Homestory

Homestory #09

Neulich fand unser Geschäftsführer im zweiten Hinterhof des Redaktionsgebäudes die Papiermülltonne statt ordnungsgemäß entleert noch randvoll vor – und versehen mit einem kleinen Brief. Adressiert hatte ihn eine anonyme Person an den »Befüller der Tonne«. »Ich bin nicht Herkules«, beschwert sich die Person, mutmaßlich jemand von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben. Die Tonne, heißt es ferner, habe eine Maximalbefüllung von 90 Kilogramm. Der Brief endet mit dem lakonischen Vermerk: »Das hier ist mehr.« Erfrischend, wenn die Müllabfuhr anhand von Figuren aus der antiken Mythologie über ihre Rechte und Pflichten aufklärt.

Anzeige

Die Geschäftsführung der Jungle World hat sofort beschlossen, zur nächsten Leerung der Papiermülltonne ein Entschuldigungsschreiben zu verfassen und gut sichtbar anzubringen. Aber vorsorglich hat das Socia-Media-Team der Jungle World schon einmal ein Foto von dem Brief und der mit Korrekturfahnen und übrig­geblieben Zeitungen der vergangenen Wochen bis knapp über den Rand gefüllten blauen Mülltonne auf die Facebook-Seite gestellt und mit der Anmerkung versehen, dass die Redaktion Besserung gelobt. Das führte zu belustigten Kommentaren, aber auch einer merkbar verstimmten Reaktion. »Die gute Zeitung«, schreibt Mirco E. »Hier muss ich kilometerweit danach suchen und bei euch liegt sie stapelweise im Müll. Frech.« E. ist wohnhaft in einer jener abgehängten Regionen, in denen nicht nur keine Jungle World erhält­lich ist, sondern es auch keine Kioske gibt, an denen man sich nach Ladenschluss mit Bier, Süßigkeiten und Tabakwaren eindecken kann. Weil außerdem seit der Privatisierung der Post und dem Aufstieg von Onlineversandriesen in punkto Lieferpünktlichkeit so ziemlich alle Regionen ein bisschen abgehängt sind, ist leider auch das Print-Abo der Jungle World nicht immer die verlässliche Abhilfe für diesem Notstand.

E. hat inzwischen das gemacht, was wir allen empfehlen, die sich in dieser Hinsicht abgehängt fühlen: ein Online-Abo abgeschlossen. Es ermöglicht das Herunterladen einer PDF-­Datei, die sich auch bequem auf dem Smartphone oder Tablet lesen lässt.
Abgehängt kann man sich inzwischen auch in den Sozialen Netzwerken fühlen, seit vor einigen Wochen Facebook seine Algorithmen drastisch verändert hat. Seitdem hat unser Social-Media-Team festgestellt, dass die von uns auf Facebook veröffentlichten Inhalte kaum noch bei den etwa 39 000 Personen ankommen, die auf unserer Facebook-Seite »Gefällt mir« geklickt haben.

Facebook will nämlich, dass wir dafür bezahlen, dass unsere Inhalte auch auf dem Newsfeed der Facebook-Profile dieser Leute mitgeteilt werden. Da uns dazu das Geld fehlt und – im Widerspruch zum weit verbreiteten Irrtum, im Internet sei alles kostenlos – auch die Arbeitszeit, die ein Social-Media-Team und eine Online-Redakteurin leisten, entlohnt wird, empfehlen wir allen unseren Online-Leserinnen und -Lesern, nicht nur auf Facekook unter »Abonnieren« die Option »Als erstes anzeigen« anzuklicken, sondern besser noch gleich dem Beispiel von E. zu folgen. Dann wären wir nämlich auch etwas unabhängiger von launischen Internetgroßkonzernen.