Selbsthilfeprojekte von Roma in Ungarn

Mehr als Fußball

Im ungarischen Dorf Kálló arbeiten Roma und Nichtroma recht gut zusammen, doch immer noch sind Roma in vielen Bereichen benachteiligt. Unterstützung erhalten sie seit rund fünf Jahren von einem Leipziger Verein.

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István Diviák steht auf dem Fußballplatz und lacht. Der Präsident des FC Kálló, des Fußballvereins im gleichnamigen ungarischen Dorf, zeigt seinen Gästen aus Deutschland, was sich seit ihrem letzten Besuch hier verändert hat: Ein Geländer umsäumt ordentlich den Platz, lange Pfosten hinter den Toren könnten zumindest theoretisch ein Netz halten, das hohe Bälle abfängt, es gibt Sitzgelegenheiten für die Zuschauer und überdachte Bänke für die Mannschaften. Die Netze in den Toren haben definitiv schon bessere Tage gesehen und die Maulwurfshügel muss man vor jedem Spiel platt treten, aber es geht aufwärts mit dem Verein, und das ist zu einem großen Teil Diviáks Verdienst. Er ist nicht nur Herz und Seele des Dorfclubs, sondern auch Vereinspräsident, Trainer der Herrenmannschaft und Platzwart in Personalunion. Doch er hatte auch Hilfe, denn seit rund fünf Jahren engagieren sich Mitglieder des Vereins »Leipzig Korrektiv« für die Roma im rund 60 Kilometer nördlich von Budapest gelegenen Kálló – davon hat auch der Verein profitiert, in dem Roma und Nichtroma gemeinsam spielen.

Richard Gauch ist einer der Mitglieder von »Leipzig Korrektiv«, die die Roma im Dorf unterstützen. Nachdem er während eines Ungarn-Urlaubs mehrfach Zeuge von Diskriminierung gegen Roma wurde, wollte der Frührentner selbst helfen. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern von »Leipzig Korrektiv« informierte er sich über die Lage der Roma, sprach mit Aktivisten, lernte Hilfs­projekte kennen und schaute sich nach einem geeigneten Partner um. »Uns war selbst klar, wir können nicht vor Ort helfen, sondern nur Helfer unterstützen. Das war schon immer unser Ziel«, sagt Gauch. Es sei um Hilfe zur Selbsthilfe gegangen, beziehungsweise darum, eine Organisation zu finden, »die diese Aufgabe übernimmt«.

So lernten Gauch und seine Mitstreiter auch Aladár Horváth kennen, der sich in vielen Organisationen für Roma engagiert hat und derzeit Vorsitzender der NGO Ungarisches Roma-Parlament ist. Er war es, der die Leipziger auf das Projekt in Kálló aufmerksam machte und sie den Menschen dort vorstellte: István Diviák und dem Vorsitzenden der Roma-Selbstverwaltung in Kálló, István Makó. Die beiden hatten damals bereits ein Selbsthilfeprojekt in Gang gebracht, das Roma unter anderem dabei unterstützte, in ihren Gärten ­Gemüse anzubauen oder ihren Schulabschluss (in Ungarn regulär nach der achten Klasse) nachzuholen. Doch die Finanzierung des Projekts drohte daran zu scheitern, dass einige Roma den ­Eigenanteil für die Förderung nicht aufbringen konnten. Der Leipziger Verein sammelte dafür zu Hause Geld – mit Erfolg.

»Wir waren natürlich neugierig, wie es weitergeht. Und so sind wir immer wieder nach Kálló gefahren, haben dort die Roma gefragt, wo sie Hilfe brauchen. Das haben die uns dann auch gesagt, und so haben wir denen dann ­geholfen – zum Beispiel auch beim Fußballverein«, erinnert sich Gauch. »Wichtig war immer: zuhören, welche Sorgen sie haben, und dann fragen, ob sie Hilfe möchten.« Das ist auch heute noch so. Kurz vor der Besichtigung des Fußballplatzes saßen alle Anwesenden noch in Diviáks Küche zusammen, um zu besprechen, was ansteht. Immer wieder hat Gauch nachgefragt, was genau nun benötigt werde, welche Größe etwa die Trikots für die Jugendmannschaft haben sollten, die die Leipziger beschaffen wollen.

Fußball schlägt Subsistenzwirtschaft
Heute haben die Leipziger ein besonderes Hilfspaket mitgebracht. Unter den Fans der Fußballvereine BSG Chemie und Roter Stern Leipzig haben sie 4 000 Euro für den FC Kálló gesammelt. Das Geld ist für ein neues Vereinsheim gedacht, mit Umkleidekabinen, Duschen und Toiletten. Das ist für den Verein auch deshalb wichtig, weil im Falle ­eines Aufstiegs in die nächsthöhere Liga vernünftige Umkleiden vorgeschrieben sind. In anderen Fällen sei das Spendensammeln wesentlich schwieriger, erzählt Gauch, etwa für die Fortsetzung des Gartenprojektes. »Für alles kriegst du Geld, aber nicht für Samen«, seufzt er. Fußball schlägt Subsistenzwirtschaft – zumindest was die Spendenbereitschaft der Leipziger angeht.

Aber ist der Dorffußball wirklich so wichtig, dass man sich nun aus Deutschland darum kümmern müsste? Schließlich haben die Roma in Kálló ­genug andere Sorgen: In ganz Ungarn sind antiziganistische Ressentiments weit verbreitet, Roma werden im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Die Folgen sind Arbeits- und Perspektivlosigkeit und ­Armut. Aber eines der größten Probleme der Roma in Ungarn ist die schleichende Segregation. Hier kommt wieder der FC Kálló ins Spiel: Einen Dorfverein, in dem Roma und Nichtroma gemeinsam Fußball spielen und in dem der Präsident ein Rom ist, das gibt es in Ungarn selten.

István Makó ist sich daher sicher, dass der Club viel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Dorf getan hat. »Es kommen nicht nur die Roma, sondern auch viele ­Ungarn zu den Spielen des Vereins. Sie schauen gemeinsam das Spiel an und unterhalten sich miteinander – und sie freuen sich gemeinsam, wenn wir ein Tor schießen und die Mannschaft ­erfolgreich ist«, sagt er. »Der Fußball schafft eine Gemeinsamkeit, durch die eine Beziehung zwischen den Roma und den Nichtroma entstanden ist.« Früher, so erzählt Makó, hätten sich Roma und Nichtroma noch nicht einmal auf der Straße gegrüßt – in einem Dorf mit nur 1 500 Einwohnern ein ­Unding.

Auch Aladár Horváth hält die Vereinsförderung aus Deutschland keinesfalls für überflüssig: »Durch die Hilfe für die Fußballmannschaft gibt es nun eine Möglichkeit, dass die Roma wenigstens im Bereich des Sports einen Erfolg ­vorweisen können. Dadurch sind die Roma der Motor der gesellschaftlichen Kohäsion vor Ort geworden. Und es hat im Dorf den Frieden gestärkt.« Er selbst und das Roma-Parlament unterstützen die Bemühungen in Kálló kontinuierlich. »Die Unterstützung und unsere Präsenz haben verhindert, dass die Menschen Opfer einer kollektiven Psychose werden, dass diese geisteskranke Konfliktmasse entsteht, die für dieses Land so typisch ist: nämlich dass gesellschaftliche Konflikte so betrachtet werden, dass die Frontlinie zwischen den Roma und den Nichtroma verläuft.«

Gemeinsam Lösungen finden
Direkt neben dem Fußballplatz steht der Rohbau eines typisch ungarischen Einfamilienhauses, der ohne Umweg über die Fertigstellung wieder zur ­Ruine geworden ist. Inzwischen wachsen haufenweise Bäume in dem Gebäude, das offenbar seit Jahren keiner mehr betreten hat. Ein handgeschrie­benes Schild an der Fassade verkündet, dass der Bau zum Verkauf steht. Diviák hat dafür große Pläne: In naher Zukunft soll daraus das Vereinsheim des FC Kálló werden. Mit den Spenden aus Leipzig will er den Rohbau erwerben und weitestgehend in Eigenleistung sanieren. Doch dazu braucht er die ­Unterstützung des Dorfbürgermeisters Buda Baboss. Diesen treffen wir im einzigen Gasthaus am Ort, einem wunderschönen, weiß getünchten alten Bauernhof mit geschnitzten Holzverzierungen am Dach. Die Wirtschaft wird von Baboss’ Mutter betrieben. Der smarte 31jährige wurde 2014 auch mit den Stimmen der Roma gewählt – obwohl er der nationalkonservativen Partei Fidesz von Ministerpräsident Viktor Orbán angehört. Denn anders als sein Amtsvorgänger unterstützt Baboss den Verein und hat versprochen, auch etwas für die Roma zu tun. Er habe bislang Wort gehalten, erzählen Diviák und Makó. Immer wieder versucht Baboss, sich dem Gemeinderat gegenüber für den Verein einzusetzen. Und wenn Not am Mann ist, spendet er auch einmal eine Tankfüllung aus eigener Tasche, damit die Mannschaft zum Auswärtsspiel fahren kann.

Auch die Renovierung des Fußballplatzes wäre ohne ihn nicht möglich gewesen – sie ist von Arbeitskräften der kommunalen közmunka durchgeführt worden, eines umstrittenen Arbeitsbeschaffungsprogramms der Regierung Orbán. Damit können die lokalen Behörden Sozialhilfeempfänger für eine Zuzahlung von 70 Euro im Monat zur Arbeit verpflichten. Wer sich weigert, dem kann die Sozialhilfe ganz gestrichen werden, weshalb Kritiker das ­Programm als »Zwangsarbeit« bezeichnen. Welche Arbeiten genau zu erledigen sind, legen die lokalen Behörden fest, und es gibt zahllose Berichte da­rüber, wie die közmunka dazu benutzt wurde, um Roma zu schikanieren. In Kálló sei das anders. »Wir fegen hier nicht acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche Blätter von da nach dort, sondern wir schaffen mit dieser Arbeit Werte«, betont Baboss und zählt gleich weitere közmunka-Projekte auf: Gemüseanbau für die Kantine des Kindergartens, Herstellung von Lehmziegeln, Kurse im Korbflechten und zum Umgang mit Heilkräutern.

Beim gemeinsamen Mittagessen werden die verschiedenen Lösungen fürs Vereinsheim diskutiert. Mit am Tisch sitzen neben Vereinspräsident Diviák und Bürgermeister Baboss auch dessen Bruder Bence Baboss, der im Gemeinderat sitzt, István Makó, Aladár Horváth und der Besuch von »Leipzig Korrektiv«. Vorneweg gibt es Lavendelschnaps auf gutes Gelingen, danach Paprikaente, Nudeln und Salat. Das Essen ist köstlich, die Diskussion dagegen durchaus kontrovers: Der Bürgermeister ist von Diviáks Idee nicht wirklich überzeugt, er findet sie zu kostspielig und favorisiert eine deutlich billigere Containerlösung. Denn Kálló ist keine reiche ­Gemeinde, der finanzielle Rahmen für solche Projekte ist dementsprechend knapp. Doch das Gespräch ist respektvoll im Ton und von dem Gedanken ­getragen, dass man hier gemeinsam etwas für das Dorf erreichen will – auch das ist in Ungarn nicht selbstverständlich.

»Es geht inzwischen so weit, dass sich selbst der Bürgermeister freut, wenn man gemeinsame Treffen hat«, sagt ­Richard Gauch nach dem Gespräch. »Man redet miteinander, man versucht, Probleme anzusprechen, Lösungen zu finden, und das ist eine gute Sache. Völlig anders als in vielen, vielen anderen Dörfern, die ich kennengelernt habe: Hier redet man, woanders wird nur noch Hass gepredigt und einfach nur noch gegeneinander gearbeitet.« Ein kleines bisschen, glaubt er, sei das auch dem Engagement von »Leipzig Korrektiv« geschuldet, schließlich hat die Unterstützung des Vereins dazu beigetragen, dass es immer wieder ­Projekte zu besprechen gibt. Auch Horváth glaubt, dass das Engagement der Leipziger »ein bisschen zum Funktionieren der lokalen Bürgerrechtsbewegung beigetragen hat und den Roma vermittelt, dass sie nicht alleine sind«.

Ein schlammiger Weg
Doch bei einem Rundgang durch das Roma-Viertel von Kálló wird sehr schnell deutlich, dass die Wirkung solchen Engagements sehr begrenzt ist. Zwar wohnen Roma überall im Dorf verteilt, doch auch hier gibt es einen Teil des Dorfes, in dem ausschließlich Roma leben. Hier endet die asphaltierte Straße und wird zu einer Lehmpiste, die sich bei Regen in Schlamm verwandelt. Die Häuser, die hier stehen, sind dringend sanierungsbedürftig, ­einige Dächer sind eingesunken oder mit Planen notdürftig geflickt. Ein Haus steht derart schief, dass man unwillkürlich einen Bogen darum macht, aus Angst, die Fassade könnte jederzeit auf die Straße kippen. Bewohnt ist es trotzdem.

Von den Häusern führen gewagte Kabelkonstruktionen zur Oberleitung – so versorgen sich viele der Roma mit Strom. Fließendes Wasser gibt es hier nicht. Viel verändert hat sich hier nicht seit unserem letzten Besuch. Es liegt etwas weniger Müll herum als früher und eine Überwachungskamera ist von einem hohen Mast aus auf die Siedlung gerichtet. Sie ist eine von vielen, die in letzter Zeit im ganzen Dorf installiert wurden. »Für die Sicherheit«, kommentiert Makó lächelnd und zuckt die Schultern. Ein paar Jungen spielen auf der Straße Fußball und staunen über die Gruppe von Besucherinnen und Besuchern, die sich interessiert umsieht und Fotos macht.

Auf dem Weg durch das Dorf erklärt Makó, was er für das größte Problem der Roma in Kálló hält: Die mangelnde Bildung – und dabei meint er noch nicht einmal formale Bildungsabschlüsse, sondern vielmehr eine generelle Vorstellung davon, wie ein geregeltes Leben aussehen könnte. Denn viele Roma in Kálló bekommen schon im Teenageralter Kinder. 14jährige Eltern seien hier keine Seltenheit, erzählt Makó. »Ein 14jähriger ist aber selbst noch ein Kind. Wie soll der oder die ein Kind so erziehen, wie sich das gehört?« fragt Makó. »Ich wünsche mir hier jemanden mit Vorbildfunktion, der nicht nur den Kindern, sondern auch den teils sehr jungen ­Eltern erklärt, was Familie ist und wie man sich anständig um seine Kinder kümmert.« Derzeit machen Roma rund die Hälfte der Dorfbevölkerung aus, in den Schulen und Kindergärten liegt der Roma-Anteil bei über 80 Prozent.

Beim Rundgang wird Makó von einer älteren Frau angesprochen, die gerade an einer öffentlichen Pumpe Wasser holt. Sie beklagt sich über den Zustand der Straße – nicht zum ersten Mal. »Egal ob Winter oder Sommer muss ich hier Wasser holen. Aber wenn es schlammig ist, komme ich nicht einmal in Gummistiefeln durch – nur, weil die nicht in der Lage sind, diese Straße zu machen«, beschwert sie sich. Woanders im Dorf seien hingegen selbst die Gehwege neu gemacht worden. »Hierher können weder ein Krankenwagen noch ein Arzt noch die Post noch irgendwer kommen«, schimpft die Frau. Vier ihrer Enkel lebten bei ihr, sagt sie, deshalb müsse sie jeden zweiten Tag waschen – in einem Bottich, denn ohne Wasser­anschluss funktioniert keine Waschmaschine. Das macht eine Menge ­Arbeit und bedeutet, dass die alte Dame viele Wassereimer die kurze Anhöhe hinauf bis zu ihrem Haus schleppen muss. Was sie sich wünscht, sei eine ­ordentliche Straße vor dem Haus und einen Wasseranschluss im Haus – keine allzu hohen Ansprüche, findet auch Makó: »Wir sind ja schließlich im 21. Jahrhundert.«

Überhaupt wünscht sich Makó auch über den Fußball hinaus eine bessere Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung – gerade wenn es um die Verteilung der kommunalen Hilfen an Roma geht, wäre er gern stärker eingebunden. Als Vorsitzender der Minderheitenselbstverwaltung kennt er seine Leute und weiß genau, welche Familie tatsächlich Hilfe braucht und wer ganz gut zurecht kommt. »Aber ich wurde noch nie gefragt«, klagt er. Horváth, der das Gespräch mit der alten Frau mit­angehört hat, fügt hinzu: »Ich hoffe, demnächst ist hier nicht nur vom Fußballplatz die Rede.«