Der Selbstinszenierung rechter Verlage bei der Leipziger Buchmesse sind viele Beobachter auf dem Leim gegangen

Offensichtliche Inszenierungen

Von wegen »große Kubitschek-Show«: Warum die Diskussionen über die bei der Leipziger Buchmesse den Rechten angeblich verwehrte Freiheit der Meinungsäußerung den Blick auf die Selbstinszenierungs­strategien der extremen Rechten verstellen.

Am Ende war irgendwie doch alles so, wie die meisten es erwartet hatten. Die Organisation der Buchmesse hatte zwar den Verlagen der extremen Rechten einen abgeschiedenen Teil als Ausstellungsfläche zugewiesen, erlaubte ihnen jedoch, Veranstaltungen durchzuführen. Die Rechten nutzten diese – wie sollte es auch anders sein – dafür, ihre prominentesten Vertreter in Szene zu setzen.

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Auch in diesem Jahr bestimmte eine Frage das Geschehen wie keine andere: Wie »mit Rechten reden«?

Diese Fokussierung auf einen möglichen Dialog ist problematisch, da sie vielfach davon ablenkt, dass die Selbst­inszenierungen der extremen Rechten einer Logik gehorchen, die vor allem eines zeigen will: nämlich das, von dem die Rechten wollen, dass wir es sehen. Es gilt also, diese Darbietungen zu analysieren und aufzuzeigen, was dargestellt werden soll und was nicht. Inter­essanterweise ist vieles an diesen Inszenierungen mehr als offensichtlich.

 

Auch in Leipzig zeigte sich erneut, dass die Neurechten personell und organisatorisch mit den »alten« Rechten vernetzt sind.

 

Allein die von vielen Medien reproduzierten Bilder kleinerer Rangeleien zwischen extremen Rechten und gegen sie Protestierenden zeigen, wie es beispielsweise ein Video des »Jüdischen Forums für Demokratie und gegen ­Antisemitismus« (JFDA) unter dem Titel »Rechter Dominanzversuch auf Leip­ziger Buchmesse« direkt in den ersten Sekunden festhält, dass der neurechte Ideologieproduzent Götz Kubitschek und sein Verlag Antaios ihre Truppen fürs Grobe immer noch hauptsächlich aus Mitgliedern der Identitären Be­wegung (IB) rekrutieren. Gerade im Vergleich mit Bildmaterial der Identitären-Gruppe »Kontrakultur« aus Halle, das diese im Juli 2017 auf Facebook ­teilte und das eine größere Anzahl von ihnen in Abwehrkampfhaltung vor ihrem Hausprojekt zeigt, offenbart sich: Die Personen in den ersten Reihen sind dieselben. Selbst manche österreichischen Kader, wie zum Beispiel der Frontmann der IB Wien, Philipp Huemer, sind wieder eigens nach Deutschland gereist.

Auf der anderen Seite darf aber gerade diese aktionsorientierte Selbst­inszenierung der Identitären als »erste Reihe« in der unmittelbaren Au­s­einandersetzung nicht davon ablenken, dass der Verlag Antaios seine Koope­ration mit prominenten Kadern der IB weiter ausgebaut hat und sein Monopol auf die Veröffentlichung von szenerelevanten Schriften beibehält. In Leipzig zeigte sich dies insbesondere mit der prominenten Inszenierung von Martin »Lichtmesz« Semlitsch und Caroline Sommerfeld-Lethen. Gerade Letztere ist mit ihrer Teilnahme an Aktivitäten der Identitären und ihrer enormen Textproduktion eine der wichtigsten neuen Figuren in den Reihen der IB und des Antaios-Verlags. So war Sommerfeld-Lethen am Wiener Flug­hafen dabei, als Mitte März der österreichische IB-Leiter Martin Sellner und dessen Freundin Brittany Pettibone aus Großbritannien zurückkehrten, nachdem ihnen dort die Einreise verweigert worden war.

Auch Sellner selbst durfte sich in Leipzig erneut in Szene setzen. Besonders bemerkenswert war allerdings, dass ihm mit Alexander Schleyer ein Mitautor eines noch nicht veröffentlichten Buchs zur Aktion »Defend Europe« zur Seite gestellt wurde, der noch im Februar auf der Website des extrem rechten ­Magazins Info-Direkt behauptete, er sei nur Seemann, aber kein Aktivist. Der Burschenschafter und ehemalige deutsche Marinesoldat war Kapitän der »C-Star«, mit der die Identitären auf hoher See Propaganda gegen Menschen machten, die über das Mittelmeer flüchten.

Soweit unterstreichen diese Inszenierungen das gängige Bild, das die ­Identitären gerne von sich selbst zeichnen: die kampfbereite erste Reihe, die aber auch tief in einer scheinbar intellektuellen Diskussion über die eigene Ideologie steckt. Diese Annahme bestätigt die Rechtsextremismusexpertin Judith Götz, die sich das Treiben vor Ort anschaute: »Ich denke, dass es den ­anwesenden rechtsextremen Verlagen weniger um die tatsächliche Präsen­tation und Verbreitung ihrer haptischen Materialien geht, sondern um die ­Inszenierung einer Selbstverständlichkeit, mit der sie sich auf derartigen Events präsentieren.«

Doch auch in Leipzig zeigte sich erneut, dass die Neurechten personell und organisatorisch mit den »alten« Rechten vernetzt sind. So sieht man im erwähnten Video des JFDA den Autor und maßgeblichen Organisator der ­extrem rechten Vernetzungs- und ­Finanzierungsplattform »Ein Prozent« (»Deutschlands größtes patriotisches Bürgernetzwerk«), Philip Stein, im freundschaftlichen Gespräch mit dem ehemaligen »Blood and Honour«-­Kader Sven Liebich.

Ein Blick auf Philip Stein und die Kampagnen, die »Ein Prozent« derzeit führt, zeigt, was die Reaktionäre in ­ihrer Selbstinszenierung auslassen: So setzten sich Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer zwar auf ein Podium, um dort gemeinsam darzulegen, dass ­Kubitscheks Sezession die geistige Tiefe liefern und Elsässers Compact die ­breite Masse erreichen solle. Dabei ließen sie aber bewusst aus, dass sich ­diese metapolitische Strategie längst handfest in der Praxis niederschlägt und dass beide Seiten bei der aktuellen rechtsextremen Kampagne »Werde ­Betriebsrat« so eng wie nie zuvor zusammenarbeiten. Besonders die von »Ein Prozent« organisierten Aktionen sollen ihren bürgerlichen Anstrich nicht verlieren und werden deswegen ­bewusst nicht in die große Kubitschek-Buchmessen-Show integriert. Zu sehr bestünde die Gefahr, dass diese Aktionsformen durch das aggressive Auftreten der Identitären die Aufmerksamkeit einer breiteren medialen Öffentlichkeit bekämen und andere Kooperationspartner, beispielsweise die AfD bei »Werde Betriebsrat«, verschrecken könnten. Ein Umstand, der sich auch daran zeigte, dass in Leipzig jene Akteure, die stark in diese Vorhaben involviert sind, erst gar nicht auftauchten – selbst wenn sie zum Beispiel ohnehin als Kader der Identitären Bewegung bekannt sind. »Ein Prozent« bleibt also die Organisation, mit der der offizielle Unvereinbarkeitsbeschluss der AfD mit den Identitären umgangen wird.

Die Leipziger Buchmesse erwies erneut deutlich: Auch wenn die Diskussion mit den Organisationen und Personen der extremen Rechten auf ein Minimum reduziert werden, auch wenn sie auf eine Stellfläche am Rande des Geschehens verwiesen werden – allein durch ihre Anwesenheit und ihre Selbstinszenierung setzen sie deutliche Statements. Umso wichtiger erscheint, auch in Anbetracht des Spektakels dieser Inszenierungen, nicht der non­verbalen Strategie der Rechten auf den Leim zu gehen. Selbst wenn ihre Wortbeiträge nicht mehr direkt reproduziert werden, allein über die Publizität ihrer Inszenierungen gelingt es ihnen, Diskurse zu beeinflussen und ihre Ideologie zu verbreiten.