominenz wie Katja Kipping und Saskia Sassen und weitere Diskutierende aus europäischen NGOs einigten sich zwar darauf, »gegen Kapitalismus« zu sein, ­ließen es aber ansonsten mit Krisenanalyse oder politischer Ökonomie lieber bleiben und begnügten sich mit Gemeinplätzen. Alle Redner der vier Panels hatten zwei Minuten Redezeit. Mit Stechuhr. Argumentationen und inhaltliche Tiefe waren somit nicht möglich, Diskussionen auf den Podien fanden nicht statt. An deren Stelle trat bewegungslinker Eifer, der eher uninspirierend wirkte, allerdings emsig beklatscht wurde.
Wenn es dann doch mal inhaltlich wurde, ging es gegen die USA und die Nato, die »wie eine Dunstwolke« (Varoufakis) über Europa hingen und durch eine populäre Linke bekämpft werden müssten. Hierfür sei, so Teresa Forcades, eine feministische Theologin aus Spanien, auch linker Nationalismus in den eigenen Reihen willkommen. Mit Hinweis auf die Linke in Katalonien oder Venezuela wurde gefordert, die 99 Prozent der Bevölkerung gegen das eine herrschende Prozent in Stellung zu bringen. Widerspruch oder Kritik? Fehlanzeige. Debatten innerhalb der »Bewegung« in Form von Fragen aus dem Publikum waren nicht vorgesehen.
Eine emanzipatorische, internationale Vernetzung wäre dennoch nötiger als je. Dass DiEM25 allerdings mit vermeintlich linken Ideen punkten will, die schon immer falsch waren, lässt tief blicken: Breite, öffentlichkeitswirksame Bündnisarbeit scheint wichtiger als fundierte Kritik an Staat und Kapital.
Ein Lichtblick des Abends und daher zurecht mit stehenden Ovationen bedacht war der Auftritt der Geflüchteten-Theatergruppe »Die Schweigende Mehrheit«, die vor wenigen Wochen in Wien von rechtsextremen »Identitären« angegriffen wurde. Für diese Performance hätte es aber kein DiEM25 gebraucht.