Das neue Konzeptalbum der Klangkünstlerin Kaitlyn Aurelia Smith

Gang der Dinge, Klang der Dinge

Auf ihrem Konzeptalbum »The Kid« begleitet die in Los Angeles lebende Klangkünstlerin Kaitlyn Aurelia Smith das Aufwachsen eines Kindes.

Eine Prozession führt ins Nirgendwo, sinkt in sich zusammen und weicht der Finsternis eines metallischen Murmelns. Schwankend dringt das lichte Schimmern der anfänglichen ätherischen Klänge wieder durch die kratzigen Rhythmen, Anleihen fernöstlicher Harmonik erobern die Räume dazwischen. Einwürfe von Chorälen verklingen so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Das Stück entstammt dem ersten Teil des Konzeptalbums »The Kid« von Kaitlyn Aurelia Smith. Es ist bereits das fünfte Album der Synthesizerkomponistin, Produzentin und Musikerin, das auf dem texanischen Independent Label Western Vinyl erschienen ist. Zwischen abstrakter Erzählung und Klangfarbenspiel vertont Smith die Schwellenmomente des Lebens. Die ersten Stücke zeichnen das psychoakustische Bild eines Neugeborenen, der in die Reizflut der ihm fremden Welt geworfen wurde. Schnelle, radikale Brüche und starke Kontraste, Dichte und Durcheinander kennzeichnen diesen Anfangsteil.

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Die Entdeckung des intuitiven Moments zwischen Kabeln und Schiebereglern

Vor kurzem ist Smith 30 Jahre alt geworden. Sie lebt in Los Angeles, wuchs jedoch auf Orcas Island auf, am nordwestlichen Zipfel des Staates Washington. Am Berklee College of Music in Boston belegte sie Komposition und Tontechnik, studierte Gesang, klassische Gitarre und Klavier. Eine Zeitlang spielte sie orchestralen Folkrock mit der Band Ever Isles. Als sie nach dem Abschluss nach Orcas Island zurückkehrte, entdeckte sie den modularen Synthesizer für sich. Ein Nachbar, dem sie beim Aufbau seines Studios half, borgte ihr für ein Jahr seinen Buchla-Synthesizer. Anfangs wollte Smith damit lediglich Gesang und Gitarre bearbeiten. Dann aber wurde sie neugierig und begann, mit den Oszillatoren, den elektronischen Schwingungserzeugern, deren Signale von einem Verstärker hörbar gemacht werden, zu spielen. Zwischen all den Kabeln und Schiebereglern entdeckte sie das intuitive Moment und verliebte sich.

»Am liebsten gehe ich an Stücke auf dem modularen Synthesizer heran, indem ich mir vorstelle, dass ich Dirigentin bin«, Kaitlyn Aurelia Smith

Der Synthesizer-Pionier Don Buchla, der Anfang der sechziger Jahre sein erstes Modularsystem entwickelte, gab seinem Instrument keine Klaviatur. Er wollte vermeiden, dass es auf gewohnte Weise gespielt wird, und so um neue Spielweisen und innovative Klänge fördern.

Smith kombiniert den intuitiven Zugang mit klassischen Methoden der Komposition. »Am liebsten gehe ich an Stücke auf dem modularen Synthesizer heran, indem ich mir vorstelle, dass ich Dirigentin bin«, sagte sie im Interview mit dem Fact Magazine.

Zuerst formt sie verschiedenen Stimmen mit den Oszillatoren – etwa so, wie man ein Orchester mit Instrumenten besetzen würde. Dann gibt sie ihnen Aufgaben und überlegt, geleitet von visuellen Assoziationen, wie sie sich aufeinanderschichten lassen. Für das neue Album hat Smith sich eine ganze Reihe unterschiedlicher Synthesizer ausgeliehen und sie eingespielt – den großen Modularsynthesizer Buchla 200e, einen Oberheim 2 Voice, einen Sequential Circuits Prophet 5 und viele andere. Selbst ein Ondes Martenot, eines der frühesten elektronischen Instrumente, ist zu hören.

Die Liebe zu akustischen Instrumenten ist ihr trotz ihrer Begeisterung für elektronische Klangsynthese geblieben. Für »The Kid« schrieb sie Sätze für das Streichquartett Stargaze, nahm Flöten, Fagott und Trompete auf. Die akustische Grenze zu den Texturen der Synthesizer ist fließend, so organisch sind die Klänge, die sie den Schaltkreisen entlockt. Viel größer ist der Bruch, der durch den Gesang entsteht. Im ritualisierten Stück »An Intention« werden viele verfremdete Stimmen übereinander gelegt, die entfernt an die Synth pop-Band The Knife erinnern und das filigrane Synthesizergewebe in die Rolle der Begleitung verdrängen.

Existentialistische Themen sind typisch für Smith. Der zweite Teil des Albums handelt von der Phase der Ausbildung eines Bewusstseins über das eigene Dasein. Die Brüche werden hier weicher, das Wachstum im Motivspiel repetitiver. »I Am Learning« dringt zunächst aus kosmischer Ferne und zeichnet große Weiten, bevor sich metallische, geräuschliche Synthesizer und Smiths Stimme in größerer Nähe zeigen. »The Kid« ist ein Kopfhöreralbum, ohne das brillante Arrangement von Nähe und Distanz und die Bewegung der Stimmen im Stereofeld ginge viel von seiner Wirkung verloren. Gesang und Synthesizer nehmen im Verlauf des Albums eine gleichberechtigte Stellung ein. In dem verspulten Popsong »To Follow and Lead« tun sie, was der Titel vermuten lässt: Sie werfen sich Melodien zu, entwickeln sie weiter oder sind einander ein Echo.

Die fließendsten, motorischsten Stücke erzählen von dem Moment, in dem junge Erwachsene beginnen, den prägenden Kräften ihrer Kindheit etwas zurückzugeben. Das instrumentale »Who I Am & Why I Am Where I Am« ist die Aufnahme einer einzigen Spur auf dem seltenen EMS Synthi 100. Gläsern und warm kreist ein treibendes Motiv um sich selbst, das Terry Rileys Minimal Music als eine von Smiths Inspirationsquellen verrät. Ein scharfer Klang läuft rhythmisch dagegen, wird zu Vogelgezwitscher und verliert die Form wieder. Pulsierend steigern sich die Motive zum meditativen Rausch. An dieser Stelle bedauert man es, dass die Stücke nicht ineinander übergehen. Mancher Fadeout wirkt plump, manches Ende ist abgehackt und will nicht zum Konzept passen.

Mit einem Klangbild der Ruhe des Alters und der Abwesenheit eines Strebens nach Entwicklung endet »The Kid«. Es sind die organischsten Stücke des Albums, Eleganz und Getragenheit haftet ihnen an. In »To Feel Your Best«, dem Finale, bricht Smiths Stimme gewaltlos durch das schwirrende, fließende Klangbett. Sie ist ganz klar und nah, die Texte sind verständlicher als sonst: »Cause I will wake up one day and you won’t exactly be there/even though I know it’s a perspective.« In einfachen, hymnischen Zeilen verbindet Smith ein spirituelles Weltbild mit den urmenschlichsten Gefühlen von Trauer und Abschied in einer solchen Schönheit, dass die Schwere der Melancholie sich selbst trägt. Es ist keine Grausamkeit, keine Verzweiflung, wenn sie singt: »I will miss your face.«

 

Kaitlyn Aurelia Smith: The Kid (Western ­Vinyl)