Sexueller Missbrauch an Athletinnen: US-Turnerin Aly Raisman verklagt Funktionäre

Das Desinteresse an der Aufklärung

Die prominente US-amerikanische Turnerin Aly Raisman verklagt Funktionäre, damit Konsequenzen aus dem Skandal um den systematischen sexuellen Missbrauch junger Sportlerinnen gezogen werden.

Gut drei Monate sind seit dem Prozess gegen Larry Nassar vergangen. Der Teamarzt der US-amerikanischen Turnerinnen hatte unter dem Vorwand wichtiger Untersuchungen seit 1992 mehr als 250 Mädchen und Frauen missbraucht. Der heute 54jährige wurde in drei Prozessen zu  Haftstrafen von bis zu 175 Jahren ­verurteilt und muss mindestens 100 Jahre im Gefängnis bleiben.

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Der öffentliche Druck auf Verbände und Funktionäre, die vermutlich schon seit Jahren von den Vorwürfen wussten und die Vorgänge vertuschten, hält jedoch weiterhin an. Die dreifache Turnolympiasiegerin Aly Raisman reichte vor einigen Wochen Klage gegen das Nationale Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC) und den US-amerikanischen Turnverband USA Gymnastics (USAG) ein. »Meine oberste Priorität ist, Änderungen anzustoßen, damit zukünftige Generationen sicherer leben können«, sagte Raisman. »Aber es wurde mir schmerzlich klar, dass diese Organisationen kein Interesse daran haben, mit diesem Problem angemessen umzugehen.« Die Turnerin wirft USOC und USAG vor, mutmaßlich nicht nur vom sexuellen Missbrauch an Athletinnen gewusst zu haben – die Organisationen hätten obendrein kein wirkliches Interesse an einer unabhängigen Klärung. »Ich hoffe, dass sie durch Klagen zur Verantwortung gezogen werden«, so Raisman.

Die sich aus dem Skandal ergebende zentrale Frage lautet: Wie reagieren die Verbände und was ändert sich langfristig? Schon im Sommer 2015 hatte Raismans Trainerin Maggie Nichols den Verband USAG über die seltsamen »Untersuchungsmethoden« des US-Teamarztes Larry Nassar informiert. Nassar wendete bei seinen Patientinnen regelmäßig vaginale Penetration an, angeblich, um deren Beckenmuskulatur zu entspannen; die Behandlungen bei dem Mediziner waren für die Turnerinnen verpflichtend. Dabei hätten die Funktionäre gewarnt sein können: Bereits 1992 war ein USAG-Coach wegen Vergewaltigung einer zwölfjährigen Turnerin verurteilt worden. Der Nationaltrainer des Olympiateams von 1994 wurde 2011 nach Missbrauchsvorwürfen zweier ehemaliger Athletinnen lebenslang gesperrt. Ein weiterer ehemaliger Coach wurde 2002 angezeigt und verbüßt derzeit eine 36jährige Haftstrafe wegen sexueller Belästigung einer Zehnjährigen.

 

Die US-Amerikanerinnen profitieren höchstwahrscheinlich auch vom anhaltenden Erfolg der »Me Too«-Bewegung. Raisman, die sich zu einer Sprecherin der Sportlerinnen gemacht hat, sagte kürzlich der Miami New Times: »Ich habe das Gefühl, dass ich das hier noch eine lange Zeit tun muss. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber wir stehen immerhin besser da als vor einem Jahr.«

 

Bereits früher war Nassar vom Verband angewiesen worden, die Turnerinnen nicht ständig zu fotografieren. Laut Anklage waren sogar Trainer von USA Gymnastics bei einigen der »Behandlungen« anwesend. Doch es dauerte nach der Beschwerde noch einen Monat, bis sich der Verband überhaupt an das FBI wandte. Nassar wurde schließlich entlassen. Und die Michigan State University, an der Nassar weiter junge Turnerinnen behandelte, wurde nicht darüber informiert, warum der Arzt seinen Job verlor.

Das Nationale Olympische Komitee der USA behauptete, bis zu einem Zeitungsartikel im September 2016 von nichts gewusst zu haben. Journalisten des Lokalblatts The Indianapolis Star hatten ein Jahr lang zu Nassar recherchiert, Turnerinnen und Eltern interviewt und umfassende Beweise präsentiert. Kurz darauf stellte sich heraus, dass USAG die Anschuldigungen schon ein Jahr früher an den Sicherheitsbeauftragten des USOC per Mail weitergegeben hatte. Der soll, so die neue Variante, diese Nachricht jedoch angeblich nicht weitergeleitet haben.

Wie es möglich sein konnte, dass Larry Nassar über mindestens 25 Jahre mehrere hundert Athletinnen systematisch missbrauchte, ohne dass irgendjemand in den Organisationen etwas mitbekommen oder geahnt haben will, bleibt ein Rätsel. Nassar ist der prominente Kopf, der rollte. Als sie ihn nicht mehr schützen konnten oder wollten, waren die Verbände schnell dabei, den Mut der Turnerinnen zu loben: Über 250 hatten in einem emotionalen Prozess gegen den Teamarzt ausgesagt, darunter Stars wie Aly Raisman und Simone Biles. Lange beschränkte sich die mediale Aufmerksamkeit entsprechend auf Nassar. Die Klage Raismans geht nun an das Grundproblem: die Trägheit und das Desin­teresse der Verbände. Beim Nassar-Prozess war vom Nationalen Olympischen Komitee niemand anwesend. »Warum wohl haben ich und andere hier nichts vom USOC gehört?« fragte Raisman während ihrer Aussage. »Warum ist das USOC still geblieben? Warum ist das USOC jetzt gerade nicht hier?«

Das Komitee entschuldigte sich später dafür. Personelle Konsequenzen hatte es in den US-Verbänden immerhin gegeben: Der Vorstand von USAG trat wegen des öffentlichen Drucks zurück. Auch USOC-Geschäftsführer Scott Blackmun ist mittlerweile nicht mehr im Amt – offiziell aus gesundheitlichen Gründen, aber wohl auch wegen der immer heftiger werdenden öffentlichen Kritik. Jüngst gelobte das USOC, Athletinnen und Athleten besser schützen zu wollen und eine unabhängige Untersuchung einzuleiten. Dass diese Untersuchung, bei der USOC die Untersuchenden beauftragt, wirklich unabhängig sein wird, bezweifeln viele Nassar-Opfer, darunter Raisman: »Nach all der Zeit wollen sie immer noch keine vollständige Untersuchung durchführen. Und ohne zu verstehen, wie das alles passieren konnte, ist es illusorisch, zu glauben, dass wir etwas verändern können.« Von innen, ist sie sicher, werden sich die Institutionen kaum reformieren.

Es half, dass Nassars Opfer nicht irgendwelche Breitensportlerinnen, sondern international bekannte und teils sogar noch aktive Athletinnen sind. Wenn sie erst einmal sprechen, sind sie weniger leicht zum Schweigen zu bringen. Bisher war eine derartig lange Diskussion in der Öffentlichkeit kaum möglich – normalerweise verlaufen solche Debatten eher wie die über den Missbrauchsskandal im englischen Fußball, der Ende 2016 publik wurde. Damals meldeten sich immer mehr betroffene Ex-Fußballer, die als Kinder von ihren Trainern sexuell missbraucht worden waren. Die Aufregung aber verebbte schnell; der prominente Sündenbock, Ex-Trainer Barry Bennell, hat sich im Januar 2018 schuldig bekannt. Konsequenzen aus dem Fall wurden von Verband und Vereinen so gut wie keine gezogen.

Die US-Amerikanerinnen profitieren höchstwahrscheinlich auch vom anhaltenden Erfolg der »Me Too«-Bewegung. Raisman, die sich zu einer Sprecherin der Sportlerinnen gemacht hat, sagte kürzlich der Miami New Times: »Ich habe das Gefühl, dass ich das hier noch eine lange Zeit tun muss. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber wir stehen immerhin besser da als vor einem Jahr.«

Dabei ist schon lange bekannt, dass gerade der Sport mit seinen engen, oft wenig überwachten Beziehungen zwischen Trainern und Kindern ein ideales Umfeld für sexuellen Missbrauch bietet. Und dass die Vereinsstrukturen es den Tätern leicht machen: Sie können oft auf das Schweigen und Wegschauen der Verantwortlichen zählen, die Skandale scheuen und lieber stillhalten, als auf sportliche Erfolge zu verzichten. Dazu kommt die Unsicherheit der Eltern, die, wenn sie überhaupt etwas ahnen, oft nicht wahrhaben wollen, dass der doch so nette, um ihr Kind besorgte Coach »so etwas« tut. Und sich sowieso nicht sicher sind, was Kinder alles falsch interpretieren.

Raisman möchte auch dies ändern. Die Turnerin wirbt derzeit intensiv bei Facebook und Twitter für eine Kampagne namens »Flip the Switch« (»Den Schalter umlegen«). Sie soll Erwachsene darin unter­richten, wie sie sexuellen Missbrauch schneller erkennen, indem sie auch auf nonverbale Zeichen wie Essstörungen oder Depressionen achten. Und Kindern früh klarmachen, welche Berührungen durch zum Beispiel einen Trainer nicht okay sind. Nicht zuletzt möchte die Kampagne etwas in der Sportkultur bewegen: Beim Umgang eines Trainers mit Minderjährigen soll immer ein anderer Erwachsener in Sichtweite sein. Der dann im Idealfall auch einschreitet – anders als die Trainer von USA Gymnastics.