Krauts und Rüben – Die Kapriolen des Wetters und und Klimawandel

Klimaschutz und große Gefühle

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 36
Kolumne Von

Ein Kleingärtner mag es durch die Bank weg groß. Er kümmert sich um die Ernährung der Menschheit. Drunter macht er es nicht. Was läge da näher, als das eigene gärtnerische Wirken flugs mit dem Klimaschutz in Verbindung zu bringen und dadurch zu adeln? Ohne uns Kleingärtner keine Ernährung der Welt und ohne uns auch kein Klimaschutz. Eigentlich müsste es für uns Kleingärtner einen noch zu kreierenden Klimaorden geben. Denn am Wirken des Kleingärtners soll und wird die Welt genesen und dies beileibe nicht nur in seiner Einbildung. Vielleicht könnte man auch noch die Uno einbeziehen. Ich weiß nur noch nicht, wie.

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Aber Klimaschutz ist allemal ein gutes Motiv. Man muss es dem Fußvolk und den Nachhaltigkeitsgroupies nur irgendwie verkaufen. Vielleicht nach dem Motto CO2-Neutralität: Mein guter Boden bindet das böse Kohlendioxid. Möglicherweise ließe sich darüber auch ein Arbeitseinsatz organisieren, eine Win-win-Situation gewissermaßen. Ich helfe, das Klima zu schützen – das macht ja sonst niemand –, und dafür bekomme ich einige Arbeitskräfte gestellt, an die ich die Gartenarbeit delegiere. Für mich bliebe dann vorwiegend das Organisieren. Ich wäre dann nur noch dem Namen nach ein Kleingärtner und könnte sicherlich auch Führungen durch meinen naturnahen Garten anbieten. Gegen Bares, versteht sich. Die Ökos haben ja reichlich Zaster. Ich würde dann für irgendwelche Selfies mit bildungshungrigen Gören der Ökos nochmal eine Hacke oder einen Spaten in die Hand nehmen und damit vor der Kamera posieren. Das wäre dreifach gut: Für meinen Geldbeutel, für mein Image und ganz bestimmt auch irgendwie fürs Klima.

Wenn wir schon mal beim Klima sind: Das Wetter ist die größte Plage des Kleingärtners. Es macht, was es will.

Den ganzen März über spielte es verrückt. Zunächst frostige Temperaturen, tagelang minus acht Grad und dann: Regen, Regen, Regen. Nur mal kurz unterbrochen von ein bisschen Sonnenschein, der aber auch nicht wirklich weiterhalf, sondern nur die Illusion von einer schönen Zukunft lieferte. Aber satt wurde ich davon nicht. Wie zur Hölle soll man dabei den Boden für die Aussaat vorbereiten oder gar mit dieser bereits beginnen?

Diese Wetterkapriolen hängen ganz bestimmt mit dem Klimawandel zusammen. Das fühle ich. Und Gefühle sind schließlich wichtig. Die werden in unserer durchrationalisierten Welt oft geleugnet. Aber wir Kleingärtner stehen dazu. Gut, so richtig belegen lässt sich das nicht, denn das Wetter und das Klima sind grundverschiedene Dinge. Das eine ist ein kurzfristiges Getue, das andere erstreckt sich über Jahrzehnte. Wenn die denn ausreichen. Aber es ist ein gutes Gefühl, wenn man das unpassende wie störende Wetter mit dem großen Thema Klimaschutz in Verbindung bringen kann. Unsere vermeintlich kleingeistige und kleinräumige Arbeit erhält dadurch eine weltpolitische Bedeutung. Aus dem Kleingärtner wird ein Stratege für Klimaschutz. Ohne Kleingärtner droht der ökologische Kollaps. Was dieser Satz bedeutet, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber er hört sich bedeutungsschwanger an. Irgendwas wird schon dran sein, glaube ich mal. Und den Glauben muss man den Menschen lassen. Vielleicht ist die Mutter Erde ja irgendwann bereit, uns Kleingärtnern den Zugriff auf das Wetter zu geben. Den goldenen Wetterknopf sozusagen. Wenn es so weit ist, werden wir endlich das Land haben, in dem rund um die Uhr Milch und Honig fließen.

Zurück in den Garten: Wenn diese Kolumne erscheint, sind die dicken Bohnen, die ab Ende Juni geerntet werden können und richtige Eiweißbomben sind, unter der Erde – Wetter hin oder her und zwei Wochen später als geplant. Ebenso die Zuckererbsen, die sich ab Anfang bis Mitte Juni vor Ertragsschmerzen heftig biegen werden. Und ein paar Reihen verschiedene Salatsorten – Rucola, Pflücksalate – sind ebenfalls schon gesät.

Wenn es mir nicht zu viel Arbeit bereitet, decke ich sie mit einem Vliestuch ab, das Licht durchlässt, aber für eine höhere Temperatur direkt am Boden sorgt. Und in Ermangelung eines Gewächshauses lümmeln zu Hause auf den Fensterbänken 20 bis 30 Blumentöpfe, gefüllt mit selbst hergestelltem Kompost und bestückt mit verschiedenen Salaten sowie Kohlrabi und Grünkohl. Das Gros des Gartens wird für die Aussaaten in den nächsten Wochen vorbereitet sein. Besonders gut lassen sich die Stellen vorbereiten, an denen im vergangenen Jahr Kartoffeln wuchsen. Die lockern nachhaltig den Boden und erleichtern damit die Folgesaaten. Das alles wird spätestens am Tag des Erscheinens dieser Zeitung erfolgt sein. Und zwischen Schreiben und Erscheinen dieser Kolumne wechselt der ein oder andere Liter Apfelwein zwar nicht den Besitzer, wohl aber das Behältnis: vom Fass in den Magen. Auf all das gebe ich mein großes Ehrenwort.