Im nordrhein-westfälischen Hagen treten linke Stadtteilinitiativen rassistischer Stimmungsmache entgegen

Den Grauschleier wegwaschen

Der Hagener Stadtteil Wehringhausen galt jahrzehntelang als links­alternatives Viertel. Seit einigen Monaten machen Anwohner dort Stimmung gegen den Zuzug von Menschen aus Südosteuropa. Lokale Initiativen arbeiten dem entgegen und für Integration.
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In Hagen ist die größte Universität Deutschlands zu Hause – die Fernuniversität mit fast 80 000 Studierenden. Spötter sagen, die Hagener wüssten schon, warum sie eine Fernuniversität gegründet haben. Denn eine Schönheit ist die Stadt, durch die drei Autobahnen verlaufen, wirklich nicht. In der Innenstadt dominiert der graue Beton der Nachkriegszeit. Und wirtschaftlich hat die am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets gelegene Stadt auch schon bessere Zeiten erlebt. Vor Jahren verlegte der Zwiebackhersteller Brandt, die Marke mit dem blonden Jungen, seine Produktion vollständig nach Thüringen. Auch Varta, früher führend im Bereich der Batterieproduktion, ist längst aus Hagen verschwunden.

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Eine Ausnahme im tristen Hagener Grau bietet der Stadtteil Wehringhausen, der am Goldberg am Rand der Innenstadt liegt. An der Langen Straße, die sich quer durch den Stadtteil zieht, gibt es Restaurants, einen Bioladen, ein Repair-Café, einen linken Buchladen und einiges mehr.

Wehringhausen ist das Herz der alternativen Szene in Hagen. Musiker wie Nena oder die Band Extrabreit begannen hier in den siebziger Jahren ihre Karriere. Auch heutzutage gibt es mit dem Kulturzentrum »Pelmke« noch einen bedeutenden Ort für die Alternativkultur, der zu Konzerten auch zahlreiche Besucher von außerhalb anzieht. Trotzdem ist der Stadtteil weit davon entfernt, ein rein linker Kiez zu sein. Das untere Wehringhausen, das von der Bahnstrecke zum Hagener Hauptbahnhof durchschnitten wird, ist und war schon immer ein Ort, an dem die ärmeren Menschen leben. Hier, rund um den Bodelschwinghplatz, sind die Häuser noch grauer als im Rest der Stadt. Viele stehen halb oder ganz leer. Die einzigen Geschäfte, die es hier gibt, sind Kioske, die Bier zu niedrigsten Preisen verkaufen. Der einzige Arzt, der in Hagen Methadon abgeben darf, hat hier seine Praxis. In einer nahegelegenen Bahnunterführung halten sich seine Klienten auf. Es stinkt nach Urin. Im unteren Wehringhausen ist es besonders hässlich.

 

Der »Wehringhausen-Codex«: Stadtteilmarketing für die alternative Szene?

Jan Eckhoff wohnt schon sein ganzes Leben in dem Stadtteil. Er sagt, es sei nicht neu, dass es dort nicht so gut aussieht. Er erzählt die Geschichte von seinem Opa, der als einfacher Arbeiter zuerst in der Augustastraße, direkt neben den Bahngleisen, gelebt habe. Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg ging es für den Großvater auch geographisch weiter nach oben. »Eine Genossenschaftswohnung im oberen Wehringhausen, das war ein Erfolg«, sagt Eckhoff. Der Mittdreißiger ist »Textmensch«, er arbeitet unter anderem für eine Hagener Wochenzeitung. Zusammen mit »a design collective«, einem »Atelier für visuelle Kommunikation«, hat er den »Wehringhausen-Codex« entwickelt. Auf Stadtteilkonferenzen wurde über den »Wertekanon« für das Viertel entschieden. Eckhoff und die Designer unterzogen den Text lediglich einer Schlussredaktion, doch er scheint ihnen eine Herzensangelegenheit zu sein. Bewohner des Stadtteils übersetzen das Papier in die Sprachen Arabisch, Bulgarisch, Englisch, Rumänisch und Türkisch.

Der Inhalt des Codexes ist im Prinzip simpel. Er soll dem Stadtteil ein positives und tolerantes Selbstbewusstsein vermitteln. Wehringhausen soll sich als ein »engagiertes, respektvolles und lebendiges Quartier« verstehen. »Wir sind ein aktives, quirliges, vielfältiges, buntes Viertel. Und wir sollten diese Stärken nutzen, um so die Schwächen und Probleme anzugehen, anstatt diese als unüberwindbar in den Mittelpunkt zu rücken«, findet Eckhoff. Passend zu dem Codex gibt es Aufkleber, die ein rotes Herz mit einem W drin zeigen. Was Eckhoff und seine Mitstreiter tun, wirkt auf den ersten Blick wie Stadtteilmarketing. So etwas wollen sie aber nicht machen. Es gehe darum, aus dem Viertel heraus Ideen und »nachhaltige Lösungen« zu entwickeln und nicht »hochtrabende Kampagnen« zu planen, die nach ihrem Ende in Vergessenheit gerieten. Eckhoff ist gut darin, für seinen Stadtteil zu werben. Er beschreibt ihn als großes Dorf, mit vielen kreativen Menschen und Mietpreisen, von denen man woanders nur träumen kann. Für einen Quadratmeterpreis von nur 4,50 Euro kann man hier Wohnungen mieten.

 

Stimmungsmache gegen Roma

So positiv wie Jan Eckhoff Wehringhausen zeichnet, wird es nicht immer dargestellt. Viele Menschen im Stadtteil ärgern sich derzeit über einen Fernsehbericht, der kürzlich auf Sat 1 lief. »Ein Stadtteil wird zur Müllhalde«, so die einleitenden Worte des Moderators. Zu sehen gibt es Gelbe Säcke, in denen der Plastikmüll abgeholt wird, und Sperrmüll aus mehreren Perspektiven in Großaufnahme, dazu eine Handvoll besorgter Anwohner, die darüber sprechen, wie sehr der Stadtteil verkomme. Sie sagen, dass man seine Kinder nicht mehr dort großziehen könne und dass immer mehr alteingesessene Wehringhausener wegzögen. Abends traue sie sich nicht mehr raus, erzählt eine Anwohnerin.

Grund für den Ärger seien »Zuwanderer aus Osteuropa«, heißt es in dem Beitrag, der den Titel »Roma-Probleme« trägt. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren fast 1 000 Menschen aus Rumänien in den Stadtteil gezogen. Keine geringe Zahl im Verhältnis zu den etwa 15 000 Menschen, die insgesamt dort leben. Viele Rumänen lebten vorher in Duisburg oder Dortmund, zogen von dort aber weg, nachdem die Städte immer repressiver gegen die Zuwanderer und sogenannte Problemhäuser vorgegangen waren. Unsicher oder gar gefährlich ist es in Hagen durch die Zuwanderer allerdings nicht geworden. Das sagt sogar die Polizei. Der Stadtteil habe keine besonders hohe Kriminalitätsrate. Es gebe bei den Zuwanderern ein paar Schwierigkeiten mit der Müllentsorgung, das sei aber kein polizeiliches Problem, so ein Behördensprecher.

Interessant ist, was Bastian Wessel vom »Aktionsbündnis Antiziganismus« über die Protagonisten in dem Beitrag von Sat 1 zu berichten weiß. Sie gehörten zu den aktivsten Mitgliedern einer geschlossenen Facebook-Gruppe mit dem Namen »Ein Stadtteil kämpft – … Wir sagen nein!«, der 300 Personen angehörten. Ein Fotograf, der am Rande des Stadtteils wohnt, habe das Treffen mit dem Fernsehteam organisiert. Wessel charakterisiert die Facebook-Gruppe als »rassistisch und antiziganistisch«. Vor den Bundestagswahlen sei dort zur Wahl der AfD aufgerufen worden. Täglich würden in der Gruppe Müllbilder gepostet. In Kommentaren werde den »Zigeunern« die Schuld gegeben. Doch Wessel kritisiert nicht nur die Facebook-Gruppe. Auch die Lokalzeitung Westfalenpost beteilige sich an der Stimmungsmache gegen Roma, zudem gebe es institutionellen Rassismus in Hagen. Das dortige Jobcenter wurde im Sommer von einem Sozialgericht verurteilt, an einen rumänischen Vater Leistungen auszuzahlen. Das Gericht kritisierte im Urteil offen die Behörde: diese »erwecke den Eindruck, dass sie es in einer Vielzahl derartiger Fälle regelmäßig darauf anlege, nur zu leisten, wenn sie von dem Gericht dazu verpflichtet« werde.

In Wehringhausen kann man sehen, wie viel linke oder alternative Stadtteilarbeit auch in einer kleineren Stadt erreichen kann. Was man gemeinhin »Szene« nennt, ist hier nicht groß, aber eng miteinander verbunden.

Dass sich die Stimmung in der Stadt und im Stadtteil geändert hat, ist auch Kerstin Sack vom Buchladen »Quadrux« aufgefallen. »Der Rassismus tritt heute offener zutage«, sagt sie. Seit 1978 gibt es das linke Kollektiv im Stadtteil. Im Schaufenster nehmen zwar Romane und Kinderbücher viel Raum ein, im Laden selbst haben aber auch viele Bücher aus linken Verlagen ihren Platz. Es gibt Kategorien wie Antifaschismus oder Globalisierung. Sack kann viel darüber erzählen, wie sich das Leben im Stadtteil verändert hat. »Früher waren wir die Bösen«, sagt sie. In den siebziger und achtziger Jahren seien Linke in der Stadt als »Terroristenfreunde« verschrien gewesen.

Das habe sich geändert, mittlerweile säßen die Kollektivmitglieder aus dem »Quadrux« in der lokalen Händlergemeinschaft. Auf Stadtteilkonferenzen habe ihr Wort Gewicht. Eine zentrale Rolle bei der Wandlung habe das Stadtteilzentrum »Pelmke« eingenommen, berichtet Sack. Seit Mitte der achtziger Jahre existiert das selbstverwaltete Kulturzentrum in der ehemaligen Pelmkegrundschule, in der einst Nena Lesen und Schreiben lernte. Heutzutage finden dort Punkkonzerte und Jazzabende statt, es gibt politische Vorträge und Stadtteilversammlungen.

Zu solchen Treffen kommen nicht nur Linke. Als sich an einem Abend im November verschiedene Initiativen in der »Pelmke« vorstellen, ist Kerstin Sack genauso dabei wie Jan Eckhoff und Sarah Klych von der Initiative »Kunst vor Ort«. Diese bespielt verschiedene Plätze in Hagen, unter anderem den Wilhelmsplatz im Zentrum von Wehringhausen. Ihr Ziel ist es, das »Kreativbewusstsein« von Kindern im Stadtteil zu stärken. Dafür gehen Mitglieder der Initiative auf öffentliche Plätze und arbeiten mit einfachen Mitteln. Sie möchten ihr Angebot leicht zugänglich machen. Viele Kinder, die zweimal pro Woche auf dem Platz malen und basteln, kommen aus Zuwandererfamilien. Wenn Klych auf den Wilhelmsplatz kommt, stürmen Kinder auf sie zu und schnattern wild durcheinander. »Das passiert auch, wenn ich nur einkaufen gehen will«, erzählt die Studentin. Seit fast zwei Jahren gibt es die Initiative. Auf dem Wilhelmsplatz hat sie ein Trafohäuschen neben dem Spielplatz gemeinsam mit den Kindern bemalt.

 

Gemeinsam gegen Rassismus

Doch ihre Arbeit geht weit über das Künstlerische hinaus. Oftmals leistet sie auch praktische Sozialarbeit. Etwa wenn die Mitglieder spät abends in der »Pelmke« sitzen und überlegen, woher sie Matratzen für die Familie eines Kindes herbekommen, das regelmäßig zu den Kunstaktionen kommt. Jetzt, wo es kälter ist, ist »Kunst vor Ort« nicht mehr auf dem Platz präsent, sondern im Stadtteilladen, der sich in einem leerstehenden Geschäft befindet. Der Stadtteilladen ist ein Projekt der »Pelmke«, um mehr im und für den Stadtteil tun zu können. Für »Kunst vor Ort« ist es wichtig, diesen Treffpunkt zu haben, um auch im Winter für die Kinder ansprechbar zu sein.

In Wehringhausen kann man sehen, wie viel linke oder alternative Stadtteilarbeit auch in einer kleineren Stadt erreichen kann. Was man gemeinhin »Szene« nennt, ist hier nicht groß, aber eng miteinander verbunden. Das kann mit Sicherheit auch mal unangenehm werden, wenn es größere Streitigkeiten gibt. In Hagen scheinen zurzeit allerdings viele Menschen an einem Strang zu ziehen, um sich auf unterschiedlichste Art gegen Rassismus und Antiziganismus zu engagieren. Dabei können sie allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen zwar nicht umkehren, aber verglichen mit anderen Orten könnte es in Wehringhausen deutlich schlechter laufen.