Warum ich keine Nostalgie-Konzerte brauche

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»Ich geh heute abend zu The Cure«, meinte meine Freundin neulich. Ein Bekann ter eines Freundes hatte ihr überraschend eine Karte besorgt. Voller Vorfreude tanzte sie in der Wohnung rum, klickte sich bei Youtube durch Videos der Band und versuchte, noch schnell ein paar Texte auswendig zu lernen. Ihre Freundin wollte auch mitkommen, bekam aber keine Karte mehr. »Kommt Andi denn gar nicht mit?« fragte sie erstaunt. »Wieso nicht?« Als wäre das nicht völlig klar. Das Konzert in der Mercedes-Benz-Arena war dann aber wohl sehr schön »Die haben fast drei Stunden gespielt«, sagte meine Freundin begeistert. Als könnte mich das überzeugen. Drei Stunden Konzert klingt in meinen Ohren wie zwei Stunden zu lang. Ich mag kurze Konzerte in kleinen Räumen mit überschaubarem Publikum. Ich mag Verbindlichkeit und bin zu eitel, um als Kopf in der Masse zu verschwinden. Ich bin einfach kein guter Kunde. Und obwohl ich so ein Retro-Heini bin, kann ich Nostalgie­konzerte nicht leiden. Vielleicht ­gerade weil ich so ein Retro-Heini bin. Echte Nostalgie kommt bei mir für eine Zeit auf, die ich gar nicht erlebt habe. Ich will den fetten Robert und seine fetten Fans nicht sehen.
Durch Zufall hatte ich The Cure schon einmal 2005 in Istanbul gesehen. Da war es schon doof. Klar, ich kannte jeden einzelnen Song, aber ich muss auch einfach keinen je wieder hören. Selbstverständlich empfanden das Tausende Türken, die The Cure nie vorher sehen konnten, ganz anders. Für die war’s riesig.
Am schönsten sind sowieso die Konzerte, die man verpasst hat. An die erinnert man sich ein Leben lang. Als die Polecats 1981 im Onkel Pö in Hamburg spielten, ging ich nicht hin, weil wir am nächsten Tag eine Klassenarbeit schrieben. Als hätte das Nichthingehen meiner Schulkarriere ­genützt. 1986 verpasste ich die ­Descendents und Dag Nasty am Tag, als ich in Miami ankam. 1990 spielten Nirvana in der Fabrik vor 50 Leuten – gegenüber von meinem WG-Zimmer in der Barnerstraße. Obwohl ich als Anwohner freien Eintritt hatte, ging ich nicht hin, weil ich den Retro-Siebziger-Jahre-Gitarrensound von Nirvana langweilig fand. Und in 20 Jahren werde ich sagen: »Ach, The Cure 2016 in der Mercedes-Benz-Arena! Hätte ich sehen können. Wäre sogar umsonst reingekommen. Aber ich war lieber Lindy-Hop tanzen.«