Ein Besuch im Deutschen Panzermuseum Munster

Panther, Hetzer, Ferdinand

Das Deutsche Panzermuseum Munster lässt einmal im Jahr
seine Exponate über die Wiese fahren. Tausende Technikfreaks, Hobbykommandeure und Thor-Steinar-Träger kommen dann zusammen, um sich »Stahl auf der Heide« anzusehen.

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»Stahl auf der Heide« – bei diesem Titel denkt man unweigerlich an ein fettes Metal-Festival in der Lüneburger Heide. Slayer, Megadeth, Iron Maiden oder ähnliche Bands lässt der Titel erwarten. Doch was nach musikalischer Urgewalt klingt, hat nicht im Geringsten etwas zu tun mit Noten, Melodien und Instrumenten. Hier ist etwas ganz anderes zu sehen: Panther, Tiger, Leopard, also das »Who’s who« der deutschen Großkatzen. Nicht um die lebenden allerdings geht es, die man in den Zoos rund um die Lüneburger Heide besuchen kann, sondern um die aus Stahl. Aus einer Menge Stahl.
Die Großveranstaltung »Stahl auf der Heide« widmet sich einzig und allein dem Thema Panzer. Auf dem Gelände des Deutschen Panzermuseums Munster (DPM) findet es statt, in diesem Jahr bereits zum fünften Mal. Und es ist so beliebt, dass alle 7 000 Karten bereits im Vorverkauf Abnehmer fanden. Eine Tageskasse gab es deshalb gar nicht erst.
Wie muss man sich diese auf den ersten Blick skurril anmutende Veranstaltung vorstellen? Zunächst einmal dürfte man keinesfalls verkehrt liegen, wenn man den Anteil der männlichen Besucher auf 90 bis 95 Prozent schätzt. Vorausgesetzt werden kann auch eine gewisse Technikfaszination dieser Besucher, auch oder gerade für Wehrmachtspanzer. Zudem wird eine durch und durch euphemistische Sprache verwendet, von Tod und Verderben, die die Kriegsmaschinen bringen, ist keine Rede. Wer das aushält, kann einen Tag in Munster verbringen. Das Rahmenprogramm ist üppig und reicht von »dynamischen Vorführungen« über Darbietungen mit ferngesteuerten Modellen bis hin zu Vorträgen zu Fachthemen.

»11 Uhr – 12 Uhr Raus aus den Hallen! Die Panzer des DPM in Bewegung«
Der Tag beginnt gleich mit dem Höhepunkt. Am Anfang einer mehrere hundert Meter langen Strecke direkt neben den Hallen des Museums stehen Panzer, die in der folgenden Stunde herumgefahren werden. Tribünen links und rechts der Strecke lassen einen freien Blick auf die Stahlkolosse zu. Die Show beginnt. »Antennen hoch, Auspuffkette frei, Motor an, vorwärts marsch«, gibt der Moderator, Oberstleutnant Niudoschewski, das Kommando. Er erläutert insgesamt dreimal an diesem Tag die gezeigten Exponate. Ein ganz besonderes Stück eröffnet die Vorführung. Der Panzerkampfwagen V, auch Panther genannt, rollt über den Heideboden. Er wurde 1942 bei der deutschen Wehrmacht eingeführt und sollte den sowjetischen Panzer T-34 bekämpfen. Über ein Jahr lang haben Mitarbeiter des Museums und ehrenamtliche Hobbymechaniker an dem Panther geschraubt, um ihn für die Vorführung Anfang September flottzukriegen.
Auf der Strecke in Munster sind mehrere Pylonen aufgestellt, an denen die Panzer kurz halten. Niudoschewski erläutert dann weitere Details. Der Panther stoppt am zweiten Pylon. »Wir wollen uns in aller gebotenen Kürze mit den wesentlichsten Aufgaben der Fahrzeuge in der damals üblichen Kampfphilosophie, dem Gefecht der verbundenen Waffen, widmen«, sagt der Soldat. Hunderte Foto- und Videokameras werden hochgehalten, Mobiltelefone gezückt. Nur Stunden später findet man die ersten Videos bei Youtube. Männer mit T-Shirts, auf denen Panther- oder Tiger-Panzer aufgedruckt sind, tauschen ihr Fachwissen aus. Tod und Vernichtung sind dabei kein Thema. Mittlerweile ist das Minenwurfsystem Skorpion vorgefahren. Oberstleutnant Niudoschewski erläutert, dass es 600 Minen transportieren und in fünf Minuten eine Minensperre von 1 500 Metern Länge verlegen könne. Es diene dazu, den Gegner »abzunutzen und zu kanalisieren«.
Nach dem Ende der Vorführung geht es nah ran an die Panzer. Die Wehrmachtspanzer Hetzer und Panther werden genauso belagert wie die Nachkriegsmodelle Gepard und Leopard. Herr Förster hat während der Vorführung den Brückenlegepanzer M48 gesteuert. Er ist kein Hobbykommandant, sondern war jahrzehntelang Berufssoldat bei der Bundeswehr. Für ihn sind Panzer kein Relikt des Kalten Krieges oder gar antiquiert. »Sie sind natürlich nicht für chirurgische Eingriffe geeignet, aber für die Sicherung von Territorien notwendig«, so Förster. Die Bundesregierung habe nicht ohne Grund die Anschaffung neuer Panzer beschlossen.
Hobbykommandant Klaus ist da entspannter. »Im wirklichen Leben bin ich mit 280 Sachen unterwegs. Ich bin Lokführer. Nebenbei habe ich dann Modelle gebaut. Und wie das Leben so ist, hatte ich eine Freundin in Soltau. Da bin ich dann zu den echten Fahrzeugen gekommen. Die Freundin ist mittlerweile weg, aber das Hobby ist geblieben«, erzählt der Mittfünfziger. Leider bestehe die Tätigkeit eines Hobbykommandanten zu 99 Prozent daraus, die Exponate zu putzen und zu pflegen, und nur zu einem Prozent aus dem Fahren, bemängelt er etwas resigniert.

»12.15 – 13 Uhr Ferngesteuerte Panzermodelle«
Vorbei an den Schlangen von Menschen, die für das limitierte »Stahl auf der Heide«-T-Shirt anstehen, geht es zum nächsten Höhepunkt. Auf einer weiteren Freifläche findet die nächste Präsentation statt. Die Mitglieder der Interessengemeinschaft Militärmodellbau (IG), die in der Mehrzahl auch Mitglieder der Reservistenarbeitsgemeinschaft Militärmodellbau (RAG) sind, zeigen ihre Exponate. Nachbauten verschiedener Maßstäbe treten neben- und nacheinander an. Viele Modelle sind so, wie sie hier gezeigt werden, nicht käuflich zu erwerben. Sie sind in mühevoller Kleinarbeit entstanden und ähneln den Originalen bis ins Detail. Einige Modellbauer haben leistungsstarke Lautsprecher eingebaut, die den kleinen Panzern richtig Wumms verleihen. Andere Modelle schießen mit einem lauten Knall. Maik steuert eine der wenigen Nachbildungen eines amerikanischen Tanks – eines Sherman im Maßstab 1:16. Die Panzer waren im Zweiten Weltkrieg im Einsatz. Sonst erblickt man fast ausschließlich Modelle von Wehrmachts- und Bundeswehrpanzern. »Der mickrige Rauchgenerator ist ebenso rausgeflogen wie der Erbsenspucker«, erzählt der 42jährige begeistert. Das heißt im Klartext: Im Zustand ab Werk konnte der kleine Panzer etwas Rauch absondern und verschoss kleine Soft­air-Kugeln. Für Maik ergibt das aber nur Sinn bei großen Modellen.
Nachdem die kleinen Panzer eine Zeitlang einfach hin- und hergefahren sind, folgt im zweiten Teil die Vorführung einer gefechtsähnlichen Situation. Der Sprecher erklärt: Auf der anderen Flussseite habe sich der Gegner verschanzt. Ferngesteuerte Aufklärungspanzer rollen vor und sichten den Feind. Da auf einmal: Beschuss! Pyrotechnik explodiert, ein Kettenfahrzeug wird beschädigt. Sofort kommt ein Bergepanzer und hilft. Hier helfe die »dynamischen Panzerwaffe« nicht weiter, so der Sprecher. Eine Panzerhaubitze muss die Situation bereinigen. Sie deckt den Gegner mit Beschuss ein. Spähpanzer sichten, ob das Feld frei ist. Ja, der Einsatz der Panzerhaubitze hat den gewünschten Erfolg gebracht. Nun kann der ganze Konvoi vorrücken. Männer gehen hinter ihren Modellen her, die Fernbedienung in der Hand. Helfer legen schnell eine Brücke über den Flusslauf, denn das Modell des Brückenbaupanzers ist gerade defekt. Ende der Vorführung. Maik hatte währenddessen Pause. »Der Sherman spielt in diesem Szenario keine Rolle«, sagt er. Kurz durchatmen. Und los zum nächsten Programmpunkt.

»13.30 Uhr Vortrag: Dr. Roman Töppel, ›Kursk 1943 – die größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges?‹«
Der Saal ist übervoll. Viele Zuhörer müssen bereits stehen. Um 13.35 Uhr wird die Tür geschlossen. Roman Töppel will mit den Legenden rund um die Schlacht von Kursk aufräumen. Fachvorträge wie diese sind ein weiterer Bestandteil von »Stahl auf der Heide«. In drei Vorträgen widmen sich ausgewiesene Fachleute Themen rund um die Geschichte des Panzers. Um die Schlacht bei Kursk ranken sich viele Mythen. Sie gilt als eine weitere kriegsentscheidende Schlacht nach der von Stalingrad. Nach dem Zweiten Weltkrieg behaupteten viele Wehrmachtskommandeure, die desaströs verlaufene Schlacht sei eine Idee Hitlers gewesen. Dem war aber nach Töppels Ansicht nicht so. Die Idee zu der Offensive sei Generaloberst Rudolf Schmidt gekommen, Generalfeldmarschall Günther von Kluge sei wohl auch begeistert gewesen. Weiterhin sei nach dem Krieg kolportiert worden, die neuen deutschen Panzer seien »Mist«, der »Ferdinand« sei voller technischer Fehler gewesen, so Töppel. Er hat nach eigenen Angaben Belege dafür gefunden, dass der »Ferdinand« bei den deutschen Soldaten gut angekommen sei. So geht der Vortrag weiter. Insgesamt sechs Legenden widerlegt Töppel. In technokratisch-militärischem Jargon erläutert er die Schlacht. Die Waffen-SS beschreibt er als schlagkräftig und kampfstark. Allen späteren Anfeindungen von Wehrmachtsgenerälen zum Trotz sehe man das auch daran, dass Waffen-SS-General Paul Hausser das Eichenlaub verliehen worden sei, so Töppel.
In der rein militärhistorischen Betrachtung ist kein Platz für den Hinweis, dass Hausser bis zu seinem Tod an seinen nationalsozialistischen Idealen festhielt und seine Truppen an unzähligen Kriegsverbrechen beteiligt waren. Das »Unternehmen Zitadelle«, wie der deutsche Deckname für den Panzerangriff in der Nähe von Kursk lautete, wird in Begriffen wie »Vorstöße«, »Zangenbewegung« und »Einkreisung« sowie in nüchternen Zahlen behandelt. Eigentlich verwunderlich, dass Töppel nicht wenigstens kurz darauf verweist, dass die Schlacht Bestandteil des deutschen Vernichtungskriegs war. Schließlich war der Historiker auch als Herausgeber an der sehr gut aufgearbeiteten kritischen Edition von Hitlers »Mein Kampf« beteiligt. Bei »Stahl auf der Heide« wäre zu viel Politik aber auch fehl am Platz. Den Besuchern geht es nur um ihre Faszination für die Tötungsmaschinen.
Draußen machen sich derweil die Hobbykommandeure wieder daran, die Motoren zu starten. Ein junger Mann im Tarnanzug und mit dem T-Shirt-Aufdruck »Tiger – Legende aus Stahl« lässt sich im Bundeswehr-Truck ausführlich beraten. »Der Wille entscheidet« steht auf einem Werbeplakat für das »Kommando Spezialkräfte«. Andere Poster appellieren an die Abenteuerlust. Welcher kleine Junge spielt nicht gern Verstecken im Wald – mit Waffen? Vielleicht wäre eine Wehrpflichtigenarmee doch die bessere Variante. Sie wäre wohl heterogener. Bestünde eine Armee nur aus Besuchern dieser Veranstaltung, so gäbe es in ihr lediglich Technikfreaks, Thor-Steinar-Träger und ähnliche Gestalten. Zumindest trifft man diese Klientel im Bundeswehr-Truck. Um 16 Uhr lichten sich so langsam die Reihen. Die letzte »dynamische Vorführung« beginnt und man hat fast freie Platzwahl. Im Nieselregen ziehen die Besucher langsam ab. Es ist anzunehmen, dass sie zu »Stahl auf der Heide« 2017 wiederkommen. Auch im nächsten Jahr dürften wieder alle Karten verkauft werden.