Für immer Punk! Verwirrte Weihnachten!

Das Gift wirkt noch immer

Wie der Punk vor 40 Jahren in die Provinz kam und einen Teenager durcheinanderbrachte.

Von Uli Krug
Anzeige

Schuld an diesem Text ist ein kurzer Videoclip aus der ZDF-Mediathek, der einen Ausschnitt aus der Adventsausgabe 1976 des Kulturmagazins »Aspekte« zeigt. Darin kündigt eine ernste Moderatorin, von Habitus und Kleidung her ein Prototyp der seinerzeitigen kritischen Intellektuellen mit GEW-Hintergrund, einen Bericht über ein unerhörtes, neuartiges Phänomen an: Punkrock.
Der hatte in den USA, aber vor allem in Großbritannien in diesem Jahr mächtig Wellen geschlagen, war in Deutschland aber bis dato nahezu unbekannt geblieben. Soweit es die ostbayerische Provinzstadt betraf, in der ich damals das nicht immer reine Vergnügen hatte, meine Hochpubertät zu erleben, konnte man das »nahezu« auch getrost streichen; eine Provinzstadt übrigens, deren pittoresker Renaissancekern ästhetisch wie sozial scharf kontrastierte mit den zwei größten Stahlwerken Bayerns, die sich am westlichen Stadtrand erstreckten.
Als Pubertierender hatte ich genau diese Sendung vor 40 Jahren bereits gesehen, selbstverständlich auf einem Schwarzweiß-Röhrenfernseher, der sowohl »Made in Germany« war als auch locker einen Zentner gewogen haben mochte. Das unverhoffte Wiedersehen im Winter 2016 reaktualisierte sofort und unmittelbar das Gefühl der Verwirrung, die der Beitrag damals bei mir ausgelöst hatte. Denn er brachte zu Weihnachten 1976 die Parameter meiner neuen Welt durcheinander, derer ich mich gerade erst zu versichern begann. Will sagen, dass ich in einer Phase war, in der mein Kindheitsheld Robin Hood zu Che Guevara mutierte und »Ivanhoe« von der preisgünstigen Ausgabe des »Kommunistischen Manifests« aus dem Pekinger Verlag für fremdsprachige Literatur ersetzt wurde. Dass das »Störtebeker«-Hörspiel längst seinen Platz auf dem Plattenteller geräumt hatte, zunächst für T. Rex, Slade und Sweet, dann für Deep Purple, Pink Floyd und Black Sabbath, verstand sich von selbst. Ich hatte beschlossen, möglichst schnell heranzuwachsen, um das zu werden, wovon meine Tagträume voll waren: ein richtiger Rebell mit Marx im und Matte auf dem Kopf.
Genau deshalb spitzte ich die Ohren ganz besonders, als die »Aspekte«-Moderatorin mit der überdimensionierten Brille sagte: »Ein Punk, das ist einer, der auf der Straße zu Hause ist, diesen Zustand aber nicht akzeptiert, sondern dagegen rebelliert. Punkrock scheint eine Bewegung zu werden, noch einmal der Versuch zu einer neuen Jugendkultur, die ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse – und gerade in England ist dieses Klassenbewusstsein stark ausgeprägt – deutlich betont.« Und dann kam das Verwirrende, der Beitrag aus England, der mit den Pub-Rockern von Dr. Feelgood begann. Kurze Haare und ebenso kurze Stücke – was war das? Gleich darauf: Eddie & The Hot Rods covern »Gloria« von Them, einen Sixties-Hit, den ich aus dem nachmittäglichen Radio kannte, ein Stück, wie mir schien, aus der grauen Vorzeit der Revolution, also der Zeit vor ’68, Woodstock und der Explosion von Haarlänge, Hemdkragen, Herrenabsätzen und Hosenschlägen. Und so ging es weiter: The Damned, die mir vorkamen wie die frühen Beatles, nur auf mindestens 78 Umdrehungen abgespielt, und natürlich Johnny Rotten, der schlankweg alles, was gerade erst revolutionär in mein Leben gebrochen war, als Attitüde des Establishments herabwürdigte und zugleich, wütend zischend, die Zukunft der Arbeiterklasse für beendet erklärte.
Wie sollte das zusammengehen? Diese geile Musik, krass wie nichts anderes, das ich bislang kannte (wenn man vielleicht von Queens »Sheer Heart Attack« absah), und dieser zwar leicht verrottete, aber mir eindeutig als altmodisch erscheinende Style? Dieser ehrliche, wütende Nihilismus, der mich mitriss, und die zart keimenden Blüten einer revolutionären Welterklärung, mit der ich neuerdings ältliche, antikommunistische Studienräte aus der Fassung brachte? Ich wusste es nicht.
Aber das Gift wirkte: Das Taschengeld floss in englische Importscheiben, die der örtliche Kaufhof auf wundersame Weise herbeischaffte. Ich schloss fast so etwas wie Freundschaft mit einem stillen, ordentlich gescheitelten Jungen – ausgerechnet aus der Junge-Union-Clique –, der diesen ganzen Kram hortete, den man Anfang 1977 irreführend als New Wave bezeichnete: Wreckless Eric, The Motors, Nick Lowe, aber auch Dead Boys, The Saints und die erste Ultravox-LP (die mit den Machwerken der späteren Band gleichen Namens etwa so viel zu tun hatte wie Chilibohnen mit Haferschleim).
Die Verwirrung wuchs und wuchs: Wer war ich und was wollte ich sein? An die Frage spießiger Verwandter und griesgrämiger Nachbarn, ob ich wegen der langen Haare ein Mädchen sei, hatte ich mich schon gewöhnt und sie mit den ersten zarten Banden, die ich eben zu Mädchen schloss, auch für mich soweit beantwortet. Aber die drängendere Frage, was ein Rebell ist, war plötzlich offen: Mir gefiel es plötzlich, Diskussionen über Konsumverzicht und Spiritualität, die eine stets Batik und Selbstgestricktes tragende Mitschülerin aufbrachte (der ich ansonsten durchaus zugetan war), durch ostentativen Konsum von Dosenbier zu konterkarieren; aber war das nicht dumpf und geistlos? Wie konnte man die Ramones klasse finden, die schon auf dem Plattencover mit abgeschmackten Witzen ankündigten, Raketen auf das Land der Oktoberrevolution abfeuern zu wollen? Und Proleten, denen West Ham United wichtiger war, als sich in kommunistischen Parteien zu organisieren, konnte man das hinnehmen?
Das wurde mir bald zu viel der Wirrnis: Schweren Herzens machte ich mir schließlich die Ansichten älterer Genossen zu eigen, die in etwa in die Richtung gingen, dass es sich bei Punk um fehlgeleiteten Protest handele, der mindestens der spätbürgerlichen Dekadenz auf den Leim gehe, wenn er nicht gleich den Faschismus propagiere. Ich ließ mir die gerade erst rappelkurz geschnittenen Haare im Eiltempo wieder wachsen, warf die erste Damned-LP (ja, Mist, es war die originale Stiff-Records-Pressung) demonstrativ weg und begann, zwecks Agitation ökologisierter Bürger Besorgnis wegen Atomkraft und Weltfrieden zu heucheln, obwohl ich mich eigentlich nicht so sehr für den Fortbestand der Welt, wie sie war, interessierte, sondern eher dafür, wie eine möglichst umfassende Revolution, die bis in alle Poren des Alltags dringen sollte, ins Werk zu setzen sei.
Jahre später machte ich dann doch noch meinen Frieden mit dem Punk der ersten Stunde. Das war in den Achtzigern, als Punk längst musikalisch wie textlich eingedeutscht war und im wahrsten Sinne des Wortes tote Hose herrschte. Vom grassierenden Synthiepop aus dem Jahrzehnt rausgeekelt, in dem ich lebte, begann ich mich mit britischer Jugendkultur jenseits der kontinentalen ’68-Mythologie zu beschäftigen. Ich ließ mich vom Modernismus der Mods überwältigen und streifte fortan musikalisch durch eine hybridkonservative Mischwelt aus Miles Davis, Madness, Bob Dylan, Motörhead, Progrock und The Jam.
Damals begann ich zu begreifen, was mir 1976 noch Rätsel aufgegeben hatte, nämlich dass Punk der letzte Wutschrei der englischen Arbeiterklasse war, bevor sie zusammen mit den Stahlwerken, Kohlengruben und Autofabriken stillgelegt wurde. Eines vor allem aber habe ich daraus gelernt, was mir jetzt, 40 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Punk, wichtiger denn je erscheint. Und das ist: die Ohren nicht gleich zu verschließen, wenn die Abgehängten aus den beiden Ursprungsländern des Punkrock sich wieder zu Wort melden sollten – und erscheine dabei manches ebenso hässlich, wie es Punk damals auch war. In diesem Sinne: Verwirrte Weihnachten!