Fangeführte Klubs wollen den Fußball verändern

Wo die Fans den Club leiten

Der Fußballverein von Ciudad de Murcia bezeichnet sich als »Club de Accionariado Popular« (CAP), als Club der Volksaktionäre.

Als Teresa López ein Kind ist, glaubt sie, dass es in Spanien eigentlich nur zwei Lieblingsvereine gibt, unter denen man aussuchen kann: Real oder Barca. Nach einer Umfrage des spanischen Meinungsforschungs­instituts CIS von 2014 unterstützen 37 Prozent der spanischen Fans Real Madrid, 25 Prozent unterstützen Barcelona. Damit sammeln sich fast zwei Drittel aller Anhänger bei zwei Vereinen. Als sie klein ist, entscheidet sich Teresa López für Real Madrid. Eigentlich trifft sie selbst gar ­keine Entscheidung. Sie wird ihr gegeben. Ihr Vater nimmt sie mit ins Bernabéu-Stadion, und damals, sagt López, ist Fußball etwas anderes, wenn man Kind ist. Sie riecht den Rasen, sieht die Mannschaft vor sich auf dem Platz, saugt die Atmosphäre in sich auf, und es beeindruckt sie, es nimmt ihr die Entscheidung ab. Und dann der Fußball, der gespielt wird, die Stars. »Real gegen Barca, was für eine Qualität, madre mia!« Teresa López sitzt in einem Einkaufscenter nicht weit vom Stadion José Barnés. Sie spricht leise, aber sie ­erinnert sich noch heute mit Leidenschaft. Real Madrid wird ihre erste Liebe im Fußball. Heute Abend ist sie weit weg davon, in einem viel zu stark klimatisierten Shoppingcenter in der Innenstadt von Murcia. Es ist dunkel draußen, die Läden haben geschlossen. Nur noch Harrows Bar hat geöffnet. Vor der Bar, im zugigen Korridor, sitzen um die 20 Leute im Kreis auf harten Stühlen. Hier trifft sich die Versammlung der Anteils­inhaber beim Fanverein CAP Ciudad de Murcia, und Teresa López ist eine von ihnen, sie hält seit der Gründung einen Anteil. Mit Real ist sie groß geworden, bei Ciudad ist sie gelandet. Seltsam, so was. Sie ist fast immer da, bei Spielen, Versammlungen, Abstimmungen. »Basisdemokratie funktioniert, wenn es um etwas geht, was dich interessiert«, sagt sie. »Um etwas Sinnvolles.«

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Wo Vereine untergehen, müssen die Anhänger anpacken. In den kleinen Clubs werden sie aktiv

 

Wie hoch die spanischen Vereine verschuldet sind, lässt sich nur schätzen. Im Jahr 2010, dem Gründungsjahr von CAP Ciudad de Murcia, geht der spanische Professor Jaume Llopis von etwa vier Milliarden Euro allein bei den Erstligisten aus. Davon stehen mutmaßlich allein 700 Millionen bei Real Madrid. Ein Jahr später berichten mehrere Blätter, dass in den ersten beiden Ligen 21 Vereine in den vergangenen Jahren Konkurs anmelden mussten oder kurz davor stünden, dies zu tun. Dazu gehören renommierte Clubs wie Betis Sevilla, RS San Sebastián oder der FC Málaga. Journalisten prophezeien einen großen Kollaps der spanischen Liga, wieder mal. Etliche Vereine erhalten mutmaßlich illegale Subventionen, mit denen sie sich vor der Insolvenz retten. 2013 leitet die EU-Kommis­sion ein Verfahren ein. Und einige, vor allem die Kleinen, fallen. Das öffnet die Türen für die Fan-Initiativen. Verschärfend hinzu kommt ein Gesetz, das ursprünglich dazu gedacht war, die Lage zu verbessern. 1990 werden die schon damals hochverschuldeten spanischen Vereine der ersten und der zweiten Liga zwangsweise in Aktiengesellschaften umgewandelt, in sogenannte SADs (Sociedades Anónimas Deportivas). Sie dürfen nicht mehr mitgliedergeführt sein. Doch am wirtschaftlichen Gebaren der Fußballclubs verbessert die Reform kaum etwas, und auch die Kluft zwischen Madrid, Barcelona und dem Rest der Liga kann sie nicht verkleinern. Dafür verhilft das Gesetz zweifelhaften Geschäftsleuten zur Allmacht, mit oft bitteren Folgen für die Vereine und ihre Anhänger. Ausgenommen von der Pflicht zur SAD sind bis heute nur vier Clubs: Real Madrid, Barcelona, Athletic Bilbao und Osasuna. Die mitgliedergeführten Vereine aber wirtschaften auch nicht verantwortlicher als die anderen. »Spanien ist ein Land, in dem die Anhänger sehr gelitten haben«, sagt José Francisco Navarro, Präsident beim Fanverein Ciudad de Murcia. »Sie haben einen Hass auf das typisch spanische System, wo eine Person mit viel Geld ankommt und über alles entscheidet. Irgendwann haben die Fans gesagt: Jetzt reicht es. Der Club gehört mir, nicht dir.« Wo Vereine untergehen, müssen die Anhänger anpacken. Dass die ruinösen Großclubs während der Wirtschaftskrise weiter vom Staat gefüttert werden, während die Anhänger zu Hause mit dem Nötigsten zurechtkommen müssen, macht viele Fans wütend. Und in den kleinen Vereinen werden sie aktiv.

Im Nachhinein kann Teresa López schwer sagen, wann der Punkt kam, an dem sie die Liebe zu Real verlor. Um 2002 wird sie Fan von Ciudad de Murcia, dem Verein ihrer Heimatstadt, aber da ist es noch nicht so weit. Als Ciudad 2010 untergeht und das Projekt Fanverein beginnt, ändert sich allmählich die Welt. Fußball fühlt sich jetzt anders an als vorher. »Es ging nicht mehr so sehr um Sport. Es war mir nicht mehr wichtig, in welcher Liga meine Mannschaft spielt. Das hier wurde unser Projekt.« Teresa López arbeitet bald fast jeden Tag für den Verein. Es ist viel neben dem normalen Leben, und es wird nicht leichter: Als es losgeht mit dem Fanverein, sind im harten Kern der Szene die meisten Leute noch Studenten. Jetzt haben sie Arbeit, Familie, man kann sich nicht fünf Mal teilen. Und abends wartet die Freiwilligenarbeit in Arbeitsgruppen: Finanzen, Soziales, Presse. Der Fanverein wird zu ihrem Umfeld, das vieles andere ausblendet, im Guten wie im Schlechten. Ciudad de Murcia lebt von einem kleinen Kreis von sehr Engagierten. Das macht die Organisation leichter, aber das Pensum größer. Dazu gibt es einen großen Rest von Fans, der vor allem dann abstimmt, wenn es um den Look des neuen Trikots geht, der manchmal vergisst, Beiträge zu zahlen, all diese Dinge. Aber Ciudad gibt zurück. Teresa López spürt das. Wenn sie heute Real Madrid im Fernsehen guckt, fühlt sie nichts mehr. »Ich schaue mir die Spiele an, aber ich bin nicht mehr nervös. Ich empfinde nichts.«

Ungefähr ein Mal im Monat stimmen die Anhänger im Plenum ab. Auf den Stühlen hockt ein kleiner Kreis von Aktiven: Sie kennen sich, sie sind befreundet. Es hat etwas von studentischer Arbeitsgruppe, dieselben Typen: Der Wortführer. Die Engagierte. Der Quertreiber. Der Schüchterne. Der Gruppenclown. Wer es spannend findet, diskutiert heute über einen Aufnäher am Trikotärmel, der vielleicht entfernt werden soll oder vielleicht auch nicht. Die Diskussion wabert vor sich hin. »Okay Leute, hat noch jemand was zu sagen?« Teresa López ist sehr aufmerksam. Sie hat viel zu sagen. Irgendwann, als es draußen immer dunkler wird und die Klimaanlage jetzt wirklich sehr kühlt, zerfleddert die Debatte in viele kleine Gesprächskreise. Aufbruchsgeist, Gemeinschaftsgefühl, Ermüdung von zu viel Gerede, in Murcia gibt es das alles auf einmal.

Es sind die Jungen, die das Projekt tragen. Die Älteren halten sich zurück; sie haben keine Zeit für so etwas. »Unsere Generation ist die, die alles angefangen hat«, sagt Teresa López. »Wir sind die, die den Karren ziehen.« Wer zieht den Karren, wenn die erste Generation erschöpft ist? Sie wissen, dass das ein Problem werden könnte. Im Moment aber ist ­Teresa López glücklich. Dass ihre Mannschaft nie in der ersten oder zweiten Liga spielen wird, sagt sie, habe sie akzeptiert. Vielleicht ist das die Formel, um einen Fanverein langfristig am Leben zu halten: Mit dem Kleinen zufrieden zu bleiben. Gemeinschaft gegen Erfolg zu tauschen und nicht nach den ganz großen Siegen zu schielen, oder nach der ersten Liga. Denn irgendwann kommt für auch Ciudad die Entscheidung zwischen Basisdemokratie und Pokalen.

Nicht nur die »Ley de 92«, das Gesetz, wird fast allen Profivereinen Mitgliederführung verbietet, wird einen Erstligisten Ciudad de Murcia wohl für immer verhindern. Es sind, wie überall, auch die Gesetze des Marktes. Ciudad gibt pro Jahr 6 000 bis 7 000 Euro für den Kader aus. In der vierten Liga ist das ein extrem schmaler Geldbeutel. Der Fanverein hat einen der drei niedrigsten Etats der Liga. Andere spanische Viertligisten, sagt José Navarro, zahlten Monatsgehälter von 800 bis 1 000 Euro, Murcia kann den Spielern nicht mal eine Wohnung finanzieren. Ciudad spielt in der vierten Liga gegen den Abstieg statt um den Aufstieg, und wenn man das Finanzierungskonzept beibehalten will, wird der Amateurfußball Endstation sein. Schon nach dem Aufstieg 2015 hat Ciudad de Murcia den Eintritt ins Stadion von drei Euro auf fünf Euro erhöht. Viel mehr ist in Südspanien auf dem Level nicht vermittelbar, und mehr wollen sie auch nicht verlangen. Rund 1 500 Zuschauer kommen pro Partie – es ist der höchste Wert der Liga. Sie sind stolz auf die Begeisterung. Aber es reicht nicht, um die wirtschaftlichen Nachteile des eigenen Systems auszugleichen.

Es ist noch nicht so lange her, dass Leute im Verein auftauchten, die nicht das Wohl von Ciudad im Sinne hatten. Die Geschäfte machen wollten, so sagt es Navarro. Man sei sie rechtzeitig losgeworden, sagt er. Aber die Sorge wird er nicht mehr los. Eines Tages, fürchtet er, falls Ciudad noch erfolgreicher werden sollte, könnten nicht zwei oder drei, sondern Hunderte dieser Menschen auftauchen. »Die Gefahr ist real.« Und so haben sie gelernt, dass es klüger sein kann, unter dem Radar zu bleiben. Sie wollen an der Grasnarbe wachsen, nicht nach oben. »Die Zukunft der Fanvereine liegt in den unteren Ligen«, glaubt José Navarro. Und im Stolz auf Kleinigkeiten. Teresa López sagt, ihr größter Wunsch sei kein Aufstieg. Sondern das neue Stadion für die Jugendteams fertig zu sehen. Schönen Fußball vermisst sie nicht. Und wenn doch, schaltet sie die Champions League an. Real oder so.


Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Alina Schwermer: »Wir sind der Verein. Wie fangeführte Klubs den Fußball verändern wollen. Neun Geschichten von Deutschland bis Israel«. Werkstatt-Verlag, Göttingen 2018, 224 Seiten, 16,90 Euro