Rob Zombie macht Torture Porn

In der Hölle der ewigen Wiederkunft

Es wird geschrien und geblutet: Pünktlich zu Halloween kommt Rob Zombies jüngster Film »31« ins Kino.

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Es war einmal ein Clown, der hörte auf den Namen Captain Spaulding. »Clown« – bei diesem Kerl schien das nicht wirklich eine Maskierung zu sein. Seine zivile Identität als Tankstellenbesitzer und Betreiber einer Freakshow hingegen schon. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, streifte Herr Spaulding diese Verkleidung ab und vergriff sich gemeinsam mit seiner völlig wahnsinnigen Hinterwäldlersippe an unschuldigen Bürgern. Als charismatischer Erzähler und wahnwitziges Zentrum einer abgründigen Faszination war es insbesondere dieser Clown, gespielt von Sid Haig, der Rob Zombies ersten beiden Langfilmen »House of 1 000 Corpses« (2003) und »The Devil’s Rejects« (2005) ein wiedererkennbares Gesicht verlieh und die Leidenschaft des Regisseurs und Rockmusikers für Psychopathen verdeutlichte.
In Zombies jüngstem Film »31« gibt es erneut einen Bösewicht, Doom-Head (Richard Brake), der allerdings schon im Prolog betont, sich vom gemeinen Clown zu unterscheiden. Genaugenommen grenzt er sich von allen Clowns ab. Clowns, das sind für ihn Durchschnittsmörder. Er hingegen ist fest davon überzeugt, etwas ganz Besonderes zu sein. Dass er anschließend einen gefesselten, zitternden Typen mit einer stumpfen Axt niedermacht, hat mit dem Gesagten zunächst einmal herzlich wenig zu tun. Besonders ist daran, zumindest für einen Rob-Zombie-Film und das am Horrorfilm geschulte Publikum, rein gar nichts. Was auf den Prolog folgt, ist die filmische Entsprechung einer Floskel.
Alles ist hier einfach gestrickt, mit bewährten Zutaten: Eine Gruppe von zotigen Amis kurvt in einem ach so absurd aufgemachten Wohnmobil durch die USA. Wohin, ist dabei nicht wichtig, es kommt ohnehin erstmal ein Halt an der Raststätte. Dort treffen sie einen sabbernden Alten und ein Mädchen, das nicht weniger sexuell aufdringlich daherkommt als die Gruppe selbst. Alle haben irgendwie ein Rad ab, sprechen Slang und verstehen sich dabei gut. Die Leute im Wohnmobil, sind das jetzt die Killer oder werden sie die Opfer sein? Dass es beide geben wird, steht irgendwie außer Frage. Übrigens spielt die Szene an Halloween 1976, das klärt eine Texteinblendung. Aber bald ist das auch egal, alles geht zack, zack: Vogel­scheuchen, Angriffe bei Nacht und plötzlich wechselt alles in das Setting eines Spiels. Aus der Gruppe verbleiben fünf, die zwölf Stunden gegen psychopathische Nobodies ums Überleben kämpfen.
Ob dabei jemand durchkommt, das interessiert nur die Aristokraten: eine Gruppe von drei im Barock-Look geschminkten Senioren (Malcolm McDowell, Judy Geeson und Jane Carr), die einmal im Jahr miteinander Geldwetten auf Leben und Tod zelebrieren. »Tod und Spiele« sozu­sagen. Das ist seit der »Saw«-­Reihe nicht eben die frischeste Idee. Zombie arbeitet gegen Durchge­kautes an und beschränkt Spannung, Schauspiel, Dialoge, Drastik, Dynamik und Montage auf ein fades Minimum. Alle reden ständig davon, wie schrecklich doch alles ist – auf immerhin vier Sprachen. Und doch scheinen die Unterhaltungen, ebenso wie das ­Gesehene, austauschbar und ­redundant zu sein: Ich ficke dich, ich töte dich usw. Eine Nummernrevue stereotyper Räume und Settings, die in ­ihrer selbzweckhaften und anonymen Aneinanderreihung dem Pornofilm ähnelt. »31« liefert »Torture Porn«, im wahrsten Sinne des Wortes: einen unverbindlichen Guckkasten für ­Gewaltphantasien. Es ist egal, wer hier welche Biographie hat, die Hauptsache ist das Spektakel. Dazu passt, dass die Figuren bald nur noch über Zahlen an ihren Handgelenken angesprochen werden. »Du und ich, wir sind gleich«, jammert ein Killer, als er seinen Mordauftrag versemmelt hat und von den schlagfertigen ­Gefangenen überwältigt wird. Für Diskussionen ist aber keine Zeit.
Wenn nicht geredet wird, wird zumeist geschrien. Nicht nur die Ge­jagten schreien, auch die Jäger. Sie schreien heraus, wie furchtbar und wahnsinnig sie doch alle sind. Schon von weitem, wenn ein Mörder sich den bibbernden, kampfbereiten Opfern nähert, schallt es immer wieder: Ich ficke dich, ich töte dich. Dieses Prinzip des Misstrauens gegenüber der eigenen Inszenierung kennt man aus dem Hollywood-Kino: Man nehme einen Dialog und erkläre darin ein Gefühl, filme eine Großaufnahme und lege eine passende Musik darüber. Fertig ist eine Eindimensionalität, die vorgibt, Substanz zu haben.
Zombie scheint zu wissen, dass es bei seinem in 20 Tagen hastig abgedrehten Film nicht mit rechten Dingen zugeht. Seine Figuren werden angetrieben durch die Hoffnung auf Schockmomente. Und vielleicht ist das viele Gerede ja sogar aus Versehen interessant. Auf body horror folgt insult horror? Wenn visuell keine Tabus mehr zu brechen sind, vergeht sich Zombie eben an der Sprache. Er weidet sie aus und entleert sie.
Das Spielchen fühlt sich in der Tat an, als dauere es zwölf Stunden. Als der Abpfiff ertönt und alles ausgestanden ist, gibt es einen hölzernen Showdown, die Perücken werden ­abgelegt und die Snobs legen sich wieder den Alltagsschmuck an. Alle kehren zurück in ihre überbezahlten Berufe. Durchatmen! Oder doch nicht? Bei »31« geht sich das Fußvolk auch ohne die Reichen weiter an die Gurgel. Sowas! Machtspielchen machen die Menschen also zu Furien, die ihren Verstand im Hass aufeinander verlieren, statt die ­eigentlichen Machthaber anzugreifen. Das mag sein, kann man aber eleganter und weniger selbstverliebt sagen. Ein Alibi ist dieses Ende, unverbindlich und lieblos angeheftet an zwei Stunden selbstgerechter und zielloser Misogynie.
Nachdem Zombie John Carpenters »Halloween« (1978) 2007 neu verfilmt hatte, ist es ruhiger um ihn geworden. Offensichtlich liebt er die Unerbittlichkeit im Horrorkino der siebziger Jahre, das wurde schon in seinem Debüt deutlich. Seine Suche nach einem eigenen Profil scheint bisher jedoch von mäßigem Erfolg gekrönt zu sein. Zombies Filmbudgets und Einspielergebnisse werden kleiner, seit er für den subtileren »The Lords of Salem« (2012) gemischte Reaktionen erntete. »31« scheint ein Versuch zu sein, Erwartungen zu erfüllen. Der Film liefert jedoch ­weder Unerbittlichkeit noch wird hier irgendetwas ernsthaft verhandelt. Platitüden zitieren einen angeblichen Klassenkampf herbei. Das Aristokratische, das hier als Feindbild ­inszeniert wird, funktioniert nicht als Modell von Macht, wenn sämtliche Figuren maskenhaft und ohne glaubhafte Psychologie daherkommen. Und die eklatante Armut ist in »31« keine soziale, sondern eine gestalte­rische, die die Figuren erst geschaffen hat. Der Film förmlich einen Mangel an Mitteln im Bild und in der Sprache, eine Arte Povera, aber ohne Selbstbewusstsein.
Wenn der Oberschurke Doom-Head sich gegen die Clowns ausspricht, dann will er sich emanzipieren von seiner Rolle als Rädchen im System eines redundanten Spiels. Zumindest das. Einmal, wenn er sich für den Metzelzirkus in Rage versetzt, schreit er: »I’m not crazy, I’m in control.« Insbesondere der Horrorfilm formuliert nach wie vor die Forderung, das Dargestellte nicht hinzunehmen und die Strategien filmischer Konstruktion zu durchschauen. Wie sich das Genre ausgehend von Traumata und Ängsten der Gegenwartskultur ständig weiterentwickelt und legitimiert, immer neu durch soziale Fassaden oder gesellschaftspolitische Kont­roversen schneidet, bleibt bemerkenswert. In den Siebzigern wagten es Horrorvisionen wie »The Texas Chainsaw Massacre« (1974), den Vietnam-Krieg zu verarbeiten. Zurzeit liefert bereits ein Blick auf den US-Wahlkampf Stoff für heftigste Reaktionen. Wie der Körperhorror abstößt, um zur souveränen Distanzierung einzuladen, das bleibt einzigartig. Zombie ist in seiner Emanzipation als Filmemacher weit fortgeschritten, vielleicht ist er abgebrüht, verspielt oder etwas gelangweilt. Vom Musikvideo über die Hommage ist er nun zum Versuch des Originellen gelangt und will sich vom Vorgegebenen ablösen. Der ganze Film kommt einem mit seiner maskenhaften Gleichgültigkeit fast aristokratisch vor. Vielleicht ist sein manierierter Purismus sogar reaktionär.

31 (USA 2016). Regie: Rob Zombie. Darsteller: Sheri Moon Zombie, Malcolm McDowell, Elizabeth Daily. Filmstart: 27. Oktober