Alle reden vom Sommer, wir diskutieren. Liegen am Strand: hot or not?

Über dem Pflaster liegt Adorno

Strände sind Orte der Dummheit und lähmender Langeweile.

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Es gibt ein Foto, das Adorno in einem Strandkorb sitzend zeigt. Sein Körper wirkt unterdimensioniert und verloren in dem wuchtigen Möbelstück, das für viel größere Menschen gebaut worden ist, fast so, als hätte jemand eine Adorno-Puppe gebastelt und achtlos liegen gelassen. Robert Gernhardt, der maßgeblich mitverantwortlich war für das, was in Deutschland als Satire gilt, verhöhnte den Denker in einem Gedicht, das sich auf das 1969 an Adorno ver­übte »Busenattentat« bezog: »Lockend, drängend, wogend prangend/einen ganzen Mann verlangend/ragend, dräuend, drohend, schwellend/allen Geist in Frage stellend/recken sich dem Prof. entgegen/welcher stumm erst, dann verlegen/dann erschreckt das Weite sucht … «. Nicht, dass gegen Brüste etwas einzuwenden wäre, ganz im Gegenteil. Brüste sind ein guter Grund, sich überhaupt noch mit Menschen abzugeben und zu heucheln, man finde ein sich mit den Brüsten denselben Blutkreislauf teilendes Gehirn und dessen kommunikative Leistungen interessant. Am Strand jedoch schrumpft die Welt auf jenen Moment an der Frankfurter Universität zusammen, als Studentinnen Adorno demütigten, indem sie mit blankgezogenen Titten um ihn herumtanzten, eine Geste äußerster Verachtung, deren Gewalttätigkeit sich vielleicht besser erschließt, wenn man sich den Vorfall mit vertauschten Geschlechterrollen vorstellt.
Eine Ahnung wenigstens von der brutalen Dummheit jener Aktion ist an jedem Strand zu spüren, wo Menschen auf ihre Physis nicht zurückgeworfen werden, sondern ganz absichtlich den Gegensatz zum Geistigen suchen, um vorzuführen, wie viel Zeit sie damit verschwendet haben, ihre Körper statt ihrer Intellekte zu perfektionieren. Unter anderem deswegen ist der Strand ein Ort für Kinder und Idioten, also der rechte Ort für Menschen vom geistigen Zuschnitt eines Schulhofschlägers.
Strände in Form von Strandbädern sind nicht nur schlimm, weil dort der Terror der Selbstoptimierung, der weit mehr Menschen umbringt als alle islamistischen Mordbanden zusammen, seine Laufstege aufbaut. Manche Menschen schaffen es ja mit viel Disziplin, Glück oder Ignoranz, sich der Zumutungen einer Gesellschaft, die mit Diätratschlägen zum Erhungern der Bikini­figur und der Degradierung von Menschen zu wegwischbaren Tinder-Profilen, die Psychiatrien und Friedhöfe füllt, so weit zu erwehren, dass sie die ein­geforderte Scham für das Abweichen von körperlichen Idealbildern einfach nicht empfinden wollen oder können. Aber selbst wer zu dieser Gelassenheit fähig ist, kann der lähmenden Langeweile nicht entrinnen, die an den Ufern der Seen und Meere herrscht. Der Satz »man muss auch mal abschalten können« macht allenfalls für jene Sinn, die dazu gezwungen sind, ihren Verstand täglich an geisttötenden Tätigkeiten abzunutzen. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen, die den Großteil ihrer Wachzeit dazu aufwenden müssen, sich selbst und Dinge zu verkaufen, es reizvoll finden, auf Strandliegen durch den Tag zu dösen, am besten am Meer, wo der weite Horizont und die stets wehende leichte Brise zur Illusion verführen, man könne einfach abhauen, hinter diesem Horizont für immer verschwinden und den trostlosen Broterwerb, den zu jeder romantischen Geste längst ­unfähig gewordenen Partner, die wider Erwarten doch nicht sinnstiftenden Kinder und das ganze elende Deutschland hinter sich lassen und all das langsam versinken sehen wie die Landmasse, die vom Heck eines auf große Fahrt gehenden Schiffes aus betrachtet werden kann. Wer das Denken nicht abstellen kann oder mag, kennt die Sinnlosigkeit solcher Phantasien und geht lieber Sangria saufen.
Der menschliche Verstand ist nicht für die absolute Ruhe gemacht. Das wissen Folterknechte seit Jahrhunderten und die Psychologen seit Jahrzehnten. Natürlich kann man einwenden, dass am Strand nie Ruhe herrsche, aber für Menschen, die zu anderen Menschen, aus welchen Gründen auch immer, gerne Abstand halten, könnte ein Strand genauso gut eine weiß gestrichene Isolationszelle sein. Am Strand latschen halt andauernd irgendwelche Leute durch das Verlies, aber diese Leute sind nur potentiell eine bessere Gesellschaft als die Risse in der Wandfarbe einer Zelle. Strände sind fad und einsam. Zum Glück hat der Kapitalismus für so empfindende Menschen Angebote entwickelt, die inzwischen den Verstand fast ebenso gut beschäftigen oder betäuben können wie gute Bücher oder Drogen. Mit Smartphone oder Tablet kann man immerzu online sein und den inneren Drecksack zum Schweigen bringen, der gerne das Pflaster der Zivilisation wegreißen möchte, um zum, wie es ’68 behauptet wurde, darunterliegenden Strand zu gelangen. Aber warum dazu extra ans Meer fahren?