Der letzte linke Kleingärtner war in der großen Stadt

Etwas wächst immer

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 33
Kolumne Von

KRBerlin und die dort ansässigen Metro­polenlinken werden mich für eine Weile nicht sehen. Es reicht. Ich bin andere Entfernungen gewohnt. In Berlin ist es schier unmöglich, in weniger als einer Stunde von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Aber dafür kann man den Daheimgebliebenen irgendwas davon erzählen, dass man in Berlin gewesen sei. Das ist immerhin die Hauptstadt, was in den Ohren ihrer Bewohner und ihrer Nichtbewohner wichtig klingt. Wir wollen schließlich alle wichtig sein. Fast wäre die Fahrt gescheitert, weil ein Sturm namens »Friederike« die Bahn für einen Tag in die Knie zwang. Dumm, wenn man wie ich bereits im Zug saß.

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In Berlin beehrte ich die Demonstration »Wir haben es satt« für eine freundliche Landwirtschaft. Das Thema der Veranstaltung ist wichtig, aber manche Ökos nerven einfach mit ihrer personellen wie inhaltlichen Monotonie. Die Reden waren – von Ausnahmen ­abgesehen – reich an Moral statt an politischem Inhalt oder gar ökonomischer Analyse. Die Redner teilten die Welt in gut und böse ein. Manche Organisationen nehmen ihr auf Lebenszeit gepachtetes Rederecht jährlich in Anspruch und kokettieren mit der sie umgebenden Aura von Wichtigkeit und Größe. Die vermeintlich basisdemokratische Ökobewegung ist recht autoritär unterwegs. Am Tag danach unterhielt ich in der Schankwirtschaft Laidak die Zuhörer mit einer Lesung aus bisher veröffentlichten Kolumnen.

Nun bin ich wieder im Kleingarten. Die wichtigsten Tugenden dort sind Geduld, Übersicht – und viel innere Unruhe. Geduld, weil nicht immer alles so läuft wie geplant; Übersicht, weil zumindest einer in der Gesellschaft ja den Überblick haben muss; innere Unruhe, weil sie unsereins zu großen Taten antreibt. In wenigen Tagen beginnt die Aussaat. Wer will, kann ab Mitte Februar die Blumentöpfe mit Erde füllen, Tomatensamen reinlegen und die Fensterbank in der beheizten Stube damit dekorieren. Die Tomaten müssen nach dem Aufgehen abgestützt werden und können ab Mai in den Garten gepflanzt werden. Entweder man hat dann spezielle Tomatenstäbe oder man begnügt sich mit Holzstangen. Bei Letzteren muss man ab und an die Pflanze mit einem Seil festbinden.

Aber bis dahin ist noch ein bisschen Zeit, während derer ich meine Saatgutvorräte kontrolliere und mir notiere, was ich nachkaufen muss. Das Standardsaatgut für Bohnen, Erbsen und Salate gibt es in den meisten Supermärkten. Es ist meist Hochertragssaatgut, das unter idealen Bedingungen vermehrt wurde. Diese idealen Bedingungen gibt es im eigenen Garten aber eher selten. Mal regnet es zu viel, mal zu wenig, mal ist es zu kalt, mal zu heiß. Der ver­sprochene Ertrag bleibt dann aus, stellt sich aber im zweiten und dritten Jahr eher ein, da sich das Saatgut von Jahr zu Jahr an den Boden und das Klima anpasst – vorausgesetzt, man betreibt Nachbau und lässt beispielsweise Bohnen oder Erbsen ausreifen, trocknet sie zu Hause und verwendet sie dann als Saatgut. Ich finde es faszinierend, wie sich die unscheinbaren Samenkörner einer beliebigen Pflanze über die Jahre hinweg verändern und anpassen. Darauf fußt der Kleingärtnerspruch: Etwas wächst immer. Wenn man speziellere Sorten bevorzugt, empfehlen sich ökologische Saatgutzüchter. Oder man tauscht Saatgut mit Nachbarn, so diese denn überhaupt einen Gemüsegarten haben. Die so erworbene Ware ist meist ­widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge als die aus dem Supermarkt und bringt sichere Erträge. Der Nachteil ist: Man muss mehr Aufwand betreiben. Ein Kleingärtner wäre allerdings nicht der, der er ist, wenn er sich nur auf eine dieser vier Quellen – Supermarkt, eigener Nachbau, Nachbarn, Ökozüchter – versteifen würde. Unsereiner bedient sich ohne Hemmungen überall.

Da es nach meiner Lesung auch reges Interesse an meinen Hühnern gab, beantworte ich hier noch eine drängende Frage: Wie kommen eigentlich die Hühner gegen Abend wieder in den Stall, wenn sie in einem Gehege fernab der gemütlichen Behausung sind? Bekanntlich arbeiten sie in meinem Garten, düngen ihn fleißig mit ihren Ausscheidungen, zupfen Unkraut – okay, ein richtiger Öko sagt so was nicht, aber ich bin nur ein halber Öko und darf das Dreckskraut so nennen – und fressen Ungeziefer, allen voran Schnecken und deren Eier. Es ist auch im Winter allabendlich das gleiche Ritual. Sobald es anfängt, dunkel zu werden, oder manchmal erst dann, wenn es bereits stockfinster ist, gehe ich zum Gehege, locke die Hühner aus ihrer Behausung heraus, stecke mir ihre Eier in die Tasche, leuchte ihnen mit der Taschenlampe meines Smartphones den Weg zurück in ihren sicheren, weil gemauerten Hühnerstall und schließe die Luke. Dort sind sie sicher vor Fuchs und Marder, die leider keine Veganer sind und Hühnerfleisch wie Hühnerblut mit Heißhunger verzehren. Im Hühnerstall hopsen die vier Hühner dann gemäß ihres einprogrammierten Urinstinkts auf eine Schlafstange, die eine zusätzliche Barriere für lästige Raubtiere darstellt. Und nach und nach kehrt Ruhe ein bei den Menschen und bei den Hühnern, und alle Zweibeiner machen die Äuglein zu.

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