Der Film »Toni Erdmann«

Das Wunder von Remchingen

»Toni Erdmann« wurde als neue deutsche Kinogroßtat gefeiert. Leider interessiert sich die Regisseurin nur für sich selbst.

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Kaum kommt mal ein Streifen ohne Til Schweiger in die Kinos, der weder Literaturverwurstung noch Kiezsprechklamotte ist, wird gleich eine neue Ära deutschen Films ausgerufen. Geht er außerdem, nach längerer Abstinenz des Landes, bei den Filmfestspielen von Cannes leer aus, muss das Feuilleton großzügig Trostpflaster verkleben und dieses seelenlose Panorama eines seelenlosen Milieus zum Kunstfilm hochschreiben.
Mit »Toni Erdmann« lief das erste Mal seit acht Jahren wieder ein deutscher Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Für die FAZ endete damit »eine lange Durststrecke«. »Endlich wieder ein deutscher Film in Cannes« protzte die Welt und Deutschlandradio Kultur titelte: »Deutsche stehlen Steven Spielberg die Show«. Maren Ades langweilige Familienklamotte wurde flugs zum Meilenstein des neuen deutschen Films erklärt und sei so klug wie von nie gesehenem Esprit und Witz. Dass die Regisseurin keinen Preis gewann, spricht für die Souveränität der Jury. In den gekränkten Feuilletons wollte man offenbar partout nicht einsehen, warum dieser extrem zerdehnte Dreistundenfilm nicht ausgezeichnet wurde. Vielleicht sind die lobhudelnden Kritiker zwischendurch eingeschlafen? Um dann bei der Schlüpfer-Schlüsselszene mit Nackten und einem Typ im haarigen Zottelkostüm aufzuwachen, auf die der gesamte Film hinsteuert.
Das wurde zuvor gezeigt: Der elterlichen Reihenhaushölle in der baden-württembergischen Provinz entflohen, spielt Ines (Sandra Hüller) am Tisch der Großen mit. Als Unternehmensberaterin buhlt sie in Bukarest um einen Kunden, hat aber schon das nächste Projekt in Shanghai angepeilt und der rumänischen Hauptstadt gedanklich adé gesagt. Leider ziehen sich die Verhandlungen in die Länge. Für eine Stippvisite reist Ines nach Remchingen, wo sie ihren kauzigen Vater (Peter Simonischek) trifft. Winfried ist Musiklehrer, ein sensibler Mensch, der allerdings einen eigentümlichen Humor besitzt und seiner Umwelt schnell auf die Nerven geht. Ines’ Traurigkeit entgeht dem Vater nicht und so folgt der besorgte Mann seiner Tochter nach Rumänien, wo er sich »Toni Erdmann« nennt und Ines’ Leben aufmischt. Mit Klappergebiss und Flusenperücke sorgt er dafür, dass sich das schicke Töchterchen in Grund und Boden schämt. Auch die Zuschauer können sich in Fremd­scham suhlen. Allerdings nur für kurze Zeit – bald schon wird Unlust daraus.
Denn der Film ist so oberflächlich wie das Business, das er zu karikieren vorgibt. Hochnervöse Karrierezombies taumeln gierig durch Bukarest. Das hätte seinen Reiz, wenn ­diese zwischen Borderline und Burnout angesiedelte Business-Class genauer unter die Lupe genommen würde. Aber ein präziser Blick interessiert die Regisseurin nicht, ihr genügt das Abziehbild. Als zynisch wird das Milieu der Unternehmensberater, der Geschäftstypen und ihrer Gattinnen dargestellt. Aber das reicht nicht. Den einen geht es einzig um Personalabbau und Gewinnmaximierung, den anderen um den nächsten Sektempfang und das Shopping. Und irgendwie muss sich Ines als Kostümfrau dort einfügen. Man sieht, wie sie leidet, aber auch das Thema Karriere wird nicht weiter ausgeführt, weil der Regisseurin die Familienbande wichtiger sind. Die Ereignislosigkeit wäre zu verschmerzen, wenn wenigstens die Vater-Tochter-Beziehung ausgelotet würde.
Auch der Vater-Clown wirkt unglaubhaft. Natürlich sind dessen skurrile Volten lustig, aber die Figur orientiert sich zu sehr am Look Helge Schneiders. Sandra Hüller leistet in der Rolle der Ines Großes und verleiht der spröden Powerfrau ein fabelhaft desinteressiertes Gesicht. Allein, die schauspielerische Leistung reicht nicht aus, weil die Dramaturgie nicht trägt. Die Regisseurin verzichtet auf Naheinstellungen und an­dere Mittel, mit denen Spannung erzeugt werden könnte. Das mag man »unkonventionell« nennen und die triste Langgezogenheit als künstle­rischen Stil deuten. Aber dafür ist der Klischeefaktor einfach zu hoch.
Regieeinfälle wie das Ejakulieren auf Petit Fours und deren Verzehr sind bemüht. Die erwähnte Nacktpartyszene gen Ende bedient einmal mehr plumpe Klischees.
Ebenso einfallslos ist das Thema: Einmal Remchingen, immer Remchingen. Man trägt Familie immer mit sich und entkommt den Blutsbanden nicht. Das ist die Botschaft der Regisseurin, die nach eigener Aussage in ihren Filmen auch Autobiographisches behandelt. Ihre Ines-Figur ist ungefähr im selben Alter wie die 1976 in Karlsruhe geborene Regisseurin, ihre Eltern sind wie die Eltern der Hauptfigur Lehrer. Die Zeit weiß in ihrer lobenden Kritik zu berichten, Ade habe es »interessiert, wie wenig sie sich mit ihren Arbeiten von ihrer Familie lösen konnte. Solche Beziehungen sind fest, die Interaktionen ritualisiert. Wenn man jünger ist, glaubt man, die Herkunft habe keinerlei Einfluss auf die gegenwärtige Existenz«.
Hier trifft man einmal mehr auf die eitle Selbstbespiegelung der Mittelschicht. Wie viele hochgelobte Nachwuchsautoren, die lediglich ihre eigene Geschichte erzählen, hat die Regisseurin kaum etwas mitzuteilen. Und weil sie ihr Ego-Shooting nicht melodramatisch, sondern tragikomisch inszeniert, soll das Publikum ihr nicht nur dankbar sein, sondern sie auch noch feiern? Die Überhöhung des eigenen Milieus ist das Grundproblem von »Toni Erdmann«. Geld macht auch nicht glücklich, dann lehnt man sich doch lieber auf der Hollywoodschaukel zurück. Der Film ist nur ein weiterer Aufguss des neuen deutschen Kino-Biedermeiers.
Toni Erdmann (D 2016). Regie: Maren Ade, Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn. Start: 14. Juli