Platte Buch - Andi Schoons Roman »Die schwache Stimme«

Suche nach dem Echten

Hat Götz Kubitschek einen Eiswürfel an Stelle eines Herzens? Kann man als neurechter Ideologe mitfühlend sein? In dem Roman »Die schwache Stimme« von Andi Schoon begegnet uns Alois Paschen, der diese Frage aufwirft. Der unglückliche Unternehmensberater und Kammermusikliebhaber ist eigentlich zu sensibel, um der Mensch zu sein, der aus ihm geworden ist. Er schwankt zwischen Träumen von einer »reformatorischen Landwehr« und seiner Verachtung für die ordinäre Art eines Freundes, der zum neurechten Vordenker wurde und seine Kinder ­Nazi-Liedgut trällern lässt.

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»Die schwache Stimme« ist das literarische Debüt von Andi Schoon, früher Sänger und Gitarrist bei Jullander, heute Professor für Kultur- und Medienwissenschaft an der Hochschule der Künste Bern. Schoon reiht vier kurze Episoden aneinander. Es geht um die Suche nach Sinn, an der Schoons ­Figuren verzweifeln. Alle wollen etwas »Echtes« finden, das ihrem Leben Bedeutung gibt. Der Anthropologe Dieter Ganske etwa reist nach Tanger, um »authentische« Zeugnisse der dortigen Kultur zu finden, ist aber ver­unsichert, wenn er damit konfrontiert ist. So unterschiedlich die Lebensläufe sind, die der Text skizziert, – es werden zugleich auch die unheim­lichen Ähnlichkeiten offenbar. Das mag ein wenig nach »Ideendichtung« klingen, aber zum Glück bleibt der Roman angenehm vieldeutig und hat es nicht nötig, Botschaften zu verbreiten.

Wir lernen Sarah Tobler kennen, eine Hamburger Künstlerin, die zusieht, wie Familienleben und der Job bei Gruner + Jahr aus ihrem Freund einen Spießbürger machen, während sie zwischen Ausstellungen und Kindererziehung zu navigieren versucht. Einmal wird »die schwache Stimme« laut, wenn Sarah nachts »Ihr Arschlöcher« in Richtung Hamburger Hafen brüllt. Sie steht vor dem Golden Pudel Club, das Gebäude von Gruner + Jahr ist nicht weit entfernt. Wer eigentlich gemeint ist, bleibt offen.

Andi Schoon: Die schwache Stimme. Textem Verlag, Hamburg 2018, 120 Seiten, 14 Euro