Die kolonialen Sehnsüchte der Briten

Verwirrtes England

Die Sehnsucht nach dem starken und mächtigen Nationalstaat aus kolonialen Zeiten sorgt in Großbritannien für ein Klima der Wut auf die Europäische Union. Viele Wahlberechtigte werden deshalb wohl für den Austritt stimmen.

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Ein fünf Jahre altes Youtube-Video: Eine hübsche junge Brünette sitzt mit einem unglaublich süßen blonden Kleinkind auf dem Schoß in der U-Bahn. In leichtem Londoner Slang ruft sie den anderen Passagieren zu: »Was ist aus meinem Land geworden? Meinem schönen Land? Woher kommst du? Woher kommt ihr? Ihr seid keine Briten, ihr seid nicht weiß. Mein Land ist fucking gar nichts mehr, mein Land hat nichts mehr zu bedeuten. Geht zurück in eure eigene Länder!« Die Menschen, die um sie herum stehen, sind beleidigt, ein bisschen verzweifelt, aber eigentlich noch recht respektvoll. »Lady«, sagt eine Frauenstimme. »Bitte sprechen Sie nicht so, vor den Kindern.« »Ich habe auch mein Kind hier«, erwidert die Frau. »England ist kein Land mehr. Woher kommst du? Du bist keine Britin, ich bin britisch, ich bin weiß. Wir brauchen euch hier nicht. Jemand muss das Land verteidigen.« Ein Umstehender filmt die Szene mit dem Handy und lädt den Clip hoch. Die Frau wird zum Youtube-Star der übelsten Sorte. Dann wird sie ­festgenommen und zu 24 Monaten Community-Arbeit verurteilt.
So etwas passiert oft in Großbritannien, wenn die weiße Unterschicht den Schwachsinn wiedergibt, mit dem sie von vielen Politikern und Journalisten seit Jahren gefüttert wurde. Sie gibt diesen Schwachsinn in klaren Worten wieder. Nichts wird suggeriert oder impliziert, die Sprache ist direkt: »Was ist aus unserem Land geworden«, heißt es dann, oder: »Früher waren wir groß und stolz«; »Woher kommst du? Du bist nicht britisch«; »Du bist der Grund, weshalb England und Britannien nicht mehr groß sind.« Die Ablehnung der EU, die vor allem von den Engländern kommt, ist im schlimmsten Fall rassistisch. Sie wird von Politikern und Journalisten gefördert und instrumentalisiert. Manchmal ist die Ablehnung wenigstens ehrlich – etwa, wenn es gegen Immigra­tion geht. Oft ist sie aber verlogen und scheinheilig, zum Beispiel wenn die Gurkenrichtlinie der EU als Argument angeführt wird. Groß ist die Empörung in Großbritannien über das seit 2009 aufgehobene EU-Verbot der krummen Gurke. Im Kern dieser Empörung liegt die Trauer über das Ende des Kolonialismus. Groß ist das Gejammer: »Früher haben wir die Gesetze in anderen Ländern bestimmt – jetzt sind wir ein Teil einer Union!«; »Früher marschierten wir in andere Länder ein und und beherrschten andere Völker – jetzt bekommen wir aus Brüssel Vorschriften über die Länge der Gurken!«
Ich streame eine britische Fernsehsendung, weil ich eine Integrationsverliererin bin. Eine Politikerin, die die Zuschauer zum Verbleiben in der EU, zum remain, wie die Briten sagen, überreden soll, spricht sehr leise über Immigration. »Wir wissen alle, dass mit der EU ein bisschen was schiefgegangen ist«, sagt sie. »Niemand behauptet, dass alle, die Ängste vor der Immigration haben, Rassisten sind. Und alle wissen, dass Kontrolle über die eigene Grenze haben zu wollen, eine verständliche Position ist. Aber wir sollen trotzdem drinbleiben … « Buhrufe aus dem Publikum. einige Minuten später meldet sich jemand, lacht abfällig über die Idee, dass die Menschen aus Großbritannien im Fall eines Austritts in ihrer Freiheit innerhalb der EU eingeschränkt werden könnten. Die Idee, dass ein Brite ein ­Visum für Spanien beantragen müsste, sei absurd, total lächerlich. Wer sich für ein leave ausspricht, gibt zu, dass man aus der Europaischen Union austreten will, um die Immigration ins ­eigene Land zu reduzieren oder gar zu verhindern. Aber die Idee, dass man dann selbst nicht andere Länder so frei besuchen dürfte? Dass man nicht in Deutschland arbeiten dürfte? Hahaha. Wer würde einen Briten nicht in seinem Land haben wollen? Was für eine Idee, dass ein Brite in Südspanien genau so jemand ist wie ein Pole in London? Wer kommt denn auf sowas? Weiß man nicht, dass Großbritannien früher mal die ganze Welt besaß?
Ich glaube, dass das Referendum knapp ausgehen wird. Die Vorstellung eines Austritts aus der EU macht mir Angst. Es wird schlimm für die EU, wenn Großbritannien aussteigt, aber für die Briten wird es noch schlimmer. Wahrscheinlich wird Schottland dann un­abhängig und Nordirland wird ein bisschen schneller mit Irland wiederver­einigt. Die Tories werden ihre neue Macht ausnutzen, um die Menschenrechtslage, den Schutz der Arbeiter und das Leben der Unterschicht so weit wie möglich zu verschlechtern. England wird zur verwirrten Frau in der U-Bahn Europa, die »Was ist aus meinem Land geworden?!«vor sich hin murmelt. Tja. Eigentlich haben diese Briten keinen Volksentscheid gebraucht. Eigentlich brauchen sie Politiker, die ihnen sagen: Es ist gut, dass der Kolonialismus vorbei ist. Stattdessen hat man in Großbritannien Bull­shit gefressen, und jetzt kotzt man den aus.