Fußball und Politik in Mexiko am Beispiel des Spielers Cuauthémoc Blanco

Operation Cuauhtémoc

Cuauhtémoc Blanco, einer der größten Fußballstars Mexikos, soll für seine Bürgermeisterkandidatur eine halbe Million US-Dollar kassiert haben. Ein Lehrstück, wie Politik in Mexiko funktioniert.

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Eine außergewöhnliche Fußballerkarriere wie die von Cuauhtémoc Blanco endet nicht mit einem profanen Abschiedsspiel. Statt eines sommerlichen Freundschaftskicks mit anderen Altstars bestritt er im März mit einer Ausnahmegenehmigung noch einmal ein Ligaspiel für seinen Herzensclub América.
Bejubelt von 100 000 Zuschauern im vollbesetzten Aztekenstadion schob der immerhin schon 43jährige ein paar gefällige Pässe über den Rasen und erzielte beinahe sogar ein Tor. Alles in allem war es ein schillernder Auftritt, der Blancos endgültigen Abschied vom Profifußball besiegelte. Das Abschlusstraining hatte er unter dem Schutz der Armee absolviert – ein Zeichen für seinen Stellenwert, aber auch dafür, dass Politiker in Mexiko nicht ohne Sicherheitsrisiko leben. Denn Cuauhtémoc Blanco war damals schon Bürgermeister von Cuernavaca.
Cuau, wie er auch genannt wird, ist nicht irgendwer, sondern neben Hugo Sánchez Mexikos vielleicht bester Fußballer aller Zeiten. Berühmt wurde er durch seinen bunny hop, einen Häschensprung mit zwischen den Beinen eingeklemmtem Ball, mit dem er zwei Gegenspielern davonhopste; aber auch als Exzentriker, der immer mal wieder über die Stränge schlug und mit diversen Trainern aneinandergeriet. Vor allem aber war er ein begnadeter Fußballer: 19 Jahre spielte er in der mexikanischen Nationalmannschaft, absolvierte 120 Länderspiele, in denen er 38 Tore erzielte, und nahm an drei Weltmeisterschaften teil – die 2006 in Deutschland verpasste er, weil er sich mit dem damaligen Nationaltrainer überworfen hatte. In der ewigen Torschützenliste seines Heimatclubs América, dem Bayern München Mexikos, liegt er mit 153 Treffern auf Platz zwei. Unvergessen auch sein Freistoßtreffer in Diensten von Real Valladolid im Santiago Bernabeu gegen Real Madrid in der Spielzeit 2001 /2002. Der bedeutete den Ausgleich und den Verlust von vier Mil­lionen Peso für seine Mitspieler, die auf eine eigene Niederlage gewettet hatten. Seine Karriere beendete Cuahtémoc Blanco schließlich im Sommer 2015 als 42jähriger im Dress von Puebla als Erstligaspieler und mit dem Gewinn des mexikanischen ­Pokals.
Nach seinem Abschied in Puebla ging Blanco überraschend in die Politik. Und noch überraschender gewann er im Juni 2015 die Kommunalwahlen in Cuernavaca. Die Hauptstadt des Bundesstaats Morelos, unweit von Mexiko-Stadt, ist vor allem Residenz und Wochenendausflugsziel gestresster Hauptstädter, zugleich aber einer der Hauptschauplätze des organisierten Verbrechens mit einer der höchsten Mord- und Entführungsraten im Land. Angetreten war der Fußballstar für die nahezu unbekannte Sozialdemokratische Partei von Morelos (Partido Social Demócrata, PSD), eine Splitterpartei auf dem absteigenden Ast. Allein das hatte damals schon zumindest für Verwunderung gesorgt. Die PSD war von den Brüdern Roberto Carlos und Julio César Yáñez Moreno 2009 vor dem drohenden finanziellen Ruin gerettet und übernommen worden. Nach verschiedenen eigenen Anläufen – Julio Yáñez hatte sich unter anderem erfolglos um den Gouverneursposten in Morelos beworben – beschlossen die beiden, den prominenten Namen und das Charisma Cuauhtémoc Blancos zu nutzen.
Bereits Ende 2015, noch vor Blancos Amtsantritt im Januar dieses Jahres, waren Gerüchte aufgetaucht, er könnte Geld erhalten haben für seine Kandidatur. Dies behauptete unter anderem ein früherer Bürgermeister von Cuernavaca, Manuel Martínez Garrigos von der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI). Bereits damals war von rund einer halben Million US-Dollar die Rede.
Eine am 25. August ausgestrahlte TV-Reportage des Senders Televisa, dem ausgerechnet der Fußballverein América gehört, dessen größtes Idol Cuauhtémoc Blanco war, enthüllte nun, dass dieser für die Kandidatur sieben Millionen Peso (rund 400 000 US-Dollar) von Roberto Yáñez kassiert haben soll – unabhängig vom Wahlausgang. Der Vertrag, datiert auf den 17. Januar 2015, Blancos Geburtstag, wurde also fünf Monate vor dem Urnengang geschlossen. Das Geld, zahlbar innerhalb von zehn Monaten, stammte demnach von lokalen Unternehmern. Darüber hinaus sollen weitere anderthalb Millionen Peso (rund 90 000 US-Dollar) für persönliche Ausgaben an Blanco geflossen sein. Die im Wahlgesetz festgelegte Höchstsumme an Ausgaben für die Bürgermeister-Kampagne in Cuernavaca lag allerdings bei vier Millionen Peso.
Der nun ans Tageslicht gekommene Vertrag listet sogar die Arbeitszeiten des »vorgefertigten« Politikers auf: von neun bis elf Uhr vormittags sowie von vier bis sechs am Nachmittag. Eine andere Klausel legt fest, wie sich Blanco gegenüber Anhängern, sprich Wählern, zu verhalten habe. Er sei dazu verpflichtet, für Fotos zu posieren, Autogramme zu geben und männliche Fans per Handschlag sowie weibliche per Wangenkuss zu grüßen, heißt es.
Bisher hatte das Unternehmerbrüderpaar Gerüchte von einem Einkauf des Politikers immer dementiert. »Mein Bruder kannte ihn (Cuauhtémoc Blanco, Anm. d. Red.) und sagte ihm, dass jemand fehle, den die Leute mögen, jemanden, an den sie glauben und dem sie vertrauen könnten. Er hat lange darüber nachgedacht und schließlich akzeptiert, denn ihm schien, dass unser Projekt Potential habe«, sagte Roberto Yáñez im Januar der spanischen Tageszeitung El País. Gegenüber Televisa erklärte er nun: »Es ist wahr, es gibt diesen Vertrag, und Cuauhtémoc hat von uns sieben Millionen Peso kassiert, um als Kandidat für das Bürgermeisteramt von Cuernavaca anzutreten.« Julio Yáñez nannte weitere Details der Übereinkunft. Demnach verlangten Blanco und sein Team »Großbildschirme in den Apartments, bestimmte Früchte, gewisse alko­holische Getränke wie Wodka und Whisky, Erfrischungsgetränke bestimmter Marken, Möbel und Luxuskarossen«. Man habe zugestimmt, da es die einzige Möglichkeit gewesen sei, den Kandidaten bei Laune zu halten. Blanco habe von Beginn an, seit der ersten Woche, keine Lust auf die Kampagne gehabt. »›Die Wahrheit ist, ich möchte nicht hier sein, das ist nicht meins‹, hat er aus ganzem Herzen gesagt«, so Roberto Yáñez.
Einige Beobachter glauben, es sei den Yáñez-Brüdern gar nicht darum gegangen, die Wahlen zu gewinnen, sondern nur darum, ausreichend Stimmen zu sammeln, damit der PSD seinen Eintrag ins Wahlregister nicht verliert. Mit dem überraschenden Wahlsieg aber verkomplizierte sich alles – auch das Verhältnis zwischen Blanco und dem Bruderpaar.
Anfang Juli schließlich überwarf sich der ehemalige Fußballer mit Roberto Yáñez und entband ihn von seinem Posten als Generaldirektor der Stadtverwaltung. Später warf er ihm Korruption vor. Seit Juli hat Blanco 150 Arbeiter und Angestellte entlassen, die in Beziehung zu Yáñez und dem PSD standen. Er selbst sagte sich von der Partei los und erklärte sich für unabhängig. Bereits Ende Februar hatte Blanco seinen Vertrauten, José Manuel Sanz, zum stellvertretenden Bürgermeister gemacht, ein ad hoc speziell für ihn geschaffener Posten, und übertrug ihm Befugnisse in Sicherheits- und Finanzfragen. Sanz hatte seit Beginn von Blancos Fußballerkarriere dessen Geschäfte und Geldangelegenheiten gemanagt. Mitarbeiter von Cuernavacas Stadtverwaltung bestätigten gegenüber lokalen Medien, dass die Brüder Yáñez Cuernavaca kontrolliert hatten, derzeit sei es aber José Manuel Sanz, der die Entscheidungen treffe. Cuauhtémoc Blanco dagegen sei nur eine »Marionette«.
Mittlerweile hat Blanco die Brüder Yáñez wegen Morddrohungen, Erpressung und Dokumentenfälschung angezeigt. Seine Unterschrift unter dem Sieben-Millionen-Peso-Vertrag soll gefälscht worden sein. Der Vertrag existiere nicht. »Ich will klarstellen, dass all die Angriffe Druckmittel sind, damit ich zurücktrete und sie die Kontrolle über die Stadtverwaltung übernehmen und ihre bekannten korrupten Handlungen ausführen können«, so Blanco. »Ich trete nicht zurück.« So oder so – einen solch pompösen Abgang wie als Fußballer wird er wohl nicht noch einmal bekommen.