Die musikalische Emanzipation der Band Camp Cope

Ganz sicher unsicher

Das australische Trio Camp Cope vertont auf »How to Socialise & Make Friends« die eigenen Schwächen und die der anderen so eindringlich wie schon lange niemand mehr. Nebenbei ermuntern sie zur Selbst­ermächtigung.

»How to Socialise & Make Friends« ist das zweite Album von Camp Cope aus Melbourne, bestehend aus Georgia McDonald, Kelly-Dawn Hellmrich und Sarah Thompson. Ihr Debüt, das als Titel schlicht den Bandnamen trägt, war 2016 einer der Überraschungserfolge der australischen Musikszene. Nicht nur stieg das Album auf Platz 36 der Albumcharts des Landes ein, die Erstauflage war nach wenigen Monaten ausverkauft. Camp Cope wurden in sechs Kategorien für den jährlichen »National Live Music Award« nominiert, sie waren die erste Punkband, deren Konzert im altehrwürdigen Sydney Opera House gefilmt wurde, ganz davon zu schweigen, dass sie die erste all-female-band sind, der diese Ehre zuteil wurde.

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Der Erfolg der ersten Platte lässt sich möglicherweise mit dem hohen Identifikationspotential erklären, welches das Trio bietet. Das Album thematisiert – wie eine sehr wohlwollende Besprechung bei Pitchfork treffend attestierte – in erster Linie Scham. Sängerin und Gitarristin McDonald hat eine besondere Gabe, sonst gerne banal behandelte Gefühlszustände adäquat zu beschreiben, ob Entfremdung, Depression oder die eigene Emanzipation. »Jet Fuel Can’t Melt Steel Beams« zum Beispiel war eine Hymne gegen den patriarchalen, autoritären Status quo, und nebenher auch gegen Verschwörungstheorien.

Das lang erwartete Nachfolgealbum ist wie schon der Erstling nicht bei der großen Musikindustrie gelandet, sondern von einem Independent-Label verlegt worden. Das zeigt, wie lebendig, emanzipiert und selbstständig die australische Musikszene ist, wo auch altgediente und im Ausland hochgeschätzte Bands unabhängig bleiben und trotzdem ein großes Publikum finden. Beispiele wie Courtney Barnett, Royal Head­ache und King Gizzard zeigen ­anschaulich, wie die Industrie popkulturell relevante Entwicklungen verschläft.

»How to Socialise & Make Friends« ist ein Statement. Schade, dass es im Deutschen keine adäquate Übersetzung für »vulnerable« gibt, denn dieses Wort, dessen Bedeutung zwischen entwaffnender Offenheit, Fragilität und gewählter Angreifbarkeit hin- und herschwingt, bringt die Essenz von Camp Cope auf den Punkt. McDonald thematisiert schonungslos, was es bedeutet, Frau und Musikerin zu sein. Schon in »The Opener« wird die von Männern dominierte Musikszene kritisiert, weil es nicht ausreicht, ein paar Frauen als »Opener« hinzustellen. Längst ist die Band bekannt dafür, patriarchale Strukturen insgesamt sowie in der australischen Szene im Speziellen offensiv anzusprechen. In »The Face of God« reflektiert McDonald neben selbst erlebtem übergriffigen Verhalten auch die unangenehmen Nachwirkungen, wenn dieses von Tätern mit festem Standing in der Szene ausgeht und die deswegen nur we­nige bis keine Konsequenzen spüren müssen. Allzu bildhaft sind die in den Songs beschriebenen Szenarien, die einem selbst als Mann erschreckend bekannt vorkommen: Der Ekel vor dem selbstgerechten Ex-Partner und vor sich selbst, der Anfall von Beklemmung in der lokalen Punkerkneipe, die Fahrradfahrt durch leere nächtliche Straßen.

Die musikalische Umsetzung kommt einer Skelettierung des Indie-Rock gleich: Ein sehr minimalistisches, unbestechliches Schlagzeug, ein meist in den oberen Skalen gespielter Bass, der tänzelnd die grundlegenden Melodien bereitstellt, und eine aufs Nötigste heruntergeschraubte, angedeutete Gitarre, die nur unterstützt, anstatt sich in den Vordergrund zu spielen. Über all dem steht der höchst variable, etwas raue Gesang von McDonald.

Die bewusste Bescheidenheit ist die Stärke der Band: Sie nehmen sich im Dienst der Inhalte ihrer Songs zurück. Das verdeutlicht nicht nur die Eindringlichkeit, die den Texten beigemessen wird, sondern kann auch als Statement gegen Mackertum verstanden werden. Camp Cope sehen – wie viele Bands ihrer Generation – Indie-Rock nicht als Arena, in der kommerzielle Ambitionen oder narzisstische Rockstar-Qualitäten ausagiert werden. Musik ist für sie das Vehikel, eigene Schwächen zu verarbeiten, das Politische im Privaten herauszukehren, wütend zu sein. Damit weisen sie den Weg für hoffentlich viele weitere Mädchen und Frauen, das von Generationen von Männern aufgestellte Rock-Regelwerk und all seine Bewertungskataloge zu verändern.

Camp Cope sind role models und stellen sich auf die Seite jener, die sich mit all den besungenen offenen Wunden und Übergriffen herumschlagen müssen und daran wachsen – oder zerbrechen. Denn auch das gehört zum Mythos von Popkultur: Leid, Sackgassen und Entfremdung – nichts anderes ist Thema des Blues des frühen letzten Jahrhunderts, der das Fundament für die heutige Populärkultur bildete. Wenn Pop immer nur »das andere« ist, das Ideal, dann ist es nichts als ein leb­loses Produkt. Camp Cope aber sind das Gegenteil.

 


Camp Cope: How To Socialise & Make ­Friends (Run for Cover Records)