Hoffnung und Bestürzung

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Ramadan. Istanbul, ganz in der Nähe des Taksim-Platzes. Am Freitag vergangener Woche finden sich einige junge Leute in dem Plattenladen Velvet IndieGround ein, um das neue Album von Radiohead zu hören. Es ist ein weltweites Streaming, eine Promotion-Aktion der Band. Plötzlich stürmen Männer den kleinen Laden, brüllen die Anwesenden an, schlagen sie, treiben sie vor die Tür. Tische werden geworfen, Schreie sind zu hören – das alles ist zu sehen auf einem Video, das sich rasch über das Internet verbreitete. Anlass des Überfalls war, Medienberichten zufolge, dass während der Veranstaltung im für Muslime hei­ligen Fastenmonat Ramadan Alkohol getrunken worden sei. Die Band Radiohead verurteilt den Angriff auf den Plattenladen, ein Akt »gewalttätiger Intoleranz« sei es gewesen, sagten sie gegenüber dem People-Magazine. »Wir schicken unseren Fans in ­Istanbul unsere Liebe und Unterstützung«, heißt es weiter; die Band hoffe, dass solche Angriffe bald der Vergangenheit ange­hören würden. Nichts ist falsch an dieser Stellungnahme – aber hätte man von einer Band, die sich stets als Kritiker der politischen Zustände geriert, nicht deutlichere Töne erwartet? Wenig später geht die Polizei in Istanbul mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Hunderte regierungskritische Demonstranten vor und löst eine Demonstration für die Rechte Homosexueller ­gewaltsam auf. Ebenfalls am Freitag wurde die geplante Gay-Pride verboten – aus Sicherheitsgründen. Wenn Künstler derart in diesen Schlamassel hineingezogen werden, sollte etwas mehr als love und hope drin sein.  oko
Arbeit an der Coolness
Add-E. Es spricht nur sehr wenig gegen Pedelecs, E-Bikes, Flyer und wie die Verschnitte von Elektrofahrrädern alle heißen. Die wichtigsten Argumente von allen, Coolness und Aussehen, ­haben bis heute nicht an Bedeutung verloren. Nachdem die ersten Prototypen 1992 gebaut wurden und die Verkaufszahlen zu Beginn des Jahrtausends kurzzeitig einknickten, steigt der Absatz seit Jahren kontinuierlich. 2009 wurden 150 000 E-Bikes in Deutschland verkauft, 2014 waren es 480 000 – die mehrheitlich den Versuch unternehmen, Mitbringseln aus der Reha-Klinik möglichst unähnlich zu sein. Den jüngsten Vorstoß hat ein kleines Start-up-Unternehmen aus Villach geplant. Ihr Elektromotor ist eigenen Angaben zufolge der kleinste der Welt und kann im Handumdrehen unter jedem Tretlager montiert werden. Der Akku ist als Trinkflasche getarnt – die support levels des Motors lassen sich durch Schrauben am Deckel einstellen. Insgesamt bringt »Add-E« nur zwei Kilogramm auf die Waage und ist praktisch unsichtbar. Allerdings kostet das Set bislang über 1 000 Euro. Verrückt, wie viel Arbeit investiert wird, um dem guten alten Fahrrad ein Stück näherzukommen. oko
Beim Schöpfer eingeloggt
Godspot. Während die einen über Störerhaftung und die Schwierigkeiten, in Deutschland einen Hotspot zu betreiben, diskutieren, richten andere kurzerhand »Godspot« ein, die kostenlose Verbindung nach ganz weit oben. Mitte Mai wurde es beschlossen, nun startet Berlins Landesbischof Markus Dröge das kostenlose WLAN für zunächst 220 Kirchen und kirchliche ­Einrichtungen in der Region. Das Netz nutzen darf jeder Tourist, Anwohner, Kirchenbesucher – wer auch immer, weder Registrierung noch Anmeldung sind notwendig, einen Filter gibt es nicht, nur an einer landing page muss man vorbei, die etwa auf kirchliche Veranstaltungen aufmerksam macht. Die armen Pfarrer, denkt man sich da, deren Job wird auch nicht leichter. Die stehen da vorn, predigen voller Freude den zahlreichen hinzugewonnenen Schäfchen – während die damit beschäftigt sind, sich auf Kirchenkosten Youtube-Videos von Slayer anzusehen. Schon bald soll es technisch möglich werden, das WLAN für die Dauer zum Beispiel des Gottesdienstes zu kappen. oko